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25.04.2022, Jamal Tuschick

© Jamal Tuschick

Tillwitzer Boddenperle

„Da träumte ihm erst von unabsehlichen Fernen, und wilden, unbekannten Gegenden. Er wanderte über Meere mit unbegreiflicher Leichtigkeit.“  Novalis

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Was zuvor geschah

Bis 1990 arbeitete die Tillwitzer Boddenperle und Kapitänsgroßenkelin Jonna von Stellberg an einem Rostocker Theater als Kostümbildnerin. Sie blieb darüber hinaus unverheiratet und kinderlos in ihrem Elternhaus - dem Skipperhus. Liebhaber drückten sich die Klinke in die Hand. Keiner erwarb ein Bleiberecht auf Dauer. An Jonnas elegischem Wesen glitt jede besitzergreifende Hand ab.

Um es gleich auf den Punkt zu bringen. Jonna hatte von jeher alles. Eine große Familie, ein großes Haus, einen großen Garten, eine praktische Liebe zu Hund und Katze. Eine Begabung für gute Geschäfte und einen Instinkt für das Geistige. In der neuen Zeit zog sie Einnahmen aus Vermietungen und Verpachtungen. Selbstverständlich begab sie sich in die Obhut alter HVA-Kämpen. Ostmänner, die ein großes Rad drehen konnten, fanden es angenehm, Jonna behilflich zu sein.

In den 1990er Jahren jazzten Journalistinnen des Baltischen Boten und anderer Lokalerscheinungen Jonna so lange zur Ost-Ikone hoch, bis sie endlich auch in jedem überregionalen Periodikum einmal vorgekommen war. Sie machte sich gut auf Fotos, eine Hagere mit gegrabenen Zügen und norddeutsch-osmanischer Nase; ein bisschen mysteriös und dann wieder die Gebildete zum Pferdestehlen. Damals sah sie aus wie eine geadelte Schauspielerin … ein Mix aus Tilda Swinton, Helen Mirren und Corinna Harfouch.

Weit und breit gab es keine zweite Jonna. Für uns war sie eine Galionsfigur des Widerstands und einer seltenen Post-DDR-Prächtigkeit. Sie befasste sich mit der Dramatik „ihres“ Staates, dem sie nostalgisch anhing, ohne deshalb untüchtig zu werden.

© Jamal Tuschick

Die Partitur der Verteilungskämpfe

Die SED zu Heiner Müllers „Umsiedlerin“ 1961: „Mit stinkender Frechheit abgrundtief das eigene Nest beschmutzt.“

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„Man muss durch Schauspieler Texte jagen wie Stromstöße.“ HM

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„Wenn ich tot bin, wird mein Staub nach dir schreien.“ HM

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Müllers „Umsiedlerin“ reagiert auf Motive in Anna Seghers gleichnamigen Erzählung (1950). Erzählt wird eine lange Geschichte. Sie beginnt mit der Bodenreform 1945 und endet in der Kollektivierung landwirtschaftlicher Betriebe. 1960 ist das ein abgeschlossener Prozess. Müller lässt sämtliche sozialen Schichten antanzen, die Verwerfungen des Kriegs schreiben die Partitur der Verteilungskämpfe. Ein Bürgermeister stieg vom Melker auf, es geht aber nicht allen gut. Den Neubauern Ketzer ernährt sein neues Land nicht, er beendet die Verelendung im Sozialismus mit Suizid. Auf der Parteilinie schließen sich Sozialismus und Selbstmord aus, Müller, weit davon entfernt, Dissident zu sein, bringt es bloß nicht fertig, sich von der Wirklichkeit zu verabschieden. Aus dieser Wirklichkeit zieht er den Umsiedler Fondrak, der sich unter Kommunismus „Bier aus der Wand“ vorstellt und lieber in den Westen geht, als eine Neubauernstelle anzutreten. Obwohl Fondrak die Umsiedlerin Niet geschwängert hat.
Müller will seine „Umsiedlerin“ als Komödie verstanden wissen, so versteht sie aber keiner. Seine Konflikte sind alltäglich. Sie drehen sich um Traktoren, Motorräder, Arbeitskräfte, Bier, Frauen und Ideen, die erst einmal kapiert werden müssen:

„Was die Mehrheit / Beschlossen hat, das kann die Mehrheit auch / Umschmeißen.“

*

Hein Hagrich könnte, wenn auch nur aus geborgter Hand, die Geschichte genauso gut erzählen. Heins Großvater war der klassische Kollektivierungsverlierer, so wie Hein der klassische Wendeverlierer ist. Im Auftrag der baltischen Nord-Stream-Mafia belauert er (für ein Taschengeld) das Treiben der unbekümmerten Eingeborenen Jonna. Eben betritt sie mit dem arroganten Westarsch Kasper von Roßbach das Café Wiegand.

„Über die Weichsel mit dem Treck bei Eisgang
War meine erste Reise. Die Pferde gingen
Zu den Fischen, gezogen von den Wagen, und
Die Bauern, weil sie ihrs nicht lassen wollten
Gingen den Pferden nach, und was der Pole
Nicht hatte kriegen sollen, die Weichsel hats.“
Heiner Müller, „Die Umsiedlerin“

Im Café Wiegand ist mittags um eins kein Platz mehr frei. Ein Belagerungsring schließt die Terrasse ein. Chefin Carmen bewacht den Küchenpass. Die Sächsin ist mit dem Tillwitzer Waldemar verheiratet. Im Augenblick reicht das, um an den Leuten vorbei in einen gesperrten Bereich geschleust zu werden. Man könnte die Wirtschaft dahin ausdehnen, müsste dann aber auch andere Bereiche erweitern. Auf einer kleinen, von Fliegengittern eingeschlossenen Veranda sind Jonna, Kasper und der hinterher geflutschte Hein nicht die einzigen Privilegierten. Die Anderen grüßen betont beiläufig, als müsse eine Peinlichkeit überspielt werden. Jonna interessiert der Verhaltensfirlefanz nicht. Sie hat Vorzugsbehandlung gern.  

Überall türmen sich Sachen. Die Wirtschaft wurde früher in einem viel größeren Stil mit viel mehr Schwung geführt. Damals war Kokosraspelkuchen der Renner. Nach Neunzig verschwand er aus dem Angebot.

Jetzt ist er wieder da.

Jonna rät Kasper davon ab, weil sie nicht glaubt, dass ihm Raspelkuchen schmeckt. Kokos ersetzte im realexistierenden Sozialismus großflächig die Mandel. Die Erinnerung an einen Mangel löst Trotz aus. Trotzdem würde ich, huhu, es spricht die allwissende Erzählerin, das jetzt gern erzählen. Ich lasse es.

Auch Jonna bleibt diskret. Sie fürchtet, dass Kasper ihr den gesellschaftlichen Mangel als persönliches Versagen ankreidet. 

Kasper bestellt eine Mandelhonigschnitte, um sie kritisch mit dem Bienenstich seiner Kindheit zu vergleichen. Sein Westgeschmack lässt ihn mosern. Dabei ist Kasper so borniert, dass er sich für vorurteilsfrei hält.

Der Nebentisch bricht auf. Jonna fängt noch einen abschätzigen Blick auf. Sie ahnt eine Rüge. Das klassische Rentner:innenpärchen tritt anders auf als Jonna und Kasper. Die People hier oben an der See kauen an abgenagten Verhaltensknochen herum.