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27.04.2022, Jamal Tuschick

„Dr. Denis Mukwege, weltbekannter kongolesischer Gynäkologe und Menschenrechtsaktivist, hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, Opfern sexueller Gewalt zu helfen. Als Gründer des Panzi-Hospitals in Bukavu erhielt er 2018 den Friedensnobelpreis für seinen Einsatz für die Gesundheit und Rechte von Frauen in der Demokratischen Republik Kongo.“ Aus der Ankündigung

„Über die Jahre sind die Täter immer brutaler, die Opfer immer jünger geworden, konstatiert Mukwege ... die Gewalt ist makaber und grenzenlos.“ Aus der WELT vom 26.08.2019 Quelle

Die Stärke der Frauen

Europäische Regierungen des 19. Jahrhunderts versprachen sich von globalen Expansionen Lösungen sozialer und demografischer Fragen. Afrika war ein Schauplatz europäischer Krisen.

„Der Erwerb von Land ist in Ostafrika sehr leicht … Für ein paar Flinten besorgt man sich ein Papier mit einigen N…kreuzen.“ Bismarck

Gastgeber Bismarck prägte auf der Berliner Konferenz 1884 das Wort vom „Platz an der Sonne“, den sich Deutschland im kolonialen Wettbewerb mit den europäischen Großmächten und dem Osmanischen Reich sichern müsse. Der deutsche Platz an der Sonne war klein und wurde nicht lange gehalten. Das rechnet man heute zu den entlastenden Momenten deutscher Geschichte. Die Einschätzung ignoriert einen Völkermord und vernachlässigt die Tatsache, dass Deutsche seit dem 15. Jahrhundert an globalen Ausbeutungsfeldzügen beteiligt waren. Der Kolonialismus war ein „europäisches Projekt“ (Joseph Conrad), dass die Fugger und Welser genauso vorantrieben wie die Medici. Die Trennungen zwischen staatlichen und privaten Unternehmungen waren durchlässig. Kaufleute traten als Statthalter auf und nahmen Regierungsaufgaben wahr.

Denis Mukwege, „Die Stärke der Frauen.Wie weibliche Widerstandskraft mich lehrte, an eine bessere Welt zu glauben“. „Der dringende Appell des Friedensnobelpreisträgers, sexuelle Gewalt nicht länger hinzunehmen“. Aus dem Englischen von Sabine Reinhardus, Cornelia Stoll, C. Bertelsmann Verlag, 26,-

Die Kirche bewahrte dem „Eingeborenen“ ein Daseinsrecht in seiner Verniedlichung. Sie stellte ihn als armes Kind hin. Man widersprach ihr. Gegen jene, die es auf eine Vernichtung der Ursprünglichen abgesehen hatten, sollte nicht der leiseste Vorwurf erhoben werden. Der Zivilisation schien mehr mit der Verdrängung als mit der Erhaltung der „Wilden“ gedient. Lange setzte man barbarisch und human vor Ausrottung und Erhaltung, doch barbarisch erschien allein die Erhaltung. Nicht Wenige forderten den Mut, die Sache zu Ende zu bringen. Sie nannten es Feigheit, den aus dem Kuckucksnest der Steinzeit Gefallenen im Elend zu lassen, wo er doch nichts anderes als Elend vererben konnte.

Der Landerschleichung voran gingen christliche Prospektionen in konkurrierenden Missionen. 1886 dekretierte Papst Leo XIII., dass der Kongo von belgischen Katholik:innen evangelisiert werden solle. 

„Leopold II., König der Belgier, hat den Kongo 1885 als Privateigentum vereinnahmt und 23 Jahre lang gnadenlos ausgebeutet. Sein mörderisches Wirken bezahlen rund acht Millionen Menschen mit ihrem Leben. 1908 stoppt Belgien zwar auf weltweiten Druck Leopolds Kongogräuel, errichtet aber ein Apartheidregime, in dem Weiße weiter alle Schlüsselpositionen besetzen.“ Quelle

„Der katholische Glaube wurde zu einem Werkzeug der Kolonisation“, schreibt Denis Mukwege. Das Papstwort marginalisiert die protestantisch Bekehrten und erzeugt gesellschaftliche Verwerfungslinien. Als sich die Mutter des Autors in den 1950er Jahren mit einem schwerkranken Baby um Hilfe an belgische Nonnen wendet, weist man sie zuerst „vollkommen ungerührt“ ab. Die Versorgung mit „Impfstoff, Verbandszeug und Antibiotika“ bleibt katholischen Patient:innen vorbehalten. Erst die Intervention einer Weißen sorgt für die Einleitung lebensrettender Maßnahmen.

Entweder schwebte die Mutter oder das Kind oder beide in Lebensgefahr

Mukweges Großmütter starben bei der Geburt seiner Eltern. Nach einer Schätzung lag die durchschnittliche Lebenserwartung von Frauen im Kongo in der Dekolonisierungsära unter vierzig Jahren. Der Tod im Wochenbett war die häufigste Todesursache.

Strikte Segregation

Mukwege wächst in Bukavu (vormals Costermannsville) auf. Es herrscht strikte Segregation in dem ehemaligen Außenposten auf einer Landzunge im Kiwusee an der Grenze zu Ruanda. Der Kurortcharakter offenbart sich in hymnischen Zuschreibungen: Riviera am Kongo. Die tropische Version der Côte d‘Azur.

Die Kolonialmacht ließ sich im frühen 20. Jahrhundert eine belgische Stadt im großzügigsten Zuschnitt erbauen. Man frönt der weißen Herrlichkeit in Kombinationen von europäischer Architektur und tropischen Gärten.

Der Schauplatz von Mukweges Kindheit ist die Schwarze commune Kadutu. Der Autor beschreibt den alltäglichen Aufbruch der Reinigungskräfte, Gärtner und Wärter ins weiße Villenviertel oder zu den vorstädtischen Plantagen. 

Zur kolonialen Praxis zählt die Destabilisierung ursprünglicher Gemeinschaften. Nach der Unabhängigkeit im Jahr 1960 fehlt der Republik Kongo administratives Knowhow nicht zuletzt.

Auch das Verhältnis der Geschlechter änderte sich unter dem Druck der Usurpation. Matriarchale Traditionslinien und weibliche Domänen, wie die Organisation der Ernten, erstarben im 19. Jahrhundert während der Abschaffung tauschwirtschaftlicher Verkehrsformen. Die Frauen verloren ihre angestammten Machtpositionen, sobald die Einkünfte der Familien hauptsächlich aus der Lohnsklaverei kamen.

Zu den - überkommene Muster auflösenden - Zivilisationsbotschaften gehörte die Christianisierung als ein Rivalitätsprojekt zwischen skandinavischen Protestant:innen und belgischen Katholik:innen. Mukweges Eltern reagierten affiziert auf eine norwegische Mission. Die Seelenfischer:innen verteufelten dörfliche Aushandlungsgepflogenheiten, die Oral-History-Spiritualität, den Tabak- und Bananenweingenuss.

Verarmte und Entwurzelte suchten Trost in der neuen Religion. In der Annahme fremder Begriffe verloren sie die eigenen.   

„Die Ankunft des Christentums führte zu einem Bruch mit der Vergangenheit.“  

*

Mukwege erzählt vom Opfermut seines Vaters, der als evangelischer Pfarrer Anfeindungen ausgesetzt ist. Der Sohn findet ihn limitiert, da er mit den Kranken nur beten kann, die belgischen Nonnen Heilverläufe aber aktiv beeinflussen.

Mukwege will Arzt werden, um eingreifen zu können. Ihn spornen zumal die Schicksale phantasmagorisch-unterernährter Trägerinnen an, deren Lasten ihre Skelettsilhouetten überragen. Seine ersten Sporen verdient sich Mukwege als Famulus in einem entlegenen Krankenhaus mit zweihundert Betten. Es gibt nur einen Arzt. Der überlastete Mediziner operiert oft rund um die Uhr. Schließlich überträgt er dem Assistenten die Gesamtverantwortung. Folglich leitet Mukwege eine Klinik bereits als Studierender.

Zum ersten Mal beobachtet er das ewige Drama lebensgefährlich verletzter Wöchnerinnen; ob abgelegt auf der Krankenhausschwelle in blutsteifen Tüchern, oder herangewankt in einer Leidensprozession, wie vom Donner gerührt und aus allen Begriffen des handhabbaren Lebens herausgeworfen in der Folge eines Geburtsstillstands oder eines Gebärmutterrisses.

„Der Fötus steckt im Becken … oder ragt aus der Scheide … Nachgeburtliche Blutungen (sind) die häufigste postpartale Todesursache.“   

Viele sterben beim Anmarsch auf Dschungelpfaden.

Bald mehr.

Aus der Ankündigung

Die ergreifenden Schilderungen eines Arztes, der sein Leben dem Kampf gegen sexuellen Missbrauch verschrieben hat

Denis Mukwege, weltbekannter kongolesischer Gynäkologe und Menschenrechtsaktivist, hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, Opfern sexueller Gewalt zu helfen. Als Gründer des Panzi-Hospitals in Bukavu erhielt er 2018 den Friedensnobelpreis für seinen Einsatz für die Gesundheit und Rechte von Frauen in der Demokratischen Republik Kongo. In seinem Buch verwebt er seine eigene dramatische Lebensgeschichte mit den Schilderungen einzelner Frauenschicksale. Auf das Drängen seiner Patientinnen hin, macht der Chirurg deren Leiden öffentlich und betont dabei die Willensstärke, mit der die Frauen sich ins Leben zurückkämpfen. Er fordert eine systemische Veränderung im Rollenverständnis, eine »positive Männlichkeit« für eine gleichberechtigte Gesellschaft, und belegt die Gewinne, die es bringt, wenn Frauen als Entscheidungsträgerinnen in wirtschaftliche und politische Prozesse eingebunden sind.

Die Stärke der Frauen ist der Bericht eines beeindruckenden Menschen, der sich nicht von seinem Weg abbringen lässt. Ein Bericht, der die Kraft der Frauen in den Vordergrund stellt und beweist, was das Engagement von Einzelnen bewirken kann.

Dr. Denis Mukwege wurde 1955 in Belgisch-Kongo geboren. Der Chirurg ist weltweit bekannt als der führende Experte in der operativen Behandlung von Vergewaltigungsopfern. Dieser Tätigkeit und dem unermüdlichen Einsatz für die Rechte seiner Patientinnen hat er sein Leben verschrieben, wofür er 2018 den Nobelpreis erhielt – gemeinsam mit der jesidischen Menschenrechtsaktivistin Nadia Murad.