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20.04.2022, Jamal Tuschick

© Jamal Tuschick

Karl May in Bornheim

Am Morgen hatte der Wirt Kartoffeln bekommen, die Säcke standen in der Diele. Man war schließlich auf der Arbeit und nicht auf der Flucht. Auf der Speisetafel wurde ein Strammer Max für sieben Mark angeboten. Die Bildzeitung war ordentlich gefaltet. Sie sah gebügelt aus. Den Vormittag über blieb sie den Rentnern vorbehalten, die auf ihre Garderobe achteten und den Ruhestand als Karrieresprung betrachteten. Sie gingen äußerst sorgfältig mit der Zeitung um. Sie rückten auch an den Filzen mit zurechtweisenden Bewegungen herum.

Der Wirt ignorierte seine Gäste in gegenseitigem Einvernehmen. Die Frühbiertrinker wollten bis Mittag mit dem Wirt nichts zu tun haben. Er hieß Karl May wie schon sein Vater und sein Großvater. Es war kaum zu glauben, aber schon viel zu lange so. Karl May hatte seine eigene Bildzeitung, seine eigene Tasse, seinen eigenen FSV-Wimpel und seinen eigenen Aschenbecher. Die Winkel zwischen den Gegenständen in seiner Ecke waren nicht zufällig. An dieser Ordnung rührte besser keiner.

Karl May hatte sein Leben an Ort und Stelle verbracht, er wohnte im Haus wie schon sein Vater und sein Großvater im Haus gewohnt hatten. Einmal abgesehen von sonntäglichen Ausflügen, samstäglichen Heimspielbetrachtungen am Bornheimer Hang, Stunden im Garten, Krankenhausbesuchen, Einkäufen und dem alljährlichen Sommerurlaub, war Karl May ständig in seiner Wirtschaft.

Karl May war ein furchtbarer Knochen, er drosch empfindungslos das leere Stroh der schankwirtschaftlichen Spruchmeisterei. Er war rabiat, Rassist war er nicht. Er hatte zur „Förderung von ausländischen Arbeitslosen“ mit seinen Rentnern eine Initiative gegründet, ich traue mich kaum, es zu sagen, die „interkulturelles Jobcoaching“ anbot.

Was gab es noch? Regina Halmich, das Ozonloch, im Kinderkrankenhaus von Saporischschja fehlte es von Einweghandschuhen über Zahnbürsten bis zu Desinfektionsmitteln an allem. Chefärztin Daryna Witalijiwna Poroschenko wandte sich an Karl May, der hatte schon mal geholfen.

Die Säcke sackten in der Diele. Karl May besaß Bilder von Willi Sitte und Wolfgang Mattheuer, sie hingen neben röhrenden Hirschen.

Karl May hätte jedes Kompliment als Beleidigung aufgefasst, man hatte sich schlicht und ergreifend kein Urteil zu erlauben. Seine Rentner diskutierten den Sonntagabend mit Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl.