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14.05.2022, Jamal Tuschick

Inbrünstiges Gattengespräch

„Man lebt nur einmal und das ist immer.“ Emmy Hennings

*

Ein Liebes- und Eheleben zwischen Grandiosität und Elend. Zum schlichten Schluss dichtet der Sterbende:

„Leb wohl, mein Emmy, hab Dich lieb, Dein Hugo.“

Die Witwe ist nun nichts mehr als eine Erbin ihrer Liebe. Sie lebt mit ihrem verstorbenen Hugo weiter. Gewissenhaft setzt Emmy Hennings das Gattengespräch fort.

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Nicht alle nehmen ihr die Inbrunst ab.  

„Habe ich mich jetzt zu Ende gelebt, oder noch nicht?“ Emmy Hennings

Als Verehrer rangiert er zunächst unter ferner liefen. Seine „mönchische“ Handschrift weckt dann aber das Interesse einer Umschwärmten mit prekärer Biografie. Dies geschieht am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Im nächsten Augenblick werden Theater geschlossen und Selbstmorde begangen. Hugo Ball (1886 - 1927) verliert seinen Posten als Intendant der Münchner Kammerspiele. Emmy Hennings (1885 - 1948) erhält Auftrittsverbot. Nach einem Beischlafdiebstahl fällt sie aus allen Wolken der Boheme und landet im Gefängnis.

Emmy Hennings - Hugo Ball, „Seiltänzer noch im Dunkeln“ Gedichte und Briefe - mit Zeichnungen von Hugo Ball, zusammengestellt und herausgegeben von Bärbel Reetz, Verlag das Wunderhorn, 203 Seiten, 22,-

Die nach einer überstandenen Typhus-Erkrankung 1911 zum Katholizismus übergetretene, ledige Mutter löst ihre Beziehung zu Johannes R. Becher. Ab 1915 widmet sie sich (mit Unterbrechungen) Ball bis zu dessen Tod ohne Trennung von Arbeit und Leben und so auch unter Inkaufnahme von „schafblöden Naturmenschen“ in der Nachbarschaft. 

Das schildert Bärbel Reetz im Vorwort zu einer lyrischen und zeichnerischen Ausschilderung einer weitreichenden Kollaboration. Hennings ist beinah dreißig, als sie Ball zum ersten Mal begegnet. Sie emigriert mit ihrem Liebhaber in die Schweiz, wo sie in absoluter Armut Dada zur Weltgeltung verhelfen. Nach dem Krieg verarbeitet Hennings ihren Lebenslauf literarisch.

Das Paar heiratet 1920 und etabliert sich im Tessin auf einer Schwelle der Bescheidenheit. Nach dem Tod ihres Mannes ediert die Witwe als Emmy Ball-Hennings dessen Werk. Ihre Wohnung hält sie so, als sei Ball anwesend.

Alles ist verehrendes Andenken. Die Überhöhung löst Kritik aus.  

Das Cabaret Voltaire in der Zürcher Spiegelgasse

Nach dem Cabaret

Das Cabaret ist endlich aus

Zum Markte fahren schon die Bauern

Am 5. Februar 1916 eröffnen Hennings und Ball in der Zürcher Spiegelgasse das Cabaret Voltaire. Schauplatz der Kulturrevolution ist das Hinterzimmer der Weinstube Meierei. Den holländischen Wirt bewahrt eine Vergangenheit als Seemann vor der Spießbürgerlichkeit. Mitunter steigt er selbst in die Bütt. Dada erscheint als Subkultur der Emigrant:innen. Ich nenne Richard Huelsenbeck, Tristan Tzara und Hans Arp. Zwei Schweizerinnen, die dem Vergessen entgehen werden, sind Sophie Taeuber-Arp und Suzanne Perrottet.  

„Wir werden schon Raum gewinnen. Und Brechen schlagen.“ Hugo Ball an sein „geliebtes Emmy-Kindlein“ 1917

Seit 1911 kultiviert die Konvertitin Hennings eine religiöse Routine mit Hausalter; dies in Abkehr von dem als trostlos empfundenen Protestantismus ihrer Flensburger Kindheit. Der katholisch getaufte Pfälzer Ball kehrt nach einem Kirchenaustritt (erweckt von der eigenen, kubistisch konnotierten Lautmalerei) zurück in die Glaubenslaube; wenn auch gemächlichen Schrittes. Ball kritisiert weiter die Kirche und den Papst. Gleichzeitig nimmt er an Gottesdiensten teil und betet mit seiner künftigen Frau. Hennings oszilliert in Balls Adorationen zwischen genialem Kind, „schöner Mondfrau“ und „kleinem Goldherz“.

„Immer tapfer bleiben, und keinen Pazifismus machen. Das hilft nicht.“ Hugo Ball 1918

Offensichtlich dient das Liebesleben der Produktion, so dass die Türen zum Unbewussten aufgehen. 1918 unterscheidet Ball in einem Brief zwischen pazifistischen Aufrufen in der Schweiz, die er ablehnt, und Friedensappellen in Deutschland, die er begrüßt. Er schreibt: „Pazifistel nicht an Deinem … herum.“   

Aus der Ankündigung

Als »Seiltänzer noch im Dunkeln« hat Hugo Ball sich selbst und Emmy Hennings viele Jahre nach der Zeit ihres Kennenlernens bezeichnet. Eine Zeit, die genau einzugrenzen schwerfällt, da Ball nichts darüber hinterlassen hat. Hennings jedoch erzählte nach Balls frühem Tod immer wieder von dieser prägenden und ihr Leben verändernden Begegnung, von seinem »Ruf« und ihrem »Echo«.

Mit dem Beginn des Jahres 1915 ist die Beziehung des »wunderlichen Paares« – als das der spätere Freund Hermann Hesse sie bezeichnet – nachweisbar. Ihr gemeinsamer Weg führt sie von Berlin nach Zürich über Bern bis ins Tessin, zurück nach München und Flensburg, nach Italien und immer wieder ins Tessin, wo Ball 1927 stirbt. Zwölf Jahre rastloses Leben und Arbeiten. Gemeinsam – aber auch immer wieder getrennt, denn ihre Liebe verträgt Abstand oft besser als Zusammenleben, wenn die Sehnsucht sie zur Feder greifen lässt, zur Schreibmaschine, um ihr unterbrochenes Gespräch in Briefen und Gedichten fortzusetzen.
Das Vorwort von Bärbel Reetz, das in Kürze alle wichtigen Lebens- und literarischen Schaffensstationen dieses außergewöhnlichen Künstlerehepaares umreißt, schafft die Grundlage für den fein gesponnenen lyrischen Bogen aus dem sehr persönlichen lyrischen Werk dieser beiden Liebenden vom Anfang bis zum Ende.

Zur Herausgeberin

Bärbel Reetz, geboren 1942, lebt in Berlin. Ihre Auseinandersetzung mit Leben und Werk von Emmy Ball-Hennings und Hugo Ball seit 1997 führte zur Biografie Emmy Ball-Hennings – Leben im Vielleicht (2001) und zur Herausgabe und Kommentierung des Schriftwechsels mit Hermann Hesse (2003). Es folgten die Doppelbiografie des Paares Das Paradies war für uns (2015) und das Stück Ballspiele (2016). Neben Kurzgeschichten, Erzählungen und Romanen legte sie mit Hesses Frauen (2012) die erste Biografie der Ehefrauen Hermann Hesses und 2021 mit Berlin, Marienstraße 23 die Geschichte eines Hauses vor. Ihre Bücher wurden mehrfach übersetzt und mit Preisen ausgezeichnet u. a. mit dem der Internationalen Hermann-Hesse-Gesellschaft.