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14.05.2022, Jamal Tuschick

„Ich bin nicht verletzt, ich bin ein Spieler, der mit einer Verletzung lebt.“ Rafael Nadal

Quarantäne im übertragenen Sinne, beschreibt sowieso, wie wir in Maine miteinander auskommen. Wir sitzen hier ganz oben, wo es Richtung Kanada geht, sonst nirgendwohin. Alles andere liegt weiter unten. Soziale Distanz ist unsere Vorstellung von einer Gemeinschaft, die zusammenhält.“  Richard Ford

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Sie sehen sich in jener Lage, die Boccaccio im „Decamerone“ schildert. Der Autor machte ein Landhaus vor Florenz zum Schauplatz einer Begegnung Heimgesuchter anno 1348. Sieben Frauen und drei Männer sind vor der Pest in die florentinischen Hills geflüchtet. Angehoben von Sommerfrische-Empfindungen und gedämpft von Angst stellen sie die Gegenwärtigkeit eines schrecklichen Todes in den Glanzschatten der Erzählkunst. Der italienische Literaturvorsprung ergibt sich aus dem Einschluss schwerwiegender Bedrückung und altem Wissen. Die Pest gebiert Protagonistinnen der Renaissance auf einem römischen Feldbett.

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Solange sie zusammen sind, kennen sie nichts anderes als die Geborgenheit in der Gruppe, die viel mehr eine Herde ist. Doch wenn die Sache gelaufen ist und sie ihre Kleider wieder privat tragen, kennen sie sich überhaupt nicht mehr; so als läge hinter ihnen etwas, dass sie mit Scham erfüllt. 

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„Abschweifungen sind unleugbar der Sonnenschein - das Leben, die Seele der Lektüre.“ Laurence Sterne

© Jamal Tuschick

Ostgefühl 2000

Von jeher baumelt in Jonnas Skipperhus ein Schürhaken als geschmiedetes Schmuckstück am Rundlauf der von Johnson & Davidson vor hundertfünfzig Jahren gemauerten Feuerstelle. Die gusseisernen Nachfolgeöfen, einschließlich einer Generationenparade von Küchenhexen, wurden nicht über ihre Glanzzeiten hinaus in Ehren gehalten. Antike Gerätschaft präsentiert sich auf einem Bord. Die spätestens vor Jahrzehnten aus dem Betrieb genommenen Sachen hatten in Jonnas Kindheit bereits musealen Charakter.

Ein Charakter, der sich nicht modellieren lässt; der sämtliche Formulierungsausflüchte überlebt. Aus dem man kein Feuilleton machen kann. Dankbarkeit empfindet Jonna von Stellberg an ihrem Ofenschreibplatz angesichts der Figur des jungen Rostockers Gleb; einer Freihauslieferung von Otfried Vrunt, Kaspers heimlichem Nebenbuhler.

Jonnas Hauptmann bleibt bis auf Weiteres der Lufthansakapitän im Ruhestand K. von Roßbach. Oti greift behutsam an dem Edelwessi Marke Silberpfeil vorbei. Den Bürgermeister und Bauunternehmer interessiert einiges an der Konstellation. Jonna weicht er ein, indem er sie ermutigt, ihrem Wunsch nachzukommen, einen Roman zu schreiben.

Der Roman trägt den vorläufigen Titel „Ostgefühl 2000“.

Jonnas Heldin entspricht, so Oti scherzhaft, einem DDR-FKK- und IM-Nostalgie-Modell. Die Linientreue mit Sand im Haar und diesem unschlagbaren Teint. „Für Frieden und Sozialismus immer bereit“, zitiert Oti den Gruß der jungen Pioniere. Rehbraune Mecklenburgerinnen geistern seit Jahrzehnten durch eine geschlossene Abteilung der sozialen Pornografie.

Die Rostocker Kunsthalle als kommunistischer Kyffhäuser

Jonnas Heldin heißt Inna. Die Ereignisse nach Neunundachtzig führen sie in die seelische Obdachlosigkeit. Als Bekannte in einer stillgelegten Fabrik eine Kneipe aufziehen, findet sie da ein zweites Zuhause plus Zubrot. Eines Tages beteiligt sich Inna an der Hängung eines Hammer- & Sichel-Monumentalschinkens, der bei einer Entrümpelung abgefallen sein soll. Weitere Agitprop-Werke folgen. Das kolossale Dekor entfaltet magnetische Wirkung.

Alle wissen, dass irgendwas mit den Bildern nicht stimmt. Aber keiner weiß was. Kein Gerücht gewinnt die Oberhand, während extreme Untergrundgestalten den Raum einnehmen. Pünktlich zur Jahrtausendwende verliebt sich Inna in den unbeugsamen Gleb. Der Facharbeiter für Lagerwirtschaft führt beruflich ein Schattendasein im Keller der Rostocker Kunsthalle. Da liegt sein Schatz im Silbersee; versenkt von westdeutschen Kuratorinnen, die realsozialistisches Kunstgewerbe aussortieren. Exorzistisch entzieht Gleb dem Bestand Werke mit besonders plakativ-knalligen kommunistischen Symbolen. Aus Liebe wird Inna zur Komplizin.

Oti malt sich die Geschichte gern gemeinsam mit Jonna aus. Schon klar, Jonna ist seine Inna. Die Autorin befeuert die sublimierte Leidenschaft.

Jonna und Oti schöpfen aus einem Fundus, von dem Kasper keine Ahnung hat. Sie teilen das Ostgefühl. Dezent gehen sie durch die Decke.   

Oti ist einer von uns, wenn es um die verschworensten Nord-Streamer geht. Wir haben unser Bolschoi-Theaterticket abgesessen und sind durch verschwiegene Moskauer Türen gegangen. Ich hoffe nicht, dass Sie uns mit dem Kegelverein verwechseln, den selbst Sie als alte und neue Stasi und ewige Informelle Mitarbeiterinnen identifizieren können. Wenn wir an Ihre Türe klopfen, dann trifft eine abgelaufene Clock auf eine durchgeladene Glock.