MenuMENU

zurück zu Main Labor

21.04.2022, Jamal Tuschick

„Eine Krone ist lediglich ein Hut, in den es hineinregnet.“ Friedrich II.

*

Ich mag keinen 60plus-Galgenhumor. Ich will keine feuerfeste Nussknackerin im Rosenzuchtrausch sein. Mir graut vor dem Typus der unverwüstlichen Provinzpatrona in der Spielart einer vorpommerischen Best-Ager-Pomeranze.

Aus den Aufzeichnungen der Jonna von Stellberg

© Jamal Tuschick

Beängstigend glücklich

Sie beginnt den täglichen Atemkontrollgang durch ihren Körper. Jonna könnte die Übungen im Garten machen. Gewohnheit hält sie im Haus. Sie zieht Kraft aus der Küchenantike. Staub bildet funkelnde Spiralsäulen. Jonna feiert den bündigen Anblick der - Delfter Keramik nachempfundenen - Kacheln über dem Tiefbecken. 

Wie wohl ihr ist. Wie beinah beängstigend glücklich es sie macht, im Skipperhus in die Jahre zu kommen. Jonna möchte mit niemanden tauschen. Sie muss sich am Riemen reißen, dass sie nicht ständig jeder Blume ein Gedicht aufsagt.

Wie weit weg vom fleischigen Durchschnitt sie existiert. Knochig und kantig ist sie. Groß für eine Frau, sagte man früher. Wie lange hat Jonna das nicht mehr gehört.

Kaum Busen.

Darüber war Jonna nicht immer glücklich. Doch jetzt empfindet sie den flachen Rumpf als Segen; als gute Arbeitsgrundlage, wenn sie sich gymnastisch betrachtet.   

Als Mädchen träumte Jonna von überwältigenden Marzipanapfelbrüsten. Sie träumte davon, wie dieser oder jener seinen Kopf in ihrem Dekolleté verlöre. Die Imagination war konkret. Jonna brauchte ein realistisches Umgebungsbild. Jungen, die in Frage kamen, kannte sie vom täglichen Umgang. Wir begehren, was wir kennen, erklärt Hannibal Lecter im „Schweigen der Lämmer“ der Polizeischülerin Clarice Starling. Diese Einschätzung fand Jonna stets bestätigt.

Heute gefällt sie sich fast zu gut. Die Richtung stimmt. Das beweist Jonna jeden Morgen ein müheloser Bewegungsfluss.

Sie tanzt sieben Figuren nach einem in Leipzig wissenschaftlich ergründeten Programm, mit dem sich die Schauspielerinnen an ihrem Theater fit hielten, solange die DDR währte.

Bis 1990 war Jonna Kostümbildnerin am Rostocker Alexandra Kollontai Theater. Sie war ein Jemand, mit einer Familie, die in einer viel prägnanteren Weise etwas darstellte, als es in der Berliner Republik irgendwem möglich wäre. Jonna blieb die Tochter ihrer Eltern in der Rolle des in allen Belangen herangezogenen Einzelkindes; während ihr ostwestfälischer Westliebhaber Kasper von Roßbach im ersten Durchgang eine Familie gründete, die weiterwächst, ohne sich um ihn zu kümmern. Nach der Scheidung schnitt man ihn einfach ab. - Und Kasper ließ sich abschneiden, weil er glaubte, er könne in einer anderen Besetzung noch mal von vorn anfangen.

Für Kasper ist seine gescheiterte Ehe bloß eine Irrtumsgeschichte, die ihn blauäugig aussehen lässt; während Jonna eine Selbstgefälligkeit sieht, die sie manchmal sogar rührt. 

Häusliche Geräusche

Sie turnt, bis der Kessel pfeift. Auch das ist ein Geräusch, auf das Jonna nicht verzichten will.

Sie hört sich schlürfen; ein Geräusch, das sie bei anderen schon lange nicht mehr erträgt. Jonna konfrontiert sich mit der Belagfrage. Sie schwankt zwischen dem Holunderblütenhonig aus der heimischen Herstellung ihrer Geschäftsführerin Vilde Fisker und einem angenehm prosaisch beworbenen Scheibenkäse, den sie gestern im famila von Ribnitz-Damgarten mitgenommen hat.

Entscheidungskrise zwischen süß und herzhaft

Sie kann sich nicht entscheiden, das ist auch neu; genauso wie der plötzliche und unerbittliche Harndrang. Das Grauen riecht nach dem prekären Veilchenduft älterer Verkehrsteilnehmerinnen.