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07.05.2022, Jamal Tuschick

„Die Wirtsleute sind jung, ziemlich reich, haben Schweine, eine Kuh, mit einem Wort - nichts.“ Isaak Babel

„In der Tora gibt es nichts Wichtigeres, als das man heilig zur Welt kommt.“ - Tora-Rolle mit antikem, sehr wertvollem Jad in der Synagoge zu Ingwiller im Elsass. Ingwiller gehörte zur Grafschaft Hanau. © Jamal Tuschick

Geniale Eltern

Religiöser Rigorismus  

Ihre ersten Lebensjahre verbringt sie als Tochter eines kommunistischen Funktionärs und einer doppeltpromovierten, intellektuell unschlagbaren, emotional unterkühlten Ingenieurin in der Sowjetunion. Da durchlaufen Julias Eltern einen Prozess der Entfremdung von den herrschenden Verhältnissen, bis zur totalen Abkehr.

Lina und Michael werden zu Renegaten in einem totalitären Regime. Ihre Skalen justieren sie neu nach den Parametern ihrer jüdischen Herkunft. Während Lina aus einer modert-religiösen Familie stammt, verpflichtet den charismatischen Tausendsassa Michael eine chassidische Abstammung zum Rigorismus. 

Julias Vater gehört zur Lubawitscher Gemeinschaft.

Julia Haart, „Un-Verhüllt. Mein Weg von der ultraorthodoxen Jüdin zur erfolgreichen Modedesignerin“, die Autobiografie des Stars der Netflix-Serie „My Unorthodox Life“, auf Deutsch von Constanze Wehnes, Anja Schünemann, Knaur, 24,-

Zum ersten Mal lernt Julia das Alphabet der Ächtung. Lernen muss sie noch, dass es mehr als eine Sprache des Ausschlusses gibt. In New York wird man ihr zu Last legen, dass sie nicht von Geburt an gläubig war. Als (mühsam heimkehrende) verirrte Seele erlebt Julia in der Ultraorthodoxie Herabsetzungen im Rahmen des Themenkreises Baal Teschuwa.

„Wir leben nämlich in der Epoche des Baal Teschuwa.“ Quelle

Die Familie emigriert nach Amerika und taucht zuerst in Austin, Texas, in eine strikte Gebots- und Verbotswelt ein. Julias Eltern bereiten als geniale Entwicklerinnen der technologischen Zukunft bei IBM den Weg.

“In 1967 it was a big deal that IBM had opened a plant in sleepy Austin. The company became an early catalyst in the city’s transformation into a hub for technology and innovation.” Quelle

In Texas begegnet Julia zum ersten Mal Gläubigen, die eine koschere Küche besitzen, die sie lediglich zu Pessach nutzen.

„In observanten Haushalten werden diese Dinge zu Pessach allerdings nicht nur nicht verzehrt – sie müssen auch vor Beginn des ersten Seders konsumiert oder aus der Wohnung entfernt werden … In der ganzen Wohnung darf sich kein Chametz mehr befinden.“ Quelle

Um (in der säkularen Welt überall lauernden) religiösen Risiken zu entgehen und allen Reinheitsgeboten auf die konsequenteste Weise zu genügen, zieht die Familie nach Monsey in New York City. Zum ersten Mal dominieren religiös-fundamentalistische Spielregeln Julias Alltag. Sie steigt in einen kraftraubenden, die Heranwachsende überfordernden Frömmigkeitswettbewerb ein.

“Fake it till you make it”

Bis zu ihrem zehnten Lebensjahr führt Julia das Leben eines Einzelkindes.

„Meine Mutter hat mich mit einundzwanzig bekommen und meinen jüngsten Bruder mit sechsundvierzig.“

Zu diesem Zeitpunkt ist Julia selbst schon Mutter. Ihre älteste Tochter hat einen Onkel, der jünger ist als sie.  

Im ersten Sommer der Perestroika (1987) macht sich Michael selbständig. Er eröffnet ein Büro in der Wäschekammer seines Wohnhauses. Julia nimmt Telefonanrufe wie eine Sekretärin entgegen. Weilt der Vater geschäftlich in Russland, tritt er mit Leibwächtern auf und fährt im gepanzerten Range Rover vor.

Seine Devise lautet: “Fake it till you make it.”

Eines Tages ruft der Präsident von Aserbaidschan an. Der Potentat macht Michael ein Angebot, dass er nicht ausschlagen kann. Im Gegenzug will er nicht mehr als einen Sack voll Unterwäsche von Calvin Klein und ein paar Levis Jeans.

*

In dieser Phase ihres Lebens ist für die - von den Furien ihrer Befürchtungen gejagte - Debütantin „die spirituelle Welt so real wie das Sofa in meinem Wohnzimmer“.

Deshalb zweifelt sie nicht daran, dass eine falsche Einstellung der Frau zum Sex ihre Nachkommen in die Verdammnis führen würde. Kinder können nur dann heilig zur Welt kommen, wenn die Mutter vor, während und nach dem Samenerguss ihres Mannes (diesem für sie Abgesandten Gottes auf Erden) Psalme rezitiert. Genuss gehört nicht zum Programm.

„In der Tora gibt es nichts Wichtigeres, als das man heilig zur Welt kommt.“

Das erfährt Julia nicht erst auf den letzten Metern vor ihrer Hochzeit mit dem Tora-Studenten Yosef; doch bläut man es der Verlobten in einer Art Nachhilfeunterricht für angehende Ehefrauen regelrecht ein.

Aus der Ankündigung

Von der verhüllten ultraorthodoxen Jüdin zur Designerin und Unternehmenschefin in New York: Eine mitreißende, wahre Geschichte aus der Welt des ultraorthodoxen Judentums - verfilmt von Netflix

Geboren in eine streng religiöse jüdische Familie und mit 21 verheiratet an einen ultraorthodoxen Juden, kennt Julia Haart die ersten 42 Jahre ihres Lebens nur die Unterwerfung unter die strikten Gebote ihrer Religionsgemeinschaft: Unbedeckte Haare, kurzärmelige T-Shirts, Miniröcke, Bikinis – all dies gilt als Insignien des Teufels.

Und doch ist Julia Haart von Kindesbeinen an fasziniert von der Glitzerwelt der Mode. Als ihre Kinder alt genug sind, beschließt sie, aus ihrem alten Leben auszubrechen – und ihre Leidenschaft für schöne Kleidung zu ihrem neuen Lebensinhalt zu machen. Und das vermeintlich Unmögliche gelingt. Nach der Gründung eines erfolgreichen eigenen Schuhlabels und der Arbeit als Designerin für La Perla gilt Julia Haart heute als eine der bedeutendsten Playerinnen der internationalen Modewelt. In diesem Buch erzählt sie ihre beeindruckende Geschichte. 

Vulkanische Vehemenz

„Meine … Eltern waren von Natur aus Gläubige.“

*

Im texanischen Exil erlebte die 1971 in Moskau geborene Julia ‚Yulia‘ Haart eine dramatische Verwandlung ihres Vaters. Mit vulkanischer Vehemenz kehrte der einst tiefgläubige Kommunist zu seinen chassidischen Wurzeln zurück. Die Metamorphose stellte auch die Welt der Tochter auf den Kopf.

Was zuvor geschah

Feuriger Vater

Sie ist ein Kind der sowjetischen Nomenklatura. Der feurige Vater besticht auf allen Podien mit schillerndem Sendungsbewusstsein und überbordendem Vortragstemperament. Seinem messianischen Impetus verdankt der ungemein vielseitige Funktionär Michael die Privilegien von Reisekadern in einem an allen Ecken und Enden erodierenden, von Leonid Iljitsch Breschnew beherrschten Staatenbund. Der aus dem ukrainischen Kamjanske (früher Dniprodserschynsk) gebürtige KPdSU-Generalsekretär will nicht, dass die Bevölkerung eine realistische Vorstellung vom Niedergang der Sowjetunion bekommt. Sie soll ihr lokales Elend für singulär halten.

Übrigens ist Breschnew der erste Apparatschik im höchsten Amt ohne oktoberrevolutionäre Vergangenheit. 

*

Julias Mutter übt Zurückhaltung in allen Lebenslagen. Die Doppeltpromovierte kühlt Charmeoffensiven des Gatten im inneren Eisfach herunter. Das findet der Umschwärmte sexy.

Die Autorin schält sich aus biografischen Schichten. Die dünnste Haut liefert der rote „Adel“ des „linientreuen“ Vaters und dessen Vaters, eines „hochdekorierten Generals“. Haart beleuchtet den moldawischen Hintergrund der einem Erfinder- und Unternehmerhaushalt entstammenden Mutter.

Gleich am Anfang überliefert sie eine das Prägungstheater erhellende Beobachtung.

„Lina, meine Mutter, hatte eine Schwester … Elena. Meine Mutter galt als die kluge Schwester, während Elena die schöne Schwester war.“  

In Wahrheit waren die Enkelinnen eines Chemikers und Entrepreneurs gleich schön und schick. Doch sollte sich Lina ein Leben lang gegen das Lob für ihr Erscheinung mit Verwunderung zur Wehr setzen.

So funktioniert Konditionierung. Wir reden uns alle gegenseitig etwas ein. Doch sind nicht alle gleich leichtgläubig.

Lina nimmt die Intelligenz-Zuschreibung furchtbar ernst. Sie „beantwortet nie auch nur eine einzige Prüfungsfrage falsch“. Dafür dekoriert man sie mit einer Goldmedaille.

Der charismatische Michael reagiert auf den spröden Charme der ewigen Jahrgangsbesten so entflammt wie vorher auf den Kommunismus und später auf das chassidische Judentum.

Das ist der Satz, der Lesende alles begreifen lässt:

„Meine … Eltern waren von Natur aus Gläubige.“

*

Lina friert den Liebesbrand ein. Auf den Spuren ihres umtriebigen Liebsten begreift sie die großen Lügen der Sowjetunion. Die beiden entdecken das Judentum in Kassiber- und Samisdat-Formaten.

„Natürlich war die Religionsausübung verboten.“

Sie verschließen sich in einer Gemeinschaft Gleichgesinnter. Gemeinsam bilden sie eine effektive Kellerkirche, in der sie auch britisches Englisch und Hebräisch lernen. Lina riskiert die Mikwe zum Wohl der Tochter.

Auswanderungsfahrplan

Haart analysiert das ideologische Schisma der Eltern. Der renegaten Drift folgt ein Auswanderungsfahrplan. Julias Amerikanisierung schreitet in Austin voran. Die genialen Eltern vollbringen bei IBM bahnbrechende Ingenieursleistungen. Sie sind „an der Entwicklung des ersten Personal Computers beteiligt“.

Die Geschichte von IBM in Austin

*

„Die Lubawitscher Gemeinschaft bekehrt verlorene Juden.“

Julias Vater „stammt aus einer tiefreligiösen chassidischen Lubawitscher Familie“. Die Herkunft diktiert der Familie einen Kurs, der die Spielräume jener verfehlt, die bei ihrer Ankunft in Amerika auch religiöse Lasten über Bord gehen ließen.

„Angeblich liegen im Wasser um Ellis Island unzählige Yarmulkes und Tefillin.“

Wer aber das Überkommene in der Neuen Welt bewahrt, erwirbt, so erklärt es Haart, eine Art Adel, vergleichbar mit dem Mayflower-Prestige jener, die ihre Abstammung auf die Pilgrims zurückführen.

Julia Haart wurde 1971 in Moskau geboren. Ihre Eltern wanderten nach Austin, Texas aus, als sie fünf war. Dort schlossen sie sich einer ultraorthodoxen Sekte an, deren Gesetze und Bräuche Julia Haarts Leben bestimmten, bis sie 2013 die Sekte verließ. Nur eine Woche nach ihrem Ausstieg aus dem ultraorthodoxen Judentum gründete sie ein eigenes Schuhlabel, wurde in der Folge Creative Director bei La Perla und leitet heute als CEO Elite World, die Dachorganisation international führender Model Agenturen.