MenuMENU

zurück zu Main Labor

09.05.2022, Jamal Tuschick

Sturm & Drang im Sozialismus

„Der Expressionismus ist keine Mode. Er ist eine Weltanschauung. Und zwar eine Anschauung der Sinne, nicht der Begriffe.“ Herwarth Walden

*

„Achtung, Achtung, hier ist die Sendestelle Berlin Vox-Haus auf Welle 400 Meter. Meine Damen und Herren, wir machen Ihnen davon Mitteilung, dass am heutigen Tage der Unterhaltungsrundfunkdienst mit Verbreitung von Musikvorführungen auf drahtlos-telefonischem Wege beginnt.“ Die erste Rundfunksendung (29. Oktober 1923)

*

„Die zunehmende Beschleunigung der Wahrnehmung führt zum Realitätsverlust.“  Heiner Müller

© Jamal Tuschick

Brennendes Morgenrot

Über der Wasserlinie verliert der Himmel sein brennendes Morgenrot. Das Formenspiel der Wolken spiegelt sich. Das ist eine Urszene meines Lebens. Solange ich zurückdenken kann, nimmt mein Tag an einem Fenster mit freiem Blick auf den Bodden Gestalt an. Jeden Morgen komme ich auf meiner Reise ans Ende der Nacht da an. Ich habe die Welt mit diesem Fensterauge zu sehen gelernt.

Seit ein paar Jahre tragen ich gern Nachthemden meiner Stralsunder Großmutter. Die Leinenstücke gehörten zur Aussteuer und stammen aus der Hand einer Greifswalder Weißnäherin. Biesen, Spitzen, Nadelfilets und seidene Einfassungen zieren sie. In der Hochzeitskollektion war auch ein Totenhemd. So praktisch war der Begriff vom Leben.

Gorki kreuzt auf, um in meinem Bett weiter zu pennen. Mein Kater schlüpft nachts nicht mehr durch die Klappe vor die Tür. Er kommt auch nicht mehr zu mir, um sich einer Kniekehle einzufügen. Sein jüngster Schlafplatz ist mein Fernsehsessel, den er geringschätzt, wenn ich seine Decke nicht bereitlege. Gorkis Charakter erscheint mir nicht weniger komplex und von Abneigungen bestimmt als mein eigener. 

In der dunklen Küche erlebe ich zuerst Gogols hinreißende Begrüßung. In dem Weimaraner steckt ein Jubelperser.

Ich öffne die Fenster und schlage die Läden zurück. Licht schießt über die Dielen und geht dramatisch die Wände hoch in einem Haus, dessen Grundstein zu einer Zeit gesetzt wurde, als man Schiffsführer noch nicht Kapitäne, sondern niederdeutsch Meester nannte. Ich komme einem mutmaßlich verwegenen Meester Finn von Stellberg nach, der von 1728 bis 1761 zur See fuhr. Mit meinem Urgroßvater endete die Seefahrerdynastie im 20. Jahrhundert. Mit mir hört alles auf. Ich bin die letzte Stellberg der Kommandantenlinie. Lange gefiel mir die Schlusspunktstellung. Vor ein paar Jahren verlor sich die Leichtigkeit des Verzichts im schmerzlosen Bedauern.

Maskirovka – Aus Jonnas Aufzeichnungen  

1996

Jede Nacht tritt die alte Garde zum Konvent der Schlaflosen zusammen. Oft machen wir die Nacht in der Theaterkantine zum Tag, aber manchmal treffen wir uns in Sinas Silberblick, einem Saufloch am Kröpeliner Tor. Einer Legende nach sitzen da manche seit 1270. Ob damals die Stadtmauer hochgezogen wurde? Wer weiß das schon? Die DDR pfiff auf die bürgerliche Geschichtsschreibung. Wie Rostock entstand und wie es sich verteidigte, interessiert die Saufschwestern so wenig wie den Tross der Schlappschwänze. Angeblich existierten zuerst drei Weiler, jeder hinter seiner eigenen Schanze. Dann zog man einen Palisadenzaun um das Ganze und fertig war die Laube.

Bei den Durchgängen in den Rostocker Wallanlagen unterschied man Strand- von Landtoren. Das Kröpeliner Tor war ein ... Setzen Sie bitte das richtige Wort ein.

Ich reiße das nur an. Die Unentwegten kennen keine Scham. Sie stürzen sich auf Sina und erwarten, für bedeutende Leute gehalten zu werden. Zu den längst ranzig gewordenen Urgesteinen zählen meine Ex-Liebhaber Heiner Schleef, Silvan Seegers und Afanasij Hünsdorf. Allesamt dekorierte Kulturschaffende eines aufgegebenen Staates. In der Gegenwart kursieren sie als strullige Labertaschen, die sich nicht abstellen lassen. Ihre haltlosen Durchblickbehauptungen sind das Traurigste, was ich mir im Augenblick vorstellen kann. Stets am Start ist Heiners westdeutsch-türkische Importbraut Lara Karakitap, die mit uns Nordlichtern (Irrlichter, Gelichter) unheimlich viel Spaß hat.

Gerade geht es darum, wie Pfeilgifte am Amazonas gewonnen werden. Silvan, der mich einmal wieder an Gojko Mitić als Winnetou denken lässt, bringt den Phyllobates terribilis ins Spiel. Das ist natürlich zu kompliziert. Die Belegschaft stolpert durch ihre Unkenntnisse. Silvans Schwester Tanja dreht das gute Gras aus Wustrow in eine Tüte. Der wahre Küstennebel. Tanja interessiert sich nicht für die Hierarchie der Spezialgläser und Aschenbecher im Silberblick. Sie zettelt kleine Aufstände gegen die Platzhirsche an. Die Jugendmannschaft steigt jubelnd ein.

Heiner überhört einen Witz auf seine Kosten. Lang her, dass seine Musik ohne Murren gespielt wurde.

„Der ist schmerzfrei“, sagt eine von den ganz Jungen, als sei Heiner blind und taub. Der aktuelle Gesprächsstand in zwei Sätzen: ... ist endlich schwanger ... tritt demnächst ihre erste Stelle an.

Das Spiel heißt: Wir möchten alle nicht bis drei zählen können. „Was heißt Obacht auf Englisch?“

„Watch out“, antwortet Tanja automatisch. … schneidet Gesichter … fotografiert sie. Daraus ergibt sich als Fortsetzung: Wir fotografieren unsere Ohren. … ist beim minimalistischen Sound und bei der flachen Instrumentierung der Ramones. … wird ihr Dekolleté peinlich. Sie zieht an den Fasern. Die Fasern widersetzen sich dem Zug. Die ersten Aufbrüche sind allenfalls Anläufe. Man verabschiedet sich ein bisschen, dann hat man doch wieder ein Bier in der Hand. Aber schon die Mütze auf. Die Mützen erinnern an altägyptische Hauben. 

Tanjas Fiasko   

Ausgerechnet die besonnene (besonnte) und selbstgenügsame Tanja spielt mit auf dem Feld der Globalisierungsgewinnmaximierung. Sie scheiterte in Russland bei dem Versuch, Superrädchen im Getriebe einer Expansion zu sein, die als Mulligans fehlgeschlagene Osterweiterung historisch wurde. Tanjas Arbeitgeberin, eine Unternehmensberatungsgesellschaft, leistete sich eine Strategin, die Willy Brandt und Karl Schiller für bedeutende Personen hielt. Sie legte den Chefinnen nah, „einen politischen Schachzug der deutschen Sozialdemokratie“ zu kopieren. Mit der Festschreibung der Oder-Neiße-Grenze (als einer Garantie Polens) habe Brandt Voraussetzungen dafür geschaffen, dass der Westen wieder einmal vor Moskau stand; nur diesmal, ohne zu frieren.

Brandts „Annäherung durch Wandel“ auf dem Sockel von Karl Schillers verführerisch-falscher Konvergenztheorie („Verführung ist die wahre Gewalt“, Friedrich Schiller) eroberte den Ostblock dann doch nicht. Wir haben uns alle geirrt, sage ich im Vorgriff auf noch ausstehende Erfahrungen.

Brandts Gegenspieler Leonid Iljitsch Breschnew war eine notorische Fin de Siècle-Gestalt, wie sie in Russland als Gegenfigur zu einem Zar Peter alle hundert Jahre aufkreuzt. Der aus dem ukrainischen Kamjanske (früher Dniprodserschynsk) gebürtige KPdSU-Generalsekretär spielte auf Zeit und hoffte auf ein Wunder in seinem an allen Ecken und Enden erodierenden Staatenbund.

Übrigens war Breschnew der erste Apparatschik im höchsten Amt ohne oktoberrevolutionäre Vergangenheit. 

Brandt wollte die Friedensfrist für Deutschland verlängern.

Als Mulligans Agentin trat Tanja gegen Mimikry-Virtuosinnen an, die mit blendenden und verätzenden Imitationen des verachteten Westens vorderhand zivil Ziele verfolgen, die zu Breschnews Zeiten nur sichtbar militärisch erreicht werden konnten. Sie forcierten aushöhlende Nachahmungen, die dazu führten, dass sich angreifende Gegenspielerinnen selbst de-stabilisierten. Da der Mulligan-Thinktank über Brandts taktile Interventionen nicht hinausdachte, kapierte er nicht, wo der Hase im hybriden Pfeffer lag. Man degradierte Tanja, um sich ein paar Champagnerlängen falsche Sicherheit zu verschaffen.

Pirouetten der Ratlosigkeit

Ich stöbere in alten Manuskripten. Das Skipperhus beherbergt die nautischen Journale meiner sagenhaften Ahnen. Lassen Sie uns einfach in einen Report aus dem Jahr

1837

einsteigen. In Begleitung des im Busch aufgetriebenen Burschen Fierro besucht mein Urururgroßvater Fürchtegott von Stellberg bekehrte „Indianer“, die wieder ganz anders sind als die Betbrüder in der nächsten Urwaldmission.

Fürchtegott von Stellberg in seinen eigenen Worten:

„Alles zeugt von Ungestüm und einer Liebe zum Streit, die Haltung, der Schritt, die Lanze, die sie nie aus der Hand geben und im Gespräch schwingen oder auf den Boden stoßen. Angeblich sind sie so wegen „ewiger Nachstellungen“ heidnischer Jíbaros.“

Fürchtegott sieht Kriegerinnen, die mit Regenschirmen und Krawatten bewaffnet sind. Dem Zivilisationskram schreiben sie Zauberkraft zu.

„Die Hütte eines Salucca ist typischerweise ganz zur Verteidigung eingerichtet. Neben dem Lager stehen Lanzen, mit giftigen Pfeilen gut gefüllte Köcher und Sarbacane, deren Mundstücke ebenso zu Klarinetten gehören könnten. Der Salucca lebt im Entsetzen vor dem Jibaro. Der Jibaro mordet, um zu morden. Findet er keinen Christen, fällt er die eigenen Leute an. Ist sonst nichts da, nimmt er eine seiner Frauen, um seinen Blutdurst zu stillen. Seine Familie ist eine Pflanzschule sämtlicher Laster. … In dieser verpesteten Atmosphäre wird ein Heranwachsender zwangsläufig zum Zeugen jeder Gemeinheit. Es lernt die Mutter zu verachten. … Von der Arbeit kommt der Vater mit den Schädeln Erschlagener. Sofort kehrt wahnsinnige Freude in der Hütte ein, die Gattinnen stürzen zu den Trophäen, um sie anzuspucken. In die Verhöhnung steigern sie sich hinein, bis sie ganz von Sinnen sind und auseinandergetrieben werden müssen, dass sie sich gegenseitig nicht zu sehr verletzen. Mit dem Veitstanz versuchen sie ihrem Versorger zu gefallen und unter den vielen Konkurrentinnen hervorzustechen.

Sie häuten ihre Feinde und nutzen die Häute für Handtaschen, Tabakbeutel und Muschelgeldbörsen. Über Krieg und Frieden entscheidet die Wahrsagung eines berauschten (halluzinierenden) Kaziken. Was er sieht in seinem Fieber nimmt der Stamm für bare Münze.“

Fürchtegott entdeckt von Wurzeln in die Luft getriebene Ruinen, die auf Städte eines namenlosen Volkes verweisen. Lange vor den Inkas kolonialisierte es den Urwald. Der Kapitän hält die Jibaros für degenerierte Nachkommen der Bauherren.

Schwenk zu Olm Petermann

Ich vertrete mir die Füße im Garten. Michaela von Hallweg grüßt im Vorübergehen der Zaunstäbe.

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe

so müd geworden, dass er nichts mehr hält.

Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe

und hinter tausend Stäben keine Welt. Rilke

Michaela dreht ein großes Rad im Rathaus. Sie steckt mit Madeleine Venda-Steinfurt unter einer Decke. Ausgerechnet diese beiden Wessi-Grazien gestalten den vom Fremdenverkehrsamt herausgegebenen Boddenkieker Kalender. Sie haben (an allen Widerstandsinstanzen vorbei) die alte „Drehscheibe“ umgemodelt. Ich erzähle das kurz um drei Ecken, angefangen bei Olm Petermann.

Olm ist in der freiwilligen Feuerwehr aktiv seit seinem vierzehnten Lebensjahr. Als Hoffotograf hat sich der Spanner neu erfunden. Er verkörpert jetzt eine um sich greifende Persönlichkeit, nach Jahren, in denen sein Leben geschlossen hatte wie ein Edeka am Sonntag. In den Heftchenromanen vom Bahnhofskiosk kamen seine Vorlieben nicht vor.

Rausch als Antwort auf die Erfahrung Einsamkeit. Der Kneipenklospruch Auch Arschgeigen können zart besaitet sein als Gratiseinsicht. Olm stand noch nicht einmal das Volkshochschulvokabular für seine verbotenen Wünsche zur Verfügung. Saß er mit der Mutter vor dem Fernseher, dachte es mörderisch in ihm: die Alte hat Schuld. Sie hat das Monster zur Welt gebracht.  

Alles war alt. Die Decken, das Sofa, der Fernseher. Das Haus, die Fensterläden, der Aufgang. Alles sah so aus, als wäre es schon immer alt gewesen. Auch die Mutter sah so aus. Ihre Liebe gab sich nicht zu erkennen. Dabei hätte einen die Mutter doch wenigstens lieben müssen, wenn sie sonst schon nichts für einen tun konnte.

Madeleine und Michaela legalisierten Olms Vorlieben. Das ganze Jahr durchforstet Olm den Landkreis auf der Suche nach Modellen für den Kalender. Der innere Schmierlappen verbirgt sich perfekt. Er riecht nach Rasierwasser, seine Frisur ist von Meisterinnenhand. Molina Beretta gibt der erfolgreichen Integration in Tillwitz ein Gesicht. Sie führt den Salon Latin Lover in der Ahrenshooper Straße.

Ohne Voranmeldung geht nichts. Als Kundin musst du dich hochdienen, Geduld haben und Zeit mitbringen. Wer bei Molina ein Stein im Brett hat, darf vorbeischneien, sich nach dem Befinden der Familie erkunden, einen Espresso trinken, eine Zigarette im Laden rauchen und sich endlich Molinas Gestaltungswillen ergeben

Die „Drehscheibe“ war bis Dreiundneunzig ein Schauplatz für World’s End-Stimmungen wie in den Filmen von David Lynch und Jim Jarmusch.

To get lost in Tillwitz and find something interesting. Das war die große Party im kleinen Kreis. Alte Schluckspechte initiierten den Nachwuchs. Ihnen war alles recht, solange die Spritpreise nicht stiegen.

*

In der Ahrenshooper Straße versucht ein Inder sein Glück mit einem Internetcafé. Er kommt zu spät. Genauso gut könnte er einen Telefonladen aufmachen oder das pseudo-nostalgische Tabak Trafik wiederaufleben lassen, dass in den Nullerjahren an dieser Stelle den Betrieb eingestellt hat, weil es keine anspruchsvollen Raucherinnen gab.

Ich erinnere Liebhaberinnen besonderer Marken, die mit Zigarrenkisten und Zigarettenstangen aus dem Laden kamen, um auf dem Trottoir in ein Gespräch verwickelt zu werden, dass sich garantiert an den beiden großen Themen Geschäft und Familie entzündete. Ihre Respektabilität stand außer Frage. Damals verbaute man Naturstein und der letzte Schrei war ein in einem gestuften Rahmen tiefliegendes Wohnzimmer voller Bäume in Kübeln.

Ich kenne Indien von einer Reise. Mir hat es da nicht gefallen, anders als einigen Rucksackreisenden im weitesten Bekanntenkreis. Ich betrete den Laden, von Neugier wie an einer Schnur gezogen. In dem ursprünglichen Verkaufsraum stehen gebrauchte Einrichtungsgegenstände wie auf einem Trödelmarkt.

Die Kasse ist verwaist. Die Leute an den alten Rechnern in dem Raum, der früher das Lager war, gehören vermutlich zur Familie. Zumindest sehen sie so aus. Sie verweigern die Kopfhörer. Sie hören ihre Musik und sprechen mit Leuten aus der Heimat. Plötzlich geht mir auf, dass ich nicht nur eine Sprache höre. Da sitzt nicht nur eine Familie.  

Wie schnell sich die Dinge an einem vorbei entwickeln. Eben noch obenauf, ist man im nächsten Augenblick schon abgehängt. Eine böse Vorahnung meldet sich. Der Inder erscheint und deutet an, dass er zu beschäftigt ist, um sich anzuhören, was ich zu sagen hat. Als Kundin nimmt er mich überhaupt nicht wahr. Vielleicht hält er mich für eine Behördenvertreterin, die gekommen ist, um seine Bruchbude auf der Stelle dicht zu machen.

Der Inder hebt eine Box vom Boden. Er schiebt den Deckel an und bietet mir den Anblick von unverpacktem, abstoßend zusammengebackenem Süßkram. Ich fühle mich zurückgeworfen in eine Schreckenskammer meiner Kindheit. Was musste ich es büßen, eine Stellberg ohne Brüder und sonstige Dreschflegel zu sein.