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13.05.2022, Jamal Tuschick

Leseprobe

Sie waren keine professionellen Spione: Auf die langen Durststrecken, auf diese Mischung aus Gefahr und Langeweile, die den größten Teil eines Agentenlebens ausmachte, waren sie nicht vorbereitet. Und dann noch der Tod des Rotschopfs, mit dem ihnen das sie permanent begleitende Risiko unweigerlich vor Augen geführt wurde. Bevor wir die Männer auf ihrem Heimweg begleiten, bleibt aber noch eine letzte Geschichte aus Beirut zu erzählen. Neben dem Kiosk der Spione, auf der Straße bei der Drei-Monde-Schule, stand ein kleiner Laden, in dem ein Armenier Uhren reparierte.

Schattenkrieger

Sie sahen aus wie Araber und sie sprachen arabisch nicht anders als die Mehrheitsgesellschafter in ihren Geburtsorten. Als sich Mizrachim in den 1940er Jahren - im Zuge der israelischen Staatsgründung - für Spionageaufgaben rekrutieren ließen, fehlte ihnen zu einer perfekten Tarnung allein das, was in familiär-muslimischer Beiläufigkeit transferiert wird: religiöse Trivia vom Aberglauben über Verballhornungen normierender Wendungen bis zu mehrdeutigen Redewendungen mit dem Charakter verborgener Nachrichten.

Man betrachtet ein Bild. Zuerst sieht man einen Eselskopf, und auf den zweiten Blick einen Geschlechtsakt, der in der Wahrnehmung zur Ansicht eines Geistlichen mutiert. Solche Vexierspiele nicht nur der Sprache, sondern auch der Mimik und Gestik bargen für die Fighter des Arab Platoon die größten Gefahren.  

Die Agenten mussten das gemurmelte Selbstgespräch der infiltrierten Gesellschaft verstehen, die Unter- und Zwischentöne in einer mörderisch aufgeladenen Situation. Nur der Firnis ihrer Legende trennte sie von tödlichem Hass. Hinzu kamen lauter Erstmaligkeitserlebnisse. Der frisch gegründete Staat formierte sich im arabischen Untergrund auf der Holperstrecke von Haben-wir-noch-nicht, Kennen-wir-noch-nicht und Müssen-wir-erst-einmal-ausprobieren.

Matti Friedman, „Spione ohne Land. Geheime Existenzen bei der Gründung Israels“, auf Deutsch von Tim Schneider, Hentrich & Hentrich, 24.90 Euro

Im Präsens der Pioniere 

Ein Schattenkrieger der ersten Stunde ist Isaac Shoshan. Der Hausmeistersohn aus Aleppo erhält den Decknamen Abdul Karim. Er verrichtet Feldarbeit im Kibbuz Na‘an. 1948 wird Na‘an zum Hauptquartier der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte.

Nach Feierabend nimmt Issak am Wehrunterricht teil. Ein Palmach-Ausbilder lehrt den Umgang mit Bren-Maschinengewehren, Handgranaten, Sprengstoff und Funktechnik. Den Islamunterricht leitet der Iraker Shimon Somekh aka Sam’an.

Zu dieser Zeit leben in Aleppo zehntausend Juden in einer zweitausend Jahre alten, folglich lange vor der arabischen Invasion gegründeten Gemeinde. In Bagdad ist ein Drittel der Bevölkerung jüdisch. 

Issak lernt Feinheiten der Korankultur im Säulengang des Islam. Doch dass, was ihn im besonderen Maß auszeichnet und seine Rolle im Kampf einzigartig macht, beherrscht er längst.

Yeh.idat ha-mista’arvim

Ich rede von der Kunst des mista‘arev.

“The verb hista’arev in Hebrew means to be like an Arab, not to be or become an Arab, and the mista’arvim were Arabizing Jews. ‘Arab Jew’ in Hebrew would be yehudi aravi, a term found nowhere in rabbinic literature.” Quelle

Sofort versteht man die Krux. Issak bleibt Außenseiter. Physiognomisch erscheint er als Araber. Kulturell steht auf einer Kreuzung zwischen einer inferior-jüdischen und der dominant-arabischen Prägung. Während er von einem jüdischen Neustart unter zionistischen Vorzeichen träumt, verlangt man von ihm, sich seinen Schreckgespenstern von gestern anzuverwandeln.

Die Mista‘aravim sind eine Weiterentwicklung jüdischer Selbstverteidigungsformate im Geist von HaSchomer, der im frühen 20. Jahrhundert im osmanisch beherrschten Palästina als „Wächter“ agierte und als Vorgänger der Hagana historisch wurde. Quelle

Issak übt für seine Rolle als Herumtreiber auf dem Busbahnhof von Ramla-Ramleh. Er spielt den gläubigen Muslim und hört eine Dschihad-Predigt in der Al-Aqsa-Moschee.

Operation Zarzir/Starling

Am 27. Dezember 1947 ergeht der Befehl zur Operation Zarzir (Starling) an das vierte Bataillon der Palmach, in die Isaaks Arabische Abteilung inkorporiert ist. Die Mistaravim nennen sich auch Shahar - Morgendämmerung. Sie unterstehen Danny Agmon.

Die Order ist knackig formuliert:

“You have been instructed to assassinate, without any additional confirmation, the following people …” Quelle

Issak beteiligt sich an einem Attentat auf Sheikh Nimr el-Khatib, das nur halb misslingt.

Die Gegenspieler wurden sehr alt. Ob das Opfer je herausfand, dass einer der Attentäter mehr oder weniger in seiner Nachbarschaft vergreiste?

Im Unabhängigkeitskrieg von 1948 wirkt Issak als Kundschafter an der unsichtbaren Front von Beirut. Von der israelischen Staatsgründung erfährt er erst Wochen nach der Proklamation.

Vier Mista’aravim sammeln in der libanesischen Metropole Informationen. Ein in der Literatur kaum beachtetes Belastungsphänomen ist die alltägliche Nachrichtenlage in der schwierigsten Phase Israels; ein - Solidarität und Geschlossenheit erheischendes - arabisches Propaganda-Bombardement, das sich auf die Agenten destabilisierend auswirken könnte.

Die Dominanz der Gegnerperspektive erschlägt die Bollwerke der Zuversicht dann doch nicht.

Im Herbst ‘48 werden die Verschworenen zu Akteuren bei der ersten staatlich-israelischen Sabotage-Aktion. Das Ziel ist die Yacht Aviso Grille. Auf ihr wollte Hitler die Themse passieren, um in London die Regierungsgewalt an sich zu ziehen. Inzwischen gehört sie einem Libanesen. Issak und Havakuk führen den Spezialisten Eliahu Rika an die Sache heran. Der Kampfschwimmer befindet sich beruflich auf dem Weg zum Major der Marine (Quelle). Auf den gebürtigen Syrer warten geheimdienstliche Großaufgaben. Die gedeihliche Zukunft steht noch in den Sternen.   

Issak hilft dem Froschmann, Minen am Bootsrumpf zu platzieren. 

*

Konvolut der Selbstlosigkeit - Zurück auf Los

Während jüdische Agenten in der Keimzeit des neuzeitlichen Israel in arabischen Ballungsräumen ihre Resilienzgrenzen erkunden, trifft Ilse Ester Hoffe (1906 - 2007) Max Brod (1884 - 1968) in Jerusalem.

Brod muss ein großartiger Freund gewesen sein. Er sicherte jeden von Franz Kafka beschrifteten Zettel und führte ihn einem Konvolut der Selbstlosigkeit zu, das ihn – in dem berühmtesten Koffer der Literaturgeschichte - ins Exil begleitete.   

Ich beziehe mich kurz auf folgenden Titel:

Benjamin Balint, „Kafkas letzter Prozess“, aus dem Englischen von Anne Emmert, Berenberg Verlag, 331 Seiten, 25,-

Kafka starb mit der Erwartung einer sein Nachleben gestaltenden Flurbereinigung. Doch Brod tilgte die Spuren nicht. Morgen folgen wir weiter den Spuren der Spione.              

Aus der Ankündigung

Matti Friedman schreibt die bislang unerzählte Geschichte der geheimnisvollen „Arabischen Sektion“, einer Gruppe jüdisch-arabischer Spione, die im Zweiten Weltkrieg von britischen Spionen und jüdischen Militärführern gegründet wurde. Da sie sich aus Juden zusammensetzte, die aus arabischen Ländern stammten und somit leicht für Araber gehalten werden konnten, war sie dafür auserkoren, geheime Informationen zu sammeln, Sabotageakte und Attentate zu verüben. Als 1948 der erste jüdisch-arabische Krieg ausbrach und große Teile der arabischen Bevölkerung Palästinas vor den Kämpfen flohen, schlossen sich einige Sektionsagenten als Flüchtlinge getarnt diesen an. Sie zogen nach Beirut, wo sie zwei Jahre undercover von einem Kiosk aus operierten und ihre Nachrichten über eine als Wäscheleine getarnte Sendeantenne nach Israel funkten. Während ihrer gefährlichen Arbeit waren sie sich oft nicht sicher, wem sie Bericht erstatteten und manchmal sogar, wer sie selbst geworden waren. Von den zwölf Männern der Einheit zu Beginn des Krieges wurden fünf gefangen und hingerichtet. Aber schließlich wurde ihre Sektion zur Keimzelle des Mossad, Israels Geheimdienst.

Friedman vermittelt überraschende Einblicke in das Wesen des Staates Israel – ein Land, das nach eigenem Selbstverständnis Teil der europäischen Geschichte ist, obgleich mehr als die Hälfte seiner Bevölkerung aus Ländern des Nahen Ostens stammt. Für alle, die sich für echte Agenten und die Paradoxien des Nahen Ostens interessieren, ist „Spione ohne Land“ eine intime Geschichte von globaler Bedeutung.

Matti Friedman ist ein mehrfach preisgekrönter Journalist und Autor, dessen Texte u. a. in der New York Times, The Atlantic, Tablet und Smithsonian veröffentlicht wurden. „Spione ohne Land – Geheime Existenzen bei der Gründung Israels“ wurde mit dem Natan Prize 2019 und dem Canadian Jewish Book Award ausgezeichnet. „Pumpkinflowers – Bericht eines Soldaten über einen vergessenen Krieg“ stand 2016 auf der Jahresliste der „100 Notable Books“ der New York Times und wurde auf Amazon zu einem der 10 besten Bücher des Jahres gekürt. Sein erstes Buch „Der Aleppo-Codex“ erhielt 2014 den Sami-Rohr-Preis und die ALA's-Sophie-Brody-Medaille. Matti Friedmann wurde in Toronto geboren und lebt in Jerusalem.