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03.05.2022, Jamal Tuschick

„Alles, was nicht direkt wirkt in der Kunst, verfehlt seine Aufgabe.“ Ré Soupault beim Anblick der Colmarer Madonna im Rosenhag.

„Überall Verwüstung. Abends Kino“

Wenn aus allem nichts wird

Die Schredder einer neuen Zeit vernichten ellenlange Vergangenheitsschleppen. Was Ré Soupault nicht alles war vor dem Krieg. Experimentalfilmerin, Modemacherin, Fotografin, kurz eine Kombattantin im Kulturkampf mit Ausstrahlung. Verheiratet mit dem solventesten Surrealisten. Philippe Soupault war sich zu fein war für die Hahnenkämpfe um die Gipfelstellung auf dem Misthaufen seiner Kunstrichtung. Er hat es von Haus aus nicht nötig, sich als Breton aufzuspielen.

Ré Soupault, „Überall Verwüstung. Abends Kino“, Reisetagebuch 8.9.1951 – 15.10.1951, herausgegeben von Manfred Metzner, Verlag das Wunderhorn, 123 Seiten, 22,-

Am 6. Mai 1951 kauft sich die mittellos aus dem Zweiten Weltkrieg hervor-, ihrer Vorkriegsgewissheiten restlos verlustig gegangene, in Basel gestrandete, sich da als Übersetzerin durchschlagende Ré Soupault in Avignon eine Vélosolex. Das Fahrrad mit Hilfsmotor avanciert zu seinem eigenen Symbol in einer Nachkriegserfolgsgeschichte, die sich bis 1988 erstreckt.

Ré Soupault unternimmt Probefahrten und notiert die ersten Fahrerlebnisse. Ihre Grand Tour startet sie an einem Samstag in Basel bei „schlechtem Reisewetter“. Sie registriert einen rheumatischen Schmerz und eine phantasmagorische Aufwallung. Vor Colmar „taucht die Vision einer Landschaft auf, die an die Wolkenkratzersilhouette von New York“ erinnert und so auch an das mondäne Leben an der Seite des geistreichen Erben Philippe.

Die Reisende hält sich lange mit der Madonna auf. Sie erwägt Trinkgeldfragen und einen Cordon sanitaire.

„Es scheint, dass die Saarlandgrenze gesperrt ist wegen der (Poliomyelitis-Epidemie).“

„Die vergessene Pandemie: Als im Saarland die Kinderlähmung grassierte.“ Quelle

„Die Gesichter der Landstraße“ unter einem meist verhangenen, wolkenschweren Himmel: Ré Soupault fährt weiter nach Saverne. Da war ich gerade. Hier ein Foto des Saverne überragenden Château du Haut-Barr.

Château du Haut-Barr © Jamal Tuschick

Amerikanische Offenbarung

Aus der Ankündigung

Ihre Fahrt führt sie von Basel über Sélestat – Colmar – Saverne – Sarre Union – Sarreguemines – Saarbrücken – Schmelz-Bettingen – Dillingen – Trier – Wittlich – Kirchberg – Bingen – Stuttgart – Ulm – Günzburg – Augsburg – München – Landsberg/Lech – Kaufbeuren – Kempten – Immenstadt – Oberstdorf – Sonthofen – Lindau – Meersburg – Engen – Donaueschingen – Neustadt – Titisee – Feldberg – Lörrach nach St. Louis (bei Basel).

Das „Fräulein“ vom Mond

Ein korpulenter Patron serviert zum Frühstück „zwei grosse Schnitten Kugelhopf“ (Originalschreibweise). Ein Polizist fragt: „Mademoiselle, venez vous de la lune?”

Ré Soupault vermerkt Pannen, Pech und Pleiten. Sie meldet Probleme mit halsabschneiderischen Tankwarten und benzingetränkten Zündkerzen. Einen Streckenabschnitt bewältigt sie im Zug. Reisebekanntschaften werden alltagsethnologisch unter die Lupe genommen. So entsteht ein Tableau vivant. Die doppelt und dreifach versierte, mit den deutschen, französischen und schweizerischen Verhältnissen (auf dem Hochplateau eines internationalen Vorkriegsradius) vertraute Autorin bemerkt verbitterte deutsche Kriegsverlierer und misstrauische Sieger, denen die Deutschen viel zu schnell aufholen. Ein Schaffner präsentiert sich als Stalingrad-Überlebender. Er könnte im Nebenberuf Schmuggler sein. Horrende Kaffeepreise hier und sehr viel günstigere Angebote da laden zu Zollvergehen förmlich ein.

Ré Soupault resümiert: Eine Frau fährt stets besser, wenn sie einem Mann Hilfsbedürftigkeit suggeriert.

Amerikanische Offenbarung

Die Chronistin erwähnt das Kinoereignis Die schwarze Natter, in unserer Wahrnehmung ein Klassiker der Schwarzen Serie. Vier Jahre nach seiner Produktion 1947 erschien der Spielfilm in einem anderen Licht; als überseeische Offenbarung und als Ausblick auf den amerikanischsten Moment des 20. Jahrhunderts. Die Vereinigten Staaten glänzten auf allen Rekordstrecken. Sie waren die unangefochtene Nummer Eins auf der Welt.

Die schwarze Natter, wesentlich bekannter unter dem Titel Das unbekannte Gesicht… ist ein … im Stil des Film noir mit Humphrey Bogart und Lauren Bacall.“ Wikipedia

Eingebetteter Medieninhalt

Aberwitzige Opfer-Täter-Umkehr-Rhetorik

Der Titel des Reports fängt eine Stuttgarter Szene ein. Die in einer Pension abgestiegene Ré Soupault bewegt sich in der zerschlagenen Stadt. Sie meldet:

„Überall Verwüstung. Abends Kino.“  

Das Wetter passt zu dem auf lauter Hügeln (Rotenberg, Schnarrenberg, Killesberg, Birkenkopf, Bopser, Frauenkopf) hingestreckten, urbanen Leichnam. Sogar bei den Siegersoldaten entdeckt Ré Soupault „stumpfe Gesichter“.

Geistlosigkeit und Hunger machen hässlich. Das feist-tumbe, brutal-bigotte Deutschland raubt der Re-Emigrantin den letzten Nerv. Sie analysiert die Gründe für ihre Aversion und antizipiert dabei das ganze Programm auf einem Sockel fehlenden Unrechtsbewusstseins im Verein mit Wehleidigkeit und einer aberwitzigen Opfer-Täter-Umkehr-Rhetorik.      

Bald mehr.

Weiter aus der Ankündigung

Am 16. Oktober 1951 ist Ré Soupault – nach 1.500 Kilometern Reiseweg – zurück in Basel. Ihr Tagebuch ist die Zeitkapsel einer Reise durch das vom Krieg zerstörte Elsass, Saarland und Süddeutschland.
 Mit einem Velosolex, einem motorisierten Fahrrad, das einen klappbaren Zweitakt-Hilfsmotor besaß, hatte sie sich nach einem Besuch bei Verwandten in Rheinland-Pfalz auf den Weg zu geschäftlichen Terminen nach Stuttgart und München gemacht.

Die Reisegeschwindigkeit des Velosolex lag bei 15 bis 20 Stundenkilometern. Preiswert war es, da eine Zwei-Liter-Mischung aus Öl und Benzin für 300 Kilometer reichte. Es hatte keinen Tacho, keinen Rückspiegel, keine Federung, keine Satteltaschen. Ihr wichtigstes Gepäckstück trug Ré Soupault dennoch stets bei sich: ihre Reiseschreibmaschine. Mit ihr hielt sie ihre Reise fest, die Begegnungen auf der Landstraße, die Suche nach Übernachtungsmöglichkeiten, ihre Arbeit beim Süddeutschen Rundfunk, die Theaterabende in Stuttgart, bei denen sie Lil Dagover kennenlernte. Ihre herbe Beschreibung Münchens und seiner vollen Biergärten, ihre Landschaftseindrücke zeichnen das Bild eines immer noch zerstörten Deutschlands, das verzweifelt auf der Suche nach einer neuen Identität ist. Und immer wieder hört sie in sich hinein, von Selbstzweifeln geprägt, was dieser unmenschliche Krieg mit ihr, der Deutschen, der Antifaschistin, durch ihre Eheschließung mit Philippe Soupault zur Französin geworden, angestellt hat.
Das Reisetagebuch einer außerordentlich mutigen Frau, die 1951 auf einem Velosolex das Land erfährt.

Ré Soupault, geboren 1901 als Erna Niemeyer in Pommern, arbeitete bereits während ihres Studiums 1921-1925 am Bauhaus in Weimar. Über ihren Mann, dem Dadaisten und Filmkünstler Hans Richter lernte sie u.a. Man Ray und Sergeij Eisenstein kennen. 1931 gründete sie in Paris ihr erstes eigenes Modestudio »Ré Sport«. Im Kreis der Pariser künstlerischen Avantgarde traf sie ihren späteren Ehemann Phillipe Soupault. Mit ihm unternahm sie ab Mitte der dreißiger Jahre zahlreiche Reisen durch Europa und Amerika, wo sie seine Reportagen fotografisch begleitete. Seit 1948 wieder in Europa, arbeitete sie als Übersetzerin und Rundfunkautorin. Sie starb 1996 in Paris.

Manfred Metzner lebt als Verleger und Rechtsanwalt in Heidelberg. Er ist Herausgeber der Philippe-Soupault-Werkausgabe und des Werks von Ré Soupault.