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24.04.2022, Jamal Tuschick

© Jamal Tuschick

Aufgegebener Lieblingsplatz

Flache Wellen treiben gegen das Reet. Der Bodden schimmert smaragdgrün unter seinen Schaumkämmen. Nilgänse weiden einen Anger von Joachim Havemann ab. Die Ägypter kamen im 18. Jahrhundert als Ziergeflügel nach Europa. Vereinzelt fanden sie Zugang zur Freiheit, ohne da große Populationen zu bilden. Erst seit fünfzig Jahren vermehren sie sich wie nach einem Startschuss.   

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Herausfordernd gerade hält sich Kasper von Roßbach auf seinem handgefertigten Fahrrad. Handgefertigt nach Ideen eines Genies seines Fachs in einer Münsteraner Manufaktur. So geht die Legende. Zweifellos trifft sie den Nagelkopf der Wahrheit. Trotzdem versteht seine boddenbaltisch-bodenständige Geliebte Jonna von Stellberg nicht, warum Kasper so viel Umgebung für das beste Fortbewegungsmittel in dieser Gegend braucht. Sie an seiner Stelle hätte sich mit einem Kauf beim Zweirad Zeisel in Dyrborn ewiges Entgegenkommen und den besten Service weit und breit gesichert. Tagesausflügler, die jede Wolkenformation zum Beweis ihrer Freizeitspielräume fotografieren, nehmen den Ostwestfalen Kasper vermutlich als exemplarische Seebadpersönlichkeit wahr. Kein Mensch wäre passender in der Rolle eines Ahrenshooper Künstlerkolonisten. Der ehemalige Lufthansapilot glänzt bei anderen Gelegenheiten als Babyboomerpensionär. Stets das weiße Hemd dezent einen Knopf zu weit offen. Die Breitling Bentley Mark VI im Anschlag.   

Ein angeborener Vorwärtsdrang beflügelt Kasper. Er gehört zu jenem Schlag, der sich ununterbrochen etwas abverlangt. Er hätte mehr Spaß mit Jonna, wäre sie wettkampforientierter oder zumindest stärker an Alphaflausen interessiert.

Jonna dirigiert Kasper zu einem aufgegebenen Lieblingsplatz; an einer vom Schilf schützend eingefassten Bucht mit verrottetem Steg. Nirgendwo liegt die offene Ostsee dem Bodden näher als hier. Nur eine flache Erhebung vereitelt, dass man beide Ufer zumindest schielend gleichzeitig sehen kann.

Der Küstenstrand zieht das Normverbraucherheer in Kolonnen an, während das Boddenufer die Individualisten lockt. Es ist doch klar, dass man als marginalisierte Eingeborene Badeentscheidungen in Opposition zu den Massenaufläufen der Auswärtigen trifft. Unter sich bleibt man trotzdem nicht. Von jeher besetzen binnenländische Camper verschwiegene Endpunkte von Traktorpisten. Liebevoll restaurierte DDR-Wohnwagen, bis hin zum sagenhaften Dübener Ei, verraten intime Kenntnisse örtlicher Gepflogenheiten. Man kannte oft noch den Weiden flechtenden und Reet erntenden Großvater des amtierenden Bauern. Man argumentiert auf einer gewohnheitsrechtlichen Basis. Da sollte sich kein Fremder einfach so dazwischenschalten; er bekäme gleich den same-same-but-different-Bescheid auf Ostdeutsch zugestellt. Was einem sächsischen Jupiter erlaubt ist, das darf ein badischer Ochse noch lange nicht.

Jonna zieht sich ruckzuck aus. Kasper wälzt sich umständlich aus seiner Wäsche. Jede Bewegung verrät, wie bewusst ihm sein Alter und wie schwierig für ihn öffentliches Nacktsein ist. Die Scham steht ihm auf der Stirn geschrieben. 

Kasper entbehrt die mit der Muttermilch eingesogene Freikörperkultur. Wie Jonna es vor fünfzig Jahren gelernt hat, liefert sie sich sofort und vollständig der Kälte aus. Kasper setzt hinter ihr auf allmähliche Gewöhnung. Er ahnt nicht, dass Jonna ihn gerade enger einführt in ihren Lebenskreis. Die unbestimmte Idee eines Mehr am Meer verleitet sie. Ihrem kritischsten Blick hält der nackte Wessi stand. Es ist alles dran an dem Mann.

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Kasper hat seine Altersform gefunden. Er ist solvent in jeder Hinsicht, gleichermaßen brauchbar als Grandseigneur und als Gartenfreund und außerdem handfest-humorvoll. In diesem Augenblick sucht er sein Verhältnis zu Jonnas Körper. Wie ein Kaufmann stellt er sich der Frage nach dem Verhältnis von Aufwand und Ertrag. Da steht eine Vierundfünfzigjährige, so straff und elastisch, dass man mit ihr einen Fit-im-Alter-Film drehen könnte.  

Für Kasper geht es nicht darum, dass man auf sich achtet. Vielmehr designt man sich und präsentiert sich im baltischen Licht. Jonna und Kasper zählen zu jenen, die dabei sind, unsere Vorstellungen vom Altwerden zu ändern. Das sage ich als allwissende Erzählerin. Auch ich spüre Jonnas Anziehungskraft. Es ist noch Sex im Schrank. Das Aufreibende der Geschlechterspannung reibt und ätzt noch. Es gibt noch Tränensalz und Wundenschmalz. Doch macht sich die Genügsamkeit schon an allen Enden bemerkbar. Ich würde an Kaspars Stelle keine so teure Uhr unter einer Sandalensohle für ausreichend versteckt halten.

Volksstasi

Natürlich bleibt das affige Königskindertreiben stinkreicher Backbeermusköppe nicht unbemerkt. Im Unterholz führt Hein Hagrich einen Veitstanz auf. Der Schlossermeister mit einer IM-Vergangenheit hampelt wie das Rumpelstilzchen. Plötzlich hält er inne; unflätig breitbeinig sich aufbauend. Den Mann verrät die vitale Fratze. Ich registriere Hohn, Verachtung, vielleicht sogar Hass außer der brennenden Gier.

Ich möchte gar nicht wissen, wie oft Hein im Rohr gelegen und nicht bloß Touristinnen abgespannt hat. 

Er trägt einen sprechenden Namen. Hag bezeichnet den eingefriedeten Platz und rich rührt an rīhhi-Reich/Fürst. So kommt Hein mir vor: wie ein entthronter und verjagter Herrscher. Wir kennen uns seit einem halben Jahrhundert. In der DDR brachte uns wenig ins Gespräch. Es gab aber keine Ablehnung. Nichts Grundsätzliches, keine Hemmung des Umgangs, auch keine verwerfungslose Gleichgültigkeit. Es war eine Verbindung in der Schwebe. Später ergaben sich Kontakte durch Aufträge, die ich erteilte. Hein war einer von denen, die achselzuckend ihren Platz in der neuen Zeit fanden. Einer seiner Brüder reinigte Bierleitungen, bis er alt genug war für die Rente. Ein anderer kam in der Straßenreinigung unter. Jeder lieferte ein Beispiel für murrende Anpassung.

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„Der Kerl läuft mir in der letzten Zeit ständig über den Weg“, sagt Kasper zu sich selbst. Er sucht seine Brille, während Hein das Weite sucht. 

„Mit dem stimmt was nicht.“

Kaspers besorgte Sachlichkeit klingt nach TV-Krimi. Der Westmann hat keine Ahnung von der ostdeutschen Leidenschaft für Konspiration und andere Heimlichkeiten.