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28.04.2022, Jamal Tuschick

„Manchmal kommt ein Missgeschick durchaus gelegen.“

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Die Frau nimmt Angebote wahr, die abzulehnen, den Konventionen entspräche. Sie bewegt sich durch die Menge als strebte sie einer Verabredung mit dem Leben selbst entgegen. Plötzlich stellt sich die Ahnung ein, der Arzt, der Dichter, der Polizist, der Soldat, der Musiker, der Kerzendreher, der Schlachter, der Räuber könnten jeder für sich und alle zusammen nur Möglichkeiten sein. Der Ahnung folgt die Gewissheit; sie sind der Phantasie Entsprungene. Die Frau unterhält sich mit Einbildungen. Sie willigt in lauter Phantomglücksmomente ein.

Topografische Eckpunkte

Sie heiraten „im Jahr des Klaus-Barbie-Prozesses“ und teilen eine „Bewunderung für Serge und Beate Klarsfeld“. Sie teilen auch einen ukrainisch-jüdischen Herkunftstext; eine besondere Verbindung in der New Yorker Diaspora. Er arbeitet als Anwalt. Sie, eine in Brooklyn aufgewachsene Urenkelin jener aus Odessa stammenden „Annie Cohen, die 1892 bei einer Massenpanik in der Synagoge“ in der Ludlow Street 27 umkam, übt ein bibliothekarisches Ehrenamt in der Ottendorfer Library aus.

Es gab im 19. Jahrhundert vier Synagogen in dem Haus in der Ludlow Street. Unter anderem die Haran Dovid Anshe Lubitz Congregation. Ferner „die Gemeinde Ahawath Chesed … 1846 in der Ludlow Street … von deutschen Juden aus Böhmen gegründet. Sie fusionierte 1898 mit der Congregation Shaar Hashomayim, die 1839 von deutschen Juden in der Albany Street gegründet worden war“. Quelle

Aus der New York Times vom 24. September 1892

“Four killed, many hurt; panic in a … synagogue on Ludlow Street … stairs blocked by a solid mass of terror-stricken people – a frenzied mob that knew no reason. 

A panic at 27 Ludlow Street, precipitated without reason, resulted yesterday in the instant death of four women and the serious injury of a large number of other persons, some of whom will undoubtedly die. The circumstances surrounding the affair were of a most unusual and distressing nature, all the people concerned being at their devotions when the panic which caused their injuries occurred.”

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So unvernetzt und fragmentarisch Jennifer Clement ihre Geschichte erzählt, so konkret sind die biografischen, historischen, topografischen und architektonischen Eckpunkte. Auf ihren Streifzügen entdeckt eine Ausschweifende einen „Wald aus Feuertreppen“. Sie heißt Cohen wie ihre Urgroßmutter.  

Jennifer Clement, „Auf der Zunge“, Roman, aus dem amerikanischen Englisch von Nicolai von Schweder-Schreiner, Suhrkamp, 20,-

„Sie läuft durch die Straßen von New York, ein Weg durch einen Wald aus Feuertreppen.“

Die Treppen tauchen in feuilletonistisch gerefften Einbrechereinstiegsszenarien auf.

„Für einen Räuber ist eine Feuertreppe ein Eingang und kein Ausgang.“

Clements Heldin beobachtet Personen, die sich mit Sperrmüll auf der Straße einrichten und sich in der Öffentlichkeit häuslichen Verrichtungen hingeben.

Die Flaneurin misst der Stadt den Puls. Ihre überscharfe Wahrnehmung konkurriert mit lyrisch-absurden Einlassung. Sie bewegt sich auf der 104 Avenue C im East Village. In Alphabet City besucht sie die (inzwischen wohl dauerhaft geschlossene) Alphabet Lounge.

2017 kommentiert ein Anwohner die Verhältnisse vor Ort:

“I live around the corner of 7th and C. I’ve walked past this place for years in horror during the weekends. What a shit show. I have a lot of disdain for those who reek havoc on that corner. I live a couple of buildings down. Even on the top floor, I can still hear the screaming, vomiting, music and fights. There have been times the noise was so bad, I had to use my air conditioner in the winter to dull out the sounds.“   

Frau Cohen trinkt Whiskey am Vormittag und lässt sich auf einen Barplausch mit einem Wodka trinkenden Kardiologen ein.

“Frank Sinatra … (singt): ‘Taller than the tallest tree, that’s how it’s got to feel’. Der Arzt nimmt noch einen Schluck …“

Eingebetteter Medieninhalt

Später nutzen die beiden das klinische Umfeld der Kardiologenpraxis für einen Mix aus Untersuchung und Rollenspiel. Beide Akteure operieren mit einschlägigen und koinzidierenden Fetischen. Die Frau beklagt den Verlust ihrer Attraktivität.

„Ich liege hier wie ein alter Blumenstrauß.“

Der Mann tröstet gelehrt. Ungefähr sagt er: Omnia vincit amor.

Ihm wird widersprochen.

Zu dem komplexen Aufbau gibt es eine Referenz. Kurz vor dem Rendezvous sichtete die Frau eine Auslage mit europäischen Porno-Illustrierten. Das Medizinische als Motor des Begehrens war ein Motiv. Nun tastet sich die Frau im Leben des Arztes vor. Sie rückt an die Stelle der Ehefrau, einer Sekretärin, einer Stewardess, einer Krankenschwester, einer Ärztin. Es bildet sich eine märchenhaft-fleischliche Summe.

„Sie schläft im Bett der Frau und isst von ihren Tellern.“

Siehe: 

„Wer hat auf meinem Stühlchen gesessen? Wer hat von meinem Tellerchen gegessen?“ Schneewittchen

Endlich ergibt sich ein Rollentausch. Die Frau hört den Arzt ab. Er steckt ihr dann auch noch seinen Ehering an.

Kurz darauf reagiert sie auf die Werbung eines Parkbankpoeten und Grashändlers aus Louisiana. Sein breitflächiges Vorhandensein lockt sie aus der Reserve, wie dann auch das dezent übergriffige Verhalten eines Polizisten.

Die Frau nimmt Angebote wahr, die abzulehnen, den Konventionen entspräche. Sie bewegt sich durch die Menge als strebte sie einer Verabredung mit dem Leben selbst entgegen. Plötzlich stellt sich die Ahnung ein, der Arzt, der Dichter, der Polizist, der Soldat, der Musiker, der Kerzendreher, der Schlachter, der Räuber könnten jeder für sich und alle zusammen nur Möglichkeiten sein. Der Ahnung folgt die Gewissheit; sie sind der Phantasie Entsprungene. Die Frau unterhält sich mit Einbildungen. Sie willigt in lauter Phantomglücksmomente ein.

Die Gretchenfrage lautet:

„Bereuen Sie denn, was Sie getan haben oder was Sie nicht getan haben?“

Die Frau reist auch durch die Zeit und ist dabei als am 28. Juli 1945, einem Samstag, Lieutenant Colonel William F. Smith jun. mit einer B-25-Mitchell in das Empire State Building kracht.

Leseprobe

„Vor ein paar Stunden hat sie der Lärm des Müllwagens vor ihrem Fenster geweckt. Sie lag mit geschlossenen Augen im Bett und dachte: ‚Wo kann ich meine Wange anlehnen? Ich finde hier keinen Bügel, an den ich meine Arme hängen, keinen Schrank, in den ich meine Beine legen könnte, keine Schublade für meine Hände. Wenn ich schlafen gehe, habe ich meinen Körper noch an.‘

‚In einem Buch‘, sagt sie, ‚kann ich durch eine Straße laufen und bin plötzlich in einem Moor, allein, in der Dämmerung. Ich kann über den Bürgersteig laufen und bin in einem Schlafzimmer, in dem ich geliebt werde, und der Teppich ist die Heide, und die Bäume sind Männer, die mich lieben. In Büchern sprechen die Schatten miteinander. In der Küche wächst auf dem Boden Gras. Eine Kerze ist ein Stück vom Mond. Es kann ein Happy End geben.‘“

Aus der Ankündigung

Eine Frau streift durch Manhattan. Mit jedem Schritt weiter weg von einem Zuhause, in dem die Liebe blass, der Ehemann sprachlos geworden ist, trotz der langen schönen Zeit. Auf ihren Streifzügen entlang der Brownstones und den emporragenden Feuertreppen begegnen ihr Männer, wie aus der Phantasie entstiegen: der Dichter, der Astronaut, der Räuber, der Löwenbändiger … In diesen Momenten findet sie etwas, das sie für immer verloren glaubte. Lebendigkeit, Sinnlichkeit, Mut, die Spuren unmissverständlicher Gegenwart. Was muss sie tun, damit diese Gefühle nie wieder fliehen? Damit sie nicht verloren geht, wie die Menschen um sie herum, wie der Charakter dieser Stadt, die vom ganzen Geld der Welt für sie so still geworden ist, wie der Ehemann, der jeden Abend fragt: »Wo bist du gewesen?«

Jennifer Clement hat eine Sehnsuchtshymne geschrieben. Mit Auf der Zunge beschwört sie das Aufbäumen einer Frau gegen den Verlust der Träume und der Leidenschaft. In sanft-lyrischen, in brutal-ehrlichen Bildern erschafft sie ein Denkmal für einen geliebten Ort, eine geliebte Zeit im Leben.

Jennifer Clement, in Connecticut geboren, wuchs in Mexiko- Stadt auf, studierte in New York und Paris Literaturwissenschaft und hat Lyrik und vier Romane veröffentlicht. Als Präsidentin des P.E.N. International kämpfte sie im Namen von Autor:innen weltweit für das Recht auf freie Meinungsäußerung. „Gebete für die Vermissten“, ihr Roman über die Schicksale gestohlener Mädchen in Mexiko, war ein internationaler Erfolg, die Verfilmung wurde in Cannes ausgezeichnet. Ihr Roman „Gun Love“ wird unter der Regie von Julie Taymor verfilmt.