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25.04.2022, Jamal Tuschick

„Ein Rezensent kommt mir manchmal vor wie der Mann, der eine Wolke beobachtet und ihr übelnimmt, dass sie nicht die Gestalt des Kamels angenommen hat, das er jeden Tag im Spiegel sieht.“ Arno Schmidt

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„Ich finde niemanden, der so häufig recht hätte, wie ich.“ AS

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„Ich kann ohne Arbeit sein, aber nicht ohne Beschäftigung.“ AS

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„Schmidt war immer schon über 30.“ Sven Hanuschek

Privatsprachliche Abnabelungen

Was zuvor geschah

1937 heiraten Alice und Arno Schmidt. Auf seinen Wunsch stellt Alice ihre Erwerbstätigkeit ein. Das Paar bezieht die Wohnung von Arnos emigrierter Schwester.

So geht es weiter

Das Ehepaar übt sich in der Benennung von Haushaltsgegenständen und in der Bestimmung ihrer Hausheiligen. Es bestätigt sich seinen Separationspakt auch in privatsprachlichen Abnabelungen vom Mainstream. Der Krieg trennt die Liebenden, Alice fleht ihren Prinzen auf Englisch herbei.   

“Arno, my Prince … when are we together?”

Sven Hanuschek, „Arno Schmidt“, Biografie, Hanser, 45,-

Alice schwimmt mit im Strom der Wehrmachtsberichthörigen, weit entfernt von einer dezidiert kritischen Einstellung gegenüber dem Nationalsozialismus. Sie sammelt Beeren und kocht ein. Sie liest auch zum Zweck der inneren Versammlung mit ihrem Mann.

Alice absolviert einen „SS Feuerwehrkurus“, während ihr Mann zwischen „Meer und Steinhöckern“ in Norwegen festsitzt. Wieder deutet der Biograf an, dass die abweichenden Neigungen den Obergefreiten und schließlich Unteroffizier Schmidt nicht zu einer kuriosen Figur im Ensemble der militärischen Gemeinschaft machen. Die Glut freundschaftlicher Verbindungen lässt sich Jahrzehnte später mühelos neu entfachen.

Schmidt erfüllt die Erwartungen mitunter „über-stramm“.

In britischer Kriegsgefangenschaft ergibt sich für ihn Anlass zu der Bemerkung, er sei auch „begabt“ für die „diese Art von Erfindung“, sprich Landserzote.

Schmidt verschafft sich Freiräume und weitere Aussichten als Dolmetscher. In einer Zwischenlage will er sich zivil und sogar bürgerlich etablieren. Nach seiner Entlassung aus der Gefangenschaft dolmetscht er in der vom britischen Militär für den Kreis Lüneburg betriebenen Hilfspolizeischule. Die Ausbildungsstätte steht in Cordingen-Benefeld (heute Walsrode). Beim Fahrradhändler von Fallingbostel kauft Schmidt fünf Jahre nach Kriegsende eine gebrauchte Schreibmaschine. Der Betrieb, Finke & Meckert, besteht als Autohaus fort. 

Verstiegener Pragmatismus

Das Paar lenkt keine Erwartung an eine Verbesserung, die sich nicht schon in „Ruhe und Einsamkeit“ erschöpft. Mich interessiert zumal Schmidts merkwürdige Tüchtigkeit. Der Antimilitarist läuft als Soldat rund, er reißt seine Gefangenschaft ab, ergattert unter Druck einen Qualitätsjob, organisiert die Familienzusammenführung mit seiner Frau und stabilisiert schließlich die Rahmenbedingungen einer erotisch entzückend arrondierten Schriftstellerexistenz.

Nüchtern treibt Schmidt das Phantastische voran. Ein Versprengter und Gestrandeter denkt sich weit über die Notdurft der Verlierer:innen hinaus Richtung Olymp und Pantheon. Manchmal überlässt sich Schmidt dem Größenwahn, so wenn er Gott zu seinem persönlichen Gegner erklärt.

„Friedrich Nietzsche sagte einmal, man erkenne einen Schriftsteller daran, wenn er sich als seinen ersten Gegner aussucht … Ich habe mir erlaubt, den lieben Gott hierzu zu wählen.“

So ist er einem ja gern vorgekommen, als alle anderen verächtlich findender „Hochleistungs-Puritaner“. Man läuft Gefahr, Schmidts eigener Mythomanie auf den Leim zu kriechen aus lauter Freude an den biografischen Auskleidungen der Nachkriegsdürftigkeit. Die simple Wahrheit überliefert der Biograf. Schmidt wurde als überbemühter und eher eleganter Zeitgenosse Soldat. Er kehrte von Grund auf wütend, gewissermaßen aufgebläht und in jedem Fall auch aus der Fasson gebracht zurück und würgte seitdem an seinem inneren Landser.

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Schmidts Publikationsgeschichte eröffnet ein zähes Ringen um das Debüt. Schmidts wichtigster Ansprechpartner ist Kurt Marek, erster Lektor des neu gegründeten Rowohlt Verlags, Redakteur der WELT, Lizenzinhaber eines eigenen Periodikums namens „Benjamin“, NDR-Nachtprogrammbeitragslieferant und Rechercheur in eigener Sache. Weltberühmt wird er unter dem Pseudonym „C.W. Ceram“ mit dem Roman der Archäologie „Götter, Gräber und Gelehrte.  

„Einen außergewöhnlichen Erfolg erlangte 1949 C. W. Cerams … „Götter, Gräber und Gelehrte“ … Am 23. Februar 1950 gab der Rowohlt Verlag bekannt, innerhalb von fünf Wochen rund 12.000 Exemplare zum Preis von je zwölf DM verkauft zu haben.“ Wikipedia

Marek platzierte sich selbst bei Rowohlt als Bestsellerautor. Er setzte sein eigenes Werk durch, während er mit Schmidts Kunst winkte.

Aus der Ankündigung

Sven Hanuschek legt die erste grundlegende Biografie über Arno Schmidt vor – mit überraschenden Entdeckungen aus dem Nachlass des Schriftstellers

Er stilisierte sich zum Einzelgänger in der Heide, seine Leserschaft versteht sich bis heute als verschworene Gemeinschaft: Und doch hat es Arno Schmidt zum Klassiker der Moderne gebracht. Bis jetzt aber fehlte noch eine grundlegende Biografie, die auch dem umfangreichen Nachlass gerecht wird. Sven Hanuschek hat eine Fülle neuer Quellen ausfindig gemacht, die einen neuen, umfassenden Blick auf Schmidts Persönlichkeit eröffnen, auch wenn sie damit manch vertraute Mythen entzaubern. Und er hilft bei der Orientierung in einem riesenhaften Werk, das zu den Höhepunkten der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts zählt. Nicht nur Arno Schmidts Gemeinde hat schon lange auf eine solche Biografie gewartet.

Zum Autor

Sven Hanuschek, geboren 1964, ist Publizist und Professor am Institut für deutsche Philologie der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zuletzt erschien bei Hanser Elias Canetti (Biografie, 2005), bei Zsolnay Laurel und Hardy (Eine Revision, 2010), außerdem ist er einer der Herausgeber von Elias Canettis Briefen, die 2018 unter dem Titel "Ich erwarte von Ihnen viel" erschienen sind. Er lebt in München.