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23.04.2022, Jamal Tuschick

Schmidts Selbststilisierung

Marcel Reich-Ranicki äußerte sich so selten wie gründlich über Arno Schmidt. 1967 brachte er in dem Radioessay „Eine Selfmadeworld in Halbtrauer“ Schmidts Selbststilisierung auf den Punkt.  

„Das Gehirntier. Das Genie. Der Solitär. Der Einsiedler. Vor allem aber: Der Verkannte! So stellte sich Arno Schmidt Zeit seines Lebens dar.

Schmidts Bücher waren immer greifbar, zum Teil in edlen Ausgaben. Er heimste Preise ein, fand Gönner, und auch vom Radio kamen Angebote zuhauf. Arno Schmidt war lange Jahre das Lieblingskind der bundesrepublikanischen Redakteure.“ Quelle

Solider Tagtraum

Jonna bedenkt Ranickis Abwehr eines Schriftstellers, der sich zwar antimilitaristisch gerierte, aber doch viel mehr noch als die Siebenundvierziger mit ihrer Alibi-Aichinger und der idiosynkratischen Ingeborg in den Knobelbechern der Wehrmacht steckte. Jonna vertieft sich in das Bild eines Schmidt‘schen Stinkstiefelnikolaus für jeden Tag. Sie zerpflückt den Heide-Solipsisten mit seiner krachledernen Rhetorik und Rumpelerotik.

Bei Schmidt tauchen „begatten“ und „koten“ in einem Satz auf. Da schwingt sich ein Literatur-Tarzan von Ast zu Ast, wenn auch in einem längst vergangenen Präsens. Jonna überlegt, welcher ostdeutsche Schriftsteller der DDR-Schmidt war. Sie verliert den Faden, wie so oft in letzter Zeit. Sie taumelt und trudelt in die Gedankenlosigkeit. Das ist ein gefährlich leerer Raum.

© Jamal Tuschick

Rumpelerotik

Jonna ruft sich zur Ordnung. Sie stellt sich seelisch wieder auf die Beine mit einem bewährten Tagtraum. Darin ist sie die Tochter eines Kapitäns, obwohl schon ihr Großvater nicht mehr zur See fuhr.  

Jonnas Blick flüchtet in den Garten und hält an bei dem Porsche Diesel Junior mit einem 1950er Baujahr. Das ist eine Antiquität unter Traktoren. Volksschlepper nannte man die Zugmaschinen zu DDR-Zeiten.

Etwas ist anders. Das ist der erste Impuls.

Aber was?

Jonnas Wahrnehmung kontrolliert die Elemente des vertrautesten Anblicks. Ach so. Auf der ältesten Gartenzierde, einer stillgelegten Pumpe, liegt etwas. Die erschrockene Unwillkürlichkeit hält das Ding für einen Schrumpfkopf. Es befinden sich noch Exemplare aus einer Sammlung auf dem Dachboden. Die Präparate sollen philippinischen Ursprungs sein. Jonna begnügt sich mit unklaren Vorstellungen und einfachem Kreuzworträtselwissen von Weltgegenden, die ihre männlichen Vorfahren genau kannten. Stünde sie jetzt auf der anderen Seite des Gartenzauns, dann würde sie sagen: Eine unausgesprochene Ablehnung verbindet die Kapitänsgroßenkelin mit jeder Ferne.

Das ist so wahr. Bald zweihundert Jahre gingen Stellberger ohne Ausnahme auf große Fahrt. Gicht & Rheuma erhielten sich als Familienbegriffe bis in die Siebzigerjahre. Damals litt schon Jahrzehnte kein Stellberg mehr unter Kältekrankheiten. Als Kind kam es Jonna so vor, als seien die Begleiterscheinungen eines harten beruflichen Alltags, einschließlich ihrer kuriosen Beschreibungen in alten Hausapotheken allen möglichen häuslichen Dingen eingeschrieben.

Aus Jonnas Aufzeichnungen 

Meine Ahnen machten sich nicht gemein mit Fischern, die in der Badewanne vor der Haustür dümpelten. Obwohl auch die Ostsee loslegen kann, erzieht da doch kein Kap Hoorn zur Gottesfurcht.

Vor Kap Hoorn geraten Polarmeer, Stiller Ozean und Atlantik aneinander. Ich bin durcheinander wegen Ole, Waldemar und Otfried. Sie können mir doch alle nicht das Wasser reichen als geborene Dösbaddel. Also kann ich mir ihre Verehrung lediglich gefallen lassen und muss es eben hinnehmen, für grootsk (aufgeblasen) gehalten zu werden. 

Kurze Einmischung

Als allwissende Erzählerin möchte ich darauf hinweisen, dass die junge Jonna nicht ehrlich zu ihrem Tagebuch war. Es rumorte nämlich mächtig in ihr, zumal wenn sie Otfried (mit dem freundlichen Familiennamen) Vrunt sah. Mit ihm wäre sie über kurz oder lang da hinter den Hecken gelandet, wo sich die Dinge so zutrugen, dass geheiratet werden musste, nicht anders als in vorangegangenen Generationen. Doch war Jonna eine Maike zuvorgekommen, die dann auch mit gefülltem Aabenröhr („Aufbewahrungsfach im Kachelofen“, Quelle) aus dem Unterholz kam.

Noch Jahre bemerkte Jonna ein leises, Otfried gewidmetes Bedauern.

*

Der Schrumpfkopf entpuppt sich als grimassierender Halloween-Kürbis. Jonna sollte vielleicht doch mal wieder ihre liebe Nachbarin, die Augenärztin Sabine Gendriksen besuchen.

Jonna, Sabine, Mila Höckelheim (Gastwirtin, Köchin), Merle Strindberg (Schneiderin mit eigenem Label), Liah Sjöberg (Anwältin) und Ida Klütz (Apothekerin mit eigener Apotheke) bilden an ihrer Boddenecke den schönsten Damenkranz als Freundinnen kurzer Wege und schneller Lösungen.

Doch im Augenblick verfangen sich Jonnas Sinne in der Reuse eines Rätsels.

Was soll ihr der Kürbiskopf sagen?    

Kein Zufall erklärt das Ding auf dem von Hein Hagrich vor langer Zeit festgeschweißten Pumpenschwengel. Jonna fällt eine Binse ein, mit der ihre Mutter gern aufwartete: In jedem Zufall steckt ein Fingerzeig Gottes.

Wer will Jonna mit der aller-heiligen Rübengeistermaske heimleuchten?