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30.04.2022, Jamal Tuschick

Sozialistische Seebad-Schönheit - Was zuvor geschah

Aus den Aufzeichnungen der Jonna von Stellberg vom 17. August 1986

Seit Heiner Schleef sich heimlich mehr für mich als für Ingrid interessiert, peitscht mich die Erwartungsspannung in heikle Lagen. Ich spiele mich in Ingrids Liebesleben auf. Ich bin drauf und dran meiner besten Freundin den Freund auszuspannen. Meine Skrupellosigkeit macht mich schwindlig. 

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In der DDR firmierte Jonna von Stellberg als die schönste Kapitänstochter der Ostseeküste. Das war beinah ein offizieller Titel. Die Zuschreibung unterschlug, dass das in Tillwitz am Bodden seit vierhundert Jahren im Skipperhus ansässige Stellberger Seefahrergeschlecht seit 1888 keinen Kapitän mehr hervorgebracht hatte. Man beschränkte sich auf Land- und Forstwirtschaft, soweit es um ernsthaftes Erwerbsbestreben ging. Jonnas Kunstflausen standen auf einem anderen Blatt. Als Kostümbildnerin stand Jonna immerhin auf der seriösen Seite der Rostocker Theaterszene. Als IM berichtete sie von den Eskapaden hanseatischer Schauspieler:innen. Sie spionierte auch ihre Busenfreundin Ingrid Weber aus, die sich vom Westen magnetisch angezogen fühlte.

2014, im Jahr der Krim-Annexion, bewirtet Jonna im Skipperhus den jungen Malte Herzog, der sie merkwürdig an Ingrid erinnert. 

Dachbodenfunde im Skipperhus - Stiche von Élisabeth Amélie Eugénie de Wittelsbach aka Sissi, Impératrice d‘Autriche/Olga Konstantinovna Romanova, Reine des Hellènes © Jamal Tuschick

Heimlich mehr - So geht es weiter - Jonna von Stellberg in ihren eigenen Worten

Der junge Mann in meinem Haus macht keine Anstalten, sich zu verabschieden. Ich hielte ihn nicht auf. Aber ich dränge ihn auch nicht. Ich weide ihn mit meinen Augen ab. Sein Anblick schlägt in mir eine Saite an, von der ich bis eben gar nicht mehr wusste, dass sie noch gespannt ist. Jetzt weiß ich, an wen mich der Fahrradexperte aus Göttingen erinnert. Malte Herzog ist meiner einst besten Freundin Ingrid Weber wie aus dem Gesicht geschnitten.

Jonna ließ Ingrid über die Stasi-Klinge springen  

1986 - Ich bin Kostümbildnerin am Rostocker Alexandra Kollontai Theater. Die anderen haben ihre Auftritte auf der Bühne. Ich trete in der Kantine auf und fühle mich unendlich begehrenswert. Die Meute hört Hea hoa hea hoa hea hoa hea von Feeling B und Am Fenster von City. Bis eben überstiegen Soloempfindungen alles, was ich mit Männern erleben konnte. Doch seit Heiner Schleef sich heimlich mehr für mich als für Ingrid interessiert, peitscht mich die Erwartungsspannung aus meiner autoerotischen Genussecke in heikle Lagen. Ich spiele mich in Ingrids Liebesleben auf. Ich bin drauf und dran meiner besten Freundin den Feldstecher abzunehmen. Meine Skrupellosigkeit macht mich schwindlig. 

Warum vergehe ich mich an Ingrid? Wieso schärft mich Heiner so fürchterlich? Wieso taugt die Binse kennst du einen, kennst du alle in seinem Fall nicht? 

Heiner begann seine Laufbahn als der Unscheinbare.

Früher hätte ich mich mit Ingrid beraten. Ich nutze nun ihre Ahnungslosigkeit für hinterhältige Zwecke. Sie trägt einen existenzialistischen Rollkragenpullover aus der Produktion des VEB Modische Strickwaren Apolda (vormals Glockenruf), in dem auch ich gut aussehe. Wir tauschen ständig Klamotten. Der volkseigene Betrieb basiert auf der Traditionsstrickerei Jacobi-Wegner. Meine Großeltern kannte die Enteigneten. Die Rede am Skipperhus-Küchentisch war von Verlegern, die Heimarbeiterinnen beschäftigten.

Ingrid kommt aus Apolda, der Glockenstadt mit Weltruf im Weimarer Land. Ihr Thüringer Dialekt klingt in meinen norddeutschen Ohren so wie Lebkuchen in der Omakiste riecht. Ich fühle mich wohl in Ingrids Nähe. Wir waren beide mit Argusaugen gehütete Schätze unserer Familien. Jetzt sind wir Agentinnen der Anziehungskraft. In manchen Mondphasen erliegen wir Nacht für Nacht dem Begehren, das wir auslösen.

Kammerspiele der erzwungenen Selbstkritik

Seit Jahrzehnten konnte ich nicht mehr so an Ingrid denken; so als sei weiter nichts geschehen. Irgendwann wich sie vom richtigen Weg ab und beging Republikflucht, wenn auch nicht so selbständig wie sie glaubte. Die Stasi half heimlich. Es gab ein amtliches Donnerwetter, bei dem die Dramaturgin Else Kern und eine Regieassistentin, die in Heiners Regime bis zur Namenlosigkeit bedeutungslos geblieben war, den reinigenden Kräften der Partei und der verordneten Selbstkritik zum Opfer fielen. Das war keine große Katastrophe, nicht mehr als ein Kammerspiel. Wochenlang steckte ich in einem Tunnel; abgeschirmt von Leuten, die wussten, was ich getan hatte. Einige aus der Riege besitzen immer noch Macht. Mein Führungsoffizier ist mir erhalten geblieben. Geronimo Mansfeld klappert mit seinen Schäfchen gern Seebäder an der Ostsee ab. 

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Man glaubte, ich litte unter dem Verrat meiner besten Freundin an unserem Staat. In einer mich verfolgenden Vision des Grauens - im sonnenkultigen Ocker der Aztekenarchaik und einer Sepiagrundierung - kehre ich von irgendeinem Strafgericht, bei dem ich zwar nur Zaungast war, aber trotzdem bis zur Auslöschung degradiert erschien, in meiner Theaterschneiderstube zurück und entdecke Ingrids Selbstmordleiche. Sie hängt mit pittoresk abgeknicktem Hals an einem Dachbalken.

Ich war nur kurz Heiners Hauptgeliebte, kürzer jedenfalls als es mir lieb war. Nach dem Scheitern der Beziehung verkleinerte ich den Rahmen, in dem ich mein Leben für ausgefüllt hielt. Ich verabschiedete mich von der Vorstellung, Avantgarde, Bildungsbürgerlichkeit und Familie unter einen Hut zu bekommen.  

*

Ich habe meine Mutter in ihren letzten Lebensjahren darum beneidet, dass sie mich hatte. Eine Tochter. Ein Wesen von ihrem Fleisch, dass nach ihr weiteratmen würde. Ich wende mich meinem Gast zu und frage förmlich, ob er zum Abendessen bleiben möchte.

Ja, ich mache ihm das Angebot. Doch fühlt es sich so an, als gehorche ich einer Regieanweisung; als habe Malte mir meine gewiss übertriebene Gastfreundschaft souffliert. Ich halte mich davon ab, Malte Vorschläge zu unterbreiten und ihn aus einem Angebot wählen zu lassen. Ihm werden meine Spielräume ohnehin gleichgültig sein.

Ob er Vegetarier ist? Veganer?

Ich trete mit der Ansage aus meinem inneren Verhau: „Es gibt Kürbis-Ricotta-Ravioli in Salbeibutter.“

„Kein Problem.“

Die Antwort vernichtet mich kurz. So tapfer wie erschlagen entsage ich der Selbstachtung.

„Ist Knoblauch für dich okay?

Malte nickt zuvorkommend. Vermutlich zeigt er eine konventionelle Reaktion. Ich kenne so wenig Zwanzigjährige.