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02.05.2022, Jamal Tuschick

Marta Hoepffner, Solarisierter Akt, Bromsilberpapier 1940. Auch Jonna von Stellberg wurde in dieser Weise oft verfremdet dargestellt von DDR-Fotograf:innen, die den sozialistischen Realismus auf einem Grat zwischen Surrealismus und Neuer Sachlichkeit interessant hielten. „Der schönste Körper des Nordstrands“ sollte nicht bloß in der Kalenderblattästhetik dem Angebot zugeführt werden. © Jamal Tuschick

Sie war eine Städelschülerin und in besonderer Weise dem Maler, Grafiker, Bühnenbildner, Typografen und Kunsttheoretiker Willi Baumeister (1889 - 1955) verbunden. Als die Nazis den Dozenten vom Lehrbetrieb ausschlossen, demissionierte Marta Hoepffner (1912 - 2000) in stillem Protest. 1934 gründete sie die Werkstätten für künstlerische Fotoaufnahmen. Auch das war ein Weg der inneren Emigration.  

Marta Hoepffner, „Selbstporträt im Spiegel“ 1941 © Jamal Tuschick

Ahnengrind

Der Bodden liegt hinter einem Grauschleier. Ich sehe aus meinem Schlafzimmerfenster, das in grauer Vorzeit der Witwenkammerausguck meiner Großmutter war. Manchmal bilde ich mir ein, Niststellen eines alten Geruchs wahrzunehmen; eine Ahnengrindanhaftung in Gebälkschrunden.

Gorki erinnert mich daran, dass ich im Augenblick mehr als einen Kater habe. Mir passiert das nicht mehr oft. Inzwischen kriege ich schon Kopfschmerzen, wenn ich nur daran denke, wie es war, in der vollgequalmten Theaterkantine zu sitzen, während einem die lieben Kollegen ihren Nikotin- und Alkoholatem ins Gesicht bliesen. Fünf, sechs Bier und dann noch einen Schnaps und noch einen, und das Zigarettenpäckchen schon wieder leer; man zahlte am Tresen. Vor der Tür reduzierte uns die Kälte auf die stabile Anzahl der Unentwegten.

Bis 1990 war ich Kostümbildnerin am Rostocker Alexandra Kollontai Theater. In meinen Erinnerungen an die Endzeit vor der Auflösung herrscht Frost in einem ewigen Winter. Die nächste Kneipe lockte auf dem Weg zu einer Bude, deren Poesie sich mir nicht mehr erschließt.

Gorki schnurrt auf der Fensterbank. Er spürt meine Not und erweist sich als Freund. Ja, ich habe mich hinreißen lassen und Malte im Skipperhus ein Nachtquartier bereitet. Ja, es gab einen Augenblick der befangenen Zuneigung zwischen einer Fünfzig- und einem Zwanzigjährigen. Zuneigung im Sinn von sich jemanden zuneigen. Man beugt sich vor und verliert das Gleichgewicht. Ich weiß gerade nicht, wie ich meinem Gast unter die Augen treten soll; so peinlich bin ich mir.

Ich schäme und fürchte mich zeit meines Lebens. Meine Tillwitzer Großmutter behauptete: Dieses Küken will nicht flügge werden.

Ob es das war? In meiner Kindheit sah ich mich Verfolgungen ausgesetzt, an die ich heute kaum noch glauben kann. Sie sind buchstäblich gegenstandslos geworden. Nichts erinnert mehr daran. Mir ist schon klar, dass ich mir das nicht alles eingebildet habe.  

Manche Stammesgesellschaften versetzen ihren Nachwuchs im Rahmen eines Initiationsgeschehens in Angst und Schrecken. Maskierte jagen Kinder mit Lanzen in die totale Panik. Sie erzwingen die Erfahrung, Beute zu sein. Die Torturen stellen den Auftakt umfangreicher Belehrungen dar. Am Ende erhalten die Belehrten ihre Zugangsberechtigung zur Jagdgemeinschaft. „Die Verben des Kriegers (jagen, erlegen, kämpfen) sind das Vorspiel für sexuelle Beziehungen“, schreibt Pola Oloixarac in ihrem Roman „Wilde Theorien“. Die Familien- und Hausstandgründung erfolgt im nächsten Schritt. Ich habe diesen Schritt nicht gemacht. Ich bin eine Gejagte geblieben, die sich immer wieder von der Vorstellung befreien muss, sich lediglich vor dem eigenen Schatten zu erschrecken.

Tillwitzer Obstverarbeitungsrekord

„Möchtest du Kaffee?“

Ich spiele die Ungezwungene. Malte bleibt verpennt auf Distanz. Ich weiß schon, dass er gut geschlafen hat. Ich erforsche seine Stimmung, als hinge für mich Bewegendes davon ab, wie Malte aufgelegt ist. Behutsam belaste ich den Steg seiner kaum verbindlichen Freundlichkeit. Offenbar will er vor dem ersten Kaffee kein Kapital aus meiner Schwäche schlagen. Ich ertappe mich dabei, wie ich Malte stumm darum bitte, gnädig zu sein.

Er hilft nicht. Ich bürde dem Frühstückstisch auf, was der Kühlschrank hergibt. Ich lobe Gundas Pflaumenmus. Meine Nachbarin hält den Tillwitzer Obstverarbeitungsrekord. Sie und ich sind die letzten Alteigentümerinnen echter Boddenhöfe weit und breit. Vor vierzig Jahren hat Gunda strategisch geheiratet. Ihr Keno kann alles. Er ist Schreiner und Architekt und kümmert sich seit der Hochzeit hauptberuflich um das Anwesen. Dessen Schmuckcharakter findet allseits Bewunderung. Der Betrieb eines feudalen Herrenhausprospekts mit adäquater Umgebung verlangt dem Ehepaar viel ab. Jedes publizierte Lob entfacht den Ehrgeiz neu in einem Fass ohne Boden. Inzwischen feiern ein halbes Dutzend neuer Magazine das Landleben. Auf den Hochglanzaufnahmen sieht man den Mauerschwamm so wenig wie jeden anderen Substanzverlust.

Gunda und Keno verkörpern in verschiedenen Ausprägungen den malerischsten Typus des Eingesessenen in seinem Bestand. Vor den Enteignungen in der DDR gab es zwischen Dyrborn und Dänhagen zwei Dutzend Boddenhöfe an der Uferlinie; aufgereiht wie Perlen an einer Schnur. Das war ein komplexes Wirtschaftsgewebe aus überseeischen Aktivitäten, Küstenfischerei und Landwirtschaft. Nichts weist mehr daraufhin.

Manchmal weint Gunda vor Erschöpfung. Das Erbe frisst sie auf. Ihre Kinder leben in Schwerin. Wegen der geringen Umstände beim Einkaufen und der kurzen Wege zum Arzt wollen sie da alt werden. Keno wirtschaftet wie ein Einsiedler. Er spricht nicht mehr und verweigert die Annahme jeder Unterstützung. Er erträgt keine zupackenden Männer in seiner Nähe. Zu deutlich führen sie ihm sein Alter vor Augen. Reduziert von Enttäuschungen und verbraucht von der Arbeit schleppt er sich durch seine Tage.

Wie praktisch und begehrenswert Keno einst Gunda erschienen ist. Lichtjahre von der alten Stattlichkeit entfernt, verkümmert Keno nun auf dem erheirateten Hof.