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06.05.2022, Jamal Tuschick

„Die ganze Literatur hängt mir kilometerweise zum Hals heraus und was ich wirklich möchte ist: Spazierengehen. Ich scheiß auf alles.“ Heinrich Böll

Am liebsten fotografierte er seine Stadt nachts. Der Dresdner Maler, Grafiker, Fotograf und Kunstpädagoge Edmund Kesting (1892 - 1970) war auch ein Spezialist für Architektur- und schließlich Trümmerfotografie. E.K., „Dresdener Totentanz“ © Jamal Tuschick

Tillwitzer Traditionen

Auf dem Urff bezeichnet eine öffentlichen Angelegenheiten gewidmete, halbwegs verwilderte Fläche, die im Zuge von Gemeindeerweiterungen den Mittelpunktcharakter verloren hat und in ihrer Randständigkeit mit dem zur Brache verkommenen Fußballplatz und anderen Verwahrlosungsmomenten konkurriert. Wir parken unsere Wohnmobile und noch größere Kisten auf dem Urff. Mit dem Wir sammele ich sämtliche Tillwitzer ein. Ich bin bloß die allwissende Erzählerin. Manche nennen mich „die alte Hexe Horch“. Doch sogar ich hatte meine Zeit als angenehme Verkehrsteilnehmerin. Vor meiner Enttarnung, um es wenigstens selbst gesagt zu haben. Container haben einen festen Platz auf dem Urff sowie manches Provisorium, das nirgendwo sonst im öffentlichen Raum stehenbleiben dürfte. Nichts rührt sich vom Fleck wegen eines Gemeindeanlasses. Der Urff verliert seine Geschichte. Ihm kommt die Vergangenheit abhanden.

Ausgerechnet Gunda von Tillwitz-Höckelheim kümmert das nicht. Die Gräfin latscht in ihren Birkenstock über den Platz. Sie ist auf dem Weg in den Lavard Krukke. Das Lokal heißt so nach einem Tillwitzer Gastwirt, der vor hundert Jahren eine Person des öffentlichen Lebens war. Dessen Urenkel Olle Lavard ist Stammgast im Krukke. Ob sein Ahne nur zufällig genauso so hieß wie der letzte Samtherrscher der Abodriten? Manche Geschichtsschreiber handeln Knud Lavard (1096 - 1131), ein Däne nach heutigen Begriffen, als ersten Herzog von Schleswig. In jedem Fall war Knud ein Jarl jener Slawinnen, die vor mir in Tillwitz siedelten. Ich aber führe meine Herkunftslinie zurück, bis zu dem Fürsten Witzan, der als Tributpflichtiger des großen Karl Tillwitz auf die Landkarte setzte. 

*

Seit vierzig Jahren schaltet die Marlows im Krukke. Hanne Marlow, geborene Schleim, wringt ihr trockenes Haar. Eine Geste der Verzweiflung auf dem Vorfeld von Erosion, Korrosion und Schimmel. Die übelsten Sachen sieht man gar nicht. Man kann sie auch nicht riechen. Aber sie sind da als Lauerjäger in den Größenordnungen der Mikroorganismen. Die chemische Zusammensetzung des Lebens schleift einen Rattenschwanz an Problemen für Eigentümer hinter sich her. Seit die Erfurterin Hanne einen Sohn braver Leute geheiratet hat, kennt auch sie die Not der begüterten Klasse.

Jede hätte Hansi heiraten und so Frau Marlow werden können, angefangen bei der in Treue handfesten Zugeherin Eva Salbader bis zu der von Hanne gefeuerten guten Seele des Hauses Rosi Würm. Rosis Süßigkeiten waren Offenbarungen. Rosi hielt Hans mit Schnickischnuck am Leben. Seine Eltern übten an ihm eine militante Verständnislosigkeit. Im Bollwerk der Zurückweisung leuchtete die einzige durchlässige Stelle in allen Signalfarben: Hans durfte sich fett fressen. Das war eine Strategie, um in dem Kind erst gar kein Selbstbewusstsein aufkommen zu lassen.

Hans fand seinen Hass auf die Eltern verboten; das war natürlich ein Fehler.

Auf seiner Speisetafel steht immer noch Z...schnitzel, obwohl Jonna von Stellberg der eingeheirateten Rassistin nahegelegt hat, Paprikaschnitzel zu schreiben. Z... sei zu dicht an ..., behauptet Jonna im Einklang mit der westdeutschen Mehrheitsgesellschaft, die in Tillwitz keinen guten Ruf genießt. Deshalb stellt Michaela von Hallwig ihr Licht unter den Scheffel. Michaela kommt aus Stockheim in der Rhön. Als geborenes Landei findet sie sich bei uns so weit zurecht. Sie geht dem Bürgermeister um den Bart und springt im Tillwitzer Traditionstakt von März bis September in der Ostsee.  

„Wenn Sie eine ganze Gesellschaft gegen sich haben, ist das eigentlich die produktivste Situation für Künstler, die man sich vorstellen kann.“  Peter Iden

„Du hast keinen Schimmer, wie versatil Bella ist.“

Jonna spricht von ihrer hochbegabten Nichte. Michaela sitzt neben der Premiumpersönlichkeit mit einer Vergangenheit als Ikone realsozialistischer Weiblichkeit in dem Wirtshaus neben der Kirche, in deren Umgebung die ältesten pommerischen Manifestationen christlicher Ausschreitungen jede Gegenwart überdauern. Grübe man unter Michaela den Boden weg, käme ein Schatz zum Vorschein.   

Michaela erwägt, Brot nachzubestellen, um die Magensäure zu löschen, die ihren Atem verdirbt. Sie verwirft den Aufwand, während sie den Valeurs eines Interesses nachspürt, dass angenehm auf ihr lastet. Jonnas Liebhaber, der pensionierte Pilot Kasper von Roßbach, erkennt in Michaela eine natürliche Komplizin im Kampf gegen die ostdeutsche Übermacht.

Michaela genießt die renegate Drift unter dem Aufmerksamkeitsschirm eines offensichtlich großartigen Mannes. Sie und Kasper sind im Augenblick die einzigen Westdeutschen im Intrigenspiel rund um Gräfin Tillwitz, Bürgermeister Vrunt und Ex-HVA-Major Mansfeld. Ein Zaungast des Reichtums und der Bodenständigkeit ist der auf den Hund gekommene Ex-Dramaturg Heiner Schleef.

Aus den intimen Aufzeichnungen der Jonna von Stellberg

Heiner wollte wie ein Andrej Scheljabow der Kunst über alles hinwegfegen. Heute rechne ich ihn jenen zu, die vor dem Start aufgegeben haben. Er sieht schon lange aus wie eine Karikatur von George Grosz. Ich kann mir meine Erregung bei seinem Anblick in den 1980er Jahren beim besten Willen nicht mehr erklären. 

Heiner fuhr in einem Bulldozer des Begehrens vor.