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24.04.2022, Jamal Tuschick

„Wie mich das aufregt, dieses Geschwätz weißer Mittelschichtsbürger über ihre Trinkgewohnheiten.“

Die Schwerkraft der Liebe

Miranda Cowley Heller erzählt die Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies unter den Vorzeichen der avancierten Gegenwart des weißen Mittelstandes. Ihr Garten Eden heißt Cap Code. Die Versuchung, der Hellers Heldin Eleanor ‚Elle‘ Bishop - nach Jahrzehnten der Zurückhaltung - eines Abends erliegt, hört auf den Namen Jonas.

Elle und Jonas kennen sich beinah ihr ganzes Leben lang. Einer Kinderfreundschaft gaben sie den Glanz und das Geheimnis adoleszenter Schwurgemeinschaften. Gemeinsam justierten sie ihre Skalen in allen Phasen. Ihr Körpergedächtnis bewahrt Momente, in denen sie sich gegenseitig aufrissen.

Peter: „Das habe ich nur gesagt, um dir wehzutun.“

Elle: „Ich weiß noch genau, wo ich gestanden habe. Nämlich zufällig an diesem Strand.“

Peter: „Du hattest Jeans an … unten waren sie nass.“

Die Folgen falscher Erfüllung

Der Preis für die Erfüllung eines alten Traums ist der Verlust von Ansprüchen, die sich bis dahin aus der ehelichen Vertragserfüllung ergaben. Das fühlt sich mitunter schon so an wie der Verlust des Familienglücks. In der Verlustangst offenbart sich das Wesen des Glücks.

Das Wesen des Glücks ist die Unbeschwertheit; der ungezwungene Umgang mit den Nächsten.

Miranda Cowley Heller, „Der Papierpalast“, Roman, aus dem Englischen von Susanne Höbel, Ullstein, 23,99,- 

Gibt es falsches Begehren im richtigen Leben?

Die Autorin stellt fast am Anfang folgende Fragen in den Erzählraum. Rechtfertigt nicht die Lust selbst den Seitensprung am vorläufigen Ende der langen Strecke eines doppelten Versagens. Aus welchem Recht verweigert man die Befehle der Anziehungskraft? Mit welchem Mandat stemmt man sich gegen die Schwerkraft der körperlichen Liebe?

Offenbart sich der Liebesverrat den Betrogenen nicht ohne Weiteres? Dafür gibt es Anhaltspunkte. Elles Ehemann Peter stellt am Morgen nach der Tat seine Selbstbeherrschung zur Schau und deutet seine Ungemütlichkeit an. Er besteht darauf, der Urlaubsroutine zu gehorchen. Dazu zählt die Einhaltung einer Verabredung mit Jonas und dessen Frau Gina am/im Higgins Hollow. Das Jedediah Higgins House an der Higgins Hollow Road ist eine strandnahe touristische Sehenswürdigkeit aus der Pionier-Ära. Vermutlich hat die mit den örtlichen Verhältnissen von Kindesbeinen an vertraute Elle für den alten Kasten keinen Blick.

Elle ist die Erbin des den Titel stiftenden, von ihrem Großvater errichteten „Papierpalasts“. Die pompöse Bezeichnung erfasst mit Presspappe isolierte Verschläge, die als Mahnmale einer fehlgeschlagenen Geschäftsidee zwar ihren ruinösen Campingcharakter behielten, aber als Elles Familienferienzentrum eine magische Aufladung immerfort erhalten.

*

Die Paare treffen vorgeblich so freundschaftlich wie eh und je aufeinander. Doch sind die Gräben tiefer und die Spannungsbögen irritierender als am Vortag. Das Gesagte verweist auf (zumindest im Augenblick noch) Unsagbares. Ich komme darauf zurück.

*

Heller rollt Elles Herkunftsgeschichte auf. Mutter Wallace, ich stelle sie mir wie Jackie Kennedy-Onassis vor, geistert mit ihren Töchter E. und Anna durch die für sie erreichbaren Neben- und Nebellabyrinthe der New England-High Society. Wallace beansprucht einen bestimmten Lebensstil, ohne ihn sich selbst garantieren zu können. Die Kinder übernachten ständig bei anderen Leuten, angefangen bei ihrem leiblichen Vater, der sich von einer jungen Frau unter Druck setzen lässt. Dixon, ein müßiggängerisch-reicher Freund der Familie, bietet den Mädchen in seinem Prachtwohnung die richtige Umgebung. Im Gegenzug turnt er und seine Geliebte Andrea nackt vor den Kindern herum.

„War das ein guter Fick“, sagt (Andrea).

In der Gleichzeitigkeit einer Überforderung seiner kaum halbwüchsigen Gäste legt der Hausherr (immer noch nackt) eine Platte auf:

„Hört mal auf die Backing Vocals … Clapton ist ein Genie.“

Das ist meisterlich getroffen. Die Szene (im Februar 1977) kennen vermutlich die meisten Boomer:innen der westlichen Hemisphäre aus eigener Anschauung. Damals sah ein schöner Mann wie Tom Jones oder Burt Reynolds aus. Man kultivierte den Golden-Age-of-Porn-Look, also volle Schambehaarung.

Ob Dixon den Entgeisterten No Reason to Cry vorspielte?

*

Elle und Jonas machen weiter, beinah vor den Augen ihrer Angehörigen. Der außereheliche Verkehr gibt dem Begehren des ahnungslos/ahnungsvoll alarmierten Gatten Auftrieb. Man begreift den Seelentumult. Peters Rationalisierungsinstanzen suchen nach einem Ventil, einer schlichten Lösung. Elle verweigert ihm, was sie Jonas an diesem Tag sturzbachartig gewährt.

Lesungen mit Miranda Cowley Heller aus „Der Papierpalast“

08.05. BERLIN Literatur Live, Pfefferberg Theater, Schönhauser Allee 176  

18 Uhr Deutsche Stimme: Claudia Michelsen, Moderation: Shelly Kupferberg

09.05. KÖLN Clouth 104, Niehler Straße 104  

20 Uhr Deutsche Stimme: Ann-Kathrin Kramer, Moderation: Margarethe von Schwarzkopf

10.05. ERFURT  Buchhandlung Peterknecht, Anger 51, 19 Uhr Deutsche Stimme: Claudia Michelsen, Moderation: Susanne Becker

Aus der Ankündigung

Entdecken Sie den literarischen Familienroman, der amerikanische Leser und Kritiker begeisterte.

Es ist früh am Morgen, alle schlafen noch, als Elle Bishop an einem perfekten Augusttag zum See läuft. Im Sommerhaus der Familie ist etwas passiert: Während Elles Ehemann am vorherigen Abend mit den Gästen lachte, haben Elle und ihre Jugendliebe Jonas sich geliebt. Elle taucht ein ins Wasser, sie weiß, an diesem Tag läuft alles auf eine Entscheidung hinaus.

Ein großer Roman über die Sommer unseres Lebens — und darüber, was es heute bedeutet, eine Frau zu sein.

»Betörend, scharfsinnig, außergewöhnlich. Ein ganz großes Lesevergnügen.« William Boyd

»Ein großartiger Pageturner.« Cynthia D‘Aprix Sweeney

»Glitzernde Wellen über einer dunklen Unterströmung. Man kann nicht aufhören, und wenn man durchgeschwommen ist, möchte man sofort umkehren.« Jackie Thomae

»Sommerlicher Suchtstoff, ergreifend, witzig, tragisch und sehr gut übersetzt – bloß die Männer sind ein bisschen zu perfekt, aber sei's drum.« Eva Menasse

»Der Roman nimmt uns mit in eine lebendige Landschaft, in eine Familie, zu einer langjährigen heimlichen Liebe. Ganz unmittelbar erzählt, fesselnd vom Anfang bis zum Ende.« Meg Wolitzer

Miranda Cowley Heller war Senior Vice President und Head of Drama Series bei HBO. Sie hat Serien entwickelt und verantwortet, u.a. Die Sopranos, Six Feet Under, The Wire, Deadwood, Big Love. Als Heranwachsende hat sie jeden Sommer auf Cape Cod verbracht, inzwischen lebt sie in Kalifornien.