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11.05.2022, Jamal Tuschick

Data Mining im Nordstream

In den Geschirren liegengebliebener Fuhrwerke verwesen Zugtierkadaver. Reflex auf eine Notiz von Heiner Müller

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„Nur Schritt für Schritt - das ist kein Leben.“ Friedrich Nietzsche

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Schon im August 2014 verfügte das Datenanalyse-Unternehmen Cambridge Analytica  über den Informationswert von mehr als 87 Millionen Facebook-Konten, um damit ohne Mandat und Aufsicht Geld & Politik zu machen.

Zur gleichen Zeit hält die völkerrechtswidrige Krim-Annexion den Westen nicht davon ab, Putin für einen satisfaktionsfähigen Staatsmann zu halten.

Jonna von Stellberg spürt mitunter die Last eines unsichtbaren Jochs. Die ehemalige IM läuft immer noch an einer geheimdienstlichen Leine. Alte HVA-Seilschaften bereiten sich auf den Aufstieg zum Nord-Stream-Gipfel unter der Führung von Geronimo Mansfeld vor.

Der Ex-HVA-Major spielt den Onkel im Rentnerbeige. Er klappert die Seebäder an der Ostsee ab, stets mit der Glock am Mann. Mansfeld guckt gern mal in Jonnas boddennahem Skipperhus nach dem Rechten und hebt da ungeniert den sozialen Rock der Gastgeberin an. Er erinnert an ihre Leichen im realsozialistischen Keller. Der alte Haudegen hat seine Hausaufgaben gemacht. Er weiß, wie Facebook-Daten zu Waffen geschmiedet werden; wie Data Mining funktioniert und welche psychologischen Manipulationen hinter Wahlen stecken (können).

Bespitzeln als Gesellschaftsspiel

Mansfeld befehligt mehr Leuten, als er gebrauchen kann. Für seine Volksstasi erfindet er Ziele, bloß um die Gefolgschaft bei Laune zu halten. Er lässt sie im Trüben fischen und hinter Jonnas westdeutschem Liebhaber Kasper von Roßbach herlaufen.

Ich bin früher nicht gern allein aufgewacht. In einer vertrauten Beziehung erschien mir der Morgensex manchmal wie eine Gratismahlzeit, die man nicht ausschlägt, obwohl der Hunger noch gar nicht zurück ist. Heute arbeitet meine Phantasie auch mit post-koitalen Bademantelbilder, die Brigitte Maria Mayer gemacht hat. Man sieht den vom Alter verlangsamten Heiner Müller im Sog der Kraft einer potenten Frau. Manchmal versteige ich mich zu der Idee, Müller könne Flipflops getragen haben. Brigitte Maria Mayer © Jamal Tuschick

Der Melkzylinder in der Kuhscheiße

Solange ich ausführliche Geldarbeit nötig fand, begann mit dem ersten Kaffee die heilige halbe Stunde nicht unbedingt absoluter Ungestörtheit. Liebhaber waren zugelassen. Inzwischen sind Störungen selten. Ich sehe Kasper nicht gern am Morgen. Er steigt mir zu zackig in den Tag.

Aus dem Off

Kasper von Rossbach, 62, Paderborner, pensionierter Pilot, zwanghafter Planer; ein Mann der Programmpunkte und Punktlandungen, der sinnlos-aufwändigen Google-Recherchen, verrannten Facebook-Kommentare und spitzfindigen Freizeitziele. Kein Gemarkungsstein ist vor ihm sicher. Seine unmittelbaren Vorgänger waren abends schon nur noch selten auf eine angesoffene Weise zu bequem, um heimzufahren. Sie blieben dann mehr oder weniger ungebeten über Nacht. Das lief so leger ab, dass sich Jonna nicht herausgefordert fühlte. Bei dem alten Kasper will sie ständig mit dem eisernen Besen kehren, obwohl er sich keine Missachtung ihrer Souveränität nachsagen lässt.

Er ist gewieft, ein Taktiker und lustvoller Stratege im Geschlechterkampf. Kasper stellt komplizierte soziale Berechnungen an. In seinen Überlegungen wird alles zum Match.

Tatsächlich ist er der höflichste Bettgenosse in Jonnas Laufbahn als Geliebte. Trotzdem ging ihr noch nie einer so auf die Ketten. Kasper bestätigt sämtliche Vorurteile. Ja, Jonna finde seine Attitüde westdeutsch-arrogant, so wie sie den Ostwestfalen auch westdeutsch-verkrampft findet.

Die Fertigpizza als Offenbarung

Hüten wir uns vor den „regressiven Utopien“ (Gershom Scholem) der ostdeutschen Heimaterzählung. Isolieren wir das westdeutsche Klassenbewusstsein von 1970. Bayern München verkörpert in der Gegenwart von „Mehr Demokratie wagen“ (Willy Brandt) das Establishment und den Hochmut der Macht. Ein Gespenst geht um. Es heißt Baader-Meinhof. Der Familienfuturismus erschöpft sich darin, beim Grillen auf der Terrasse fernzusehen (der Fernseher im Freien als halben Mondflug). Kasper beflügelt die Idee, von Leuten in die Welt gesetzt worden zu sein, die alles richtig gemacht haben.

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Die Brandungsgeräusche von Neunundachtzig … Kasper liegt das andere Deutschland ferner als Amerika. Er verordnet sich eine ethnologische Annäherung. In Weimar studiert er die Gewohnheiten der Eingeborenen. Uninspiriert sinniert er über den Stein gewordenen Widerhall deutscher Klassik.

Der Ostblock bleibt eine Dystopie. Das große Verscherbeln hat schon begonnen, aber die DDR gibt es noch in ihrer Agonie. So wie Bürgerinnen, die in einem starken Trennungsschmerz mit ihrem Land verbunden sind. Leute, die ahnungslos ihre lebensgeschichtlichen Brüche herbeidemonstriert haben, betrachten fassungslos einen solide gefassten Westdeutschen der Marke Lufthansa-Flugkapitän.  

Jonna von Stellberg in ihren eigenen Worten

Ich bin früher nicht gern allein aufgewacht. In einer vertrauten Beziehung erschien mir der Morgensex manchmal wie eine Gratismahlzeit, die man nicht ausschlägt, obwohl der Hunger noch gar nicht zurück ist. Heute arbeitet meine Phantasie auch mit post-koitalen Bademantelbilder, die Brigitte Maria Mayer gemacht hat. Man sieht den vom Alter verlangsamten Heiner Müller im Sog der Kraft einer potenten Frau. Manchmal versteige ich mich zu der Idee, Müller könne Flipflops getragen haben. Vieles, was ich lange für Zustimmung gehalten habe, lese ich heute als Abwehr. Müller wehrte sich gegen alle möglichen Zuständigkeitserwartungen. Er verwahrte sich dagegen, als realsozialistisches Orakel belagert zu werden.

Seit Jahrzehnten sucht mich die Vorstellung heim, in dem uferlosen Werk von Müller auf eine Notiz zu stoßen, die sich in abstoßender Kürze auf mich bezieht. So etwas wie: Gestern nach dem Zahnarzt Jonna auf der Schönhauser Allee getroffen. Schien kaum bei sich, ignorierte einladende Bemerkungen. Nur mit Mühe gelang es mir, sie zu einem Plausch im Prater zu überreden.   

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Ein anderes Phänomen. Früher fand ich Müllers Themenzugänge wunderbar stichhaltig. Heute erscheinen sie mir mitunter vorsätzlich plump; als habe Müller seine Gesprächspartnerin unauffällig beleidigen wollen.  

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Müllers Theaterliebe begann in einer Mecklenburger Kneipe: gleich um die Ecke in Waren an der Müritz. Gegeben wurde Wilhelm Tell. Der junge Zuschauer vermisste ein Pferd im Stück. Deshalb war die Inszenierung eine Enttäuschung. Auf der gleichen Linie liegt Müllers erste „Amerikaerfahrung“. Angeblich geht sie von Karl May aus. Dessen Kritik am weißen Unwesen bestimmte dann Müllers Perspektive. So geht die Erzählung. Sie mäandert durch das Erzgebirge und mündet vorläufig in Mecklenburg. Da nimmt ein amerikanischer Sieger dem Erzähler eine Flasche Anisschnaps weg.

„Das hat ein bisschen die antiamerikanische Einstellung … wiederbelebt, die von Karl May.“

Zwischen Karl May und dem Kriegsende pfercht Müller einen verreckten Treck.

„Und ich hatte eine Flasche Schnaps liegen sehen.“

In den Geschirren liegengebliebener Fuhrwerke verwesen Zugtierkadaver. In Müllers Werk wimmelt es von toten Pferden. 

In der Vuca-Welt

Ivys neues Lieblingswort ist ein englisches Akronym aus Volatilität, Unsicherheit, Komplexität (Complexity) und Ambiguität. Seit dem vorläufigen Ende des Warschauer Pakts leben wir in der VUCA-Welt. Ivy und ich unterhalten uns leicht angeödet im Nostalgie Café Schönherr am Wasserturm über posttraumatischen Benefit und sein prominentes Gegenteil: die posttraumatische Belastungsstörung. Noch immer werden Gründe für die unterschiedlichen Reaktionen gesucht.

Die Tapete passt zu den Vorhängen. Die Motive sind floral. Sie haben einen Fin de Siècle-Stich. Ein Feuerlöscher präsentiert sich als Fremdkörper auf der Täfelung. Neben uns gräbt Olm Petermann die „sächsische Schokoperle“ Vanessa Ehrlich an.

Olm ist der Prototyp des perversen Muttersöhnchens in der Spielart des ewigen Ostsee-Strandjungen mit Föhnwind im Haar. Sein Fetisch ist der eingeklemmte Bikinisteg. Olm macht die Fotos für den Boddenkieker Kalender, den sich die Wessi-Frauen Michaela von Hallweg und Madeleine Venda-Steinfurt ausgedacht haben.

Diese Frauen kolonisieren uns mit ihrer Hochnäsigkeit. In der DDR wurde das koloniale Vokabular bis zum Schluss nicht geächtet. Dazu kam, dass Kinder aus Verbindungen zwischen afrikanischen, kubanischen und vietnamesischen Vertragsarbeitern und deutschen Frauen als Fleisch gewordene Überschreitungen gesetzlicher und gesellschaftlicher Normen mit massiver Anpassung die Verfehlungen der Eltern büßen mussten. Den Rassismus hatten die „Schokokirschen“ mit Humor zu nehmen. Manche identifizierten sich mit dem Aggressor und übernahmen das toxische Vokabular. 

In mir arbeitet die Ablehnung. Es ist auch lustig, dass Ostdeutsch als Marke das 89er-Theater zäh überlebt. Während Schwarz in der Berliner Angeberinnen-Republik kein Thema sein soll.  

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Müller sagte noch Dritte Welt. Er behauptete, das Highend-Amerika habe den globalen Süden inkorporiert. Da wüchse der Dschungel aus der Zivilisation. Die Barbarei verkleide sich als Zerfall und natürlich „bilden sich dauernd neue Zellen“.

Als DDR-Genie rechnete Müller mit Amerika just for fun (ist ein Stahlbad, Adorno) ab. Das war nur Schaulaufen und Kapitalismuskritik sowie Kritik an der klinischen Segregation, ohne die rassistische Wohnheimpolitik der DDR auf die Schandliste zu setzen.

Ich weiß nicht, wie oft Müller das N-Wort verwandte. Ivy und ich stehen auf dem Gipfel des Tillwitzer Hausbergs aka unser Maulwurfhügel, dem einzigen Rodelhang weit und breit. Wir beobachten Olms Versuche, Vanessa in die Anzüglichkeit zu schleimen. Das Modell, im Hauptberuf Physiotherapeutin, praktizierend in Ahrenshoop, eine Frau wie ein Roundhousekick, lacht den Fotografen aus. Aber dann macht sie es doch.

Was bedeutet das auslotende Halb-Einverständnis einer Frau, die unübersichtliches Terrain sondiert? In ein paar Jahren wird Katharine Angel die psychischen Arabesken riskanter sozialer Manöver als „dissoziatives Flackern“ bezeichnen. Sie schildert dann die stolpernden und schlingernden „Register- und Gangartwechsel“ infolge des patriarchalen Machtgefälles. 

„Die Konsensrhetorik impliziert zu oft, Begehren sei etwas, dass bereits vollständig ausgestaltet in uns schlummert und von uns nur noch hervorgeholt werden muss.“ Katherine Angel, „Morgen wird Sex wieder gut