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2022-05-15 06:52:23, Jamal Tuschick

Basta-Modus

2002 erzwingt die Schröder-Regierung im Basta-Modus eine Energiekonzernkonzentration und ignoriert dabei Einwände des Bundeskartellamts. Drei Jahre später gründet sich ein russisch-deutsches Joint Venture zum Bau einer Pipeline durch die Ostsee: Nord Stream 1. Kritik der Anrainerstaaten weisen die Initiator:innen des Gazprom-Konsortiums zurück. Die Bundesregierung garantiert die Kreditwürdigkeit, das Geschäft wird von den Großmuftis Schröder und Putin abgenickt. Bald darauf startet Ex-Kanzler Schröder in die russische Umlaufbahn.

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„Wir schwingen im Rhythmus des Blutes unserer Mutter, noch bevor sie selbst geboren ist.“ Ashley Audrain

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„Die deftige Lebenslust der Deutschen hat etwas Ansteckendes. Das Essen dauerte drei Stunden, und danach wurde gekegelt.“ James Boswell, Journal

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„Ich muss einmal wieder das starke und intensive Leben einer Großstadt um mich haben, das zur Arbeit peitscht und die Kräfte, für Zeiten, verzehnfacht. Wir reisen schon Sonntag ab und wohnen also Berlin, Kaiserin-Augusta-Straße 71.“ Gerhart Hauptmann in einem Brief aus dem Jahr 1905

Auf einer Treppe in Neukölln © Jamal Tuschick

Epischer Rückzug

Die Sonne sieht im Augenblick wie ein Spielzeug aus, dass ein Kind im Gras vergessen könnte. Über dem Boddensaum zappeln Kitesurferinnen. Auf dem Uferweg stauen sich Fahrradkolonnen. Wie kleine Dinosaurier weiden Nilgänse auf einem Anger von Otfried Vrunt. Der Tillwitzer Bürgermeister sammelt Grundstücke wie andere Leute Briefmarken. Ohne mit der Wimper zu zucken, zahlt er Mondpreise für Äcker und Wiesen, die in ihrer Lage angeblich niemals Bauland werden können. Es sei denn. Jonna wagt nicht, sich das auszudenken. Ihren Ausblick findet sie unbezahlbar. Die Vorstellung, man könne ihr einen Hotelklotz vor die Nase setzen, löst eine Krise aus.

Jonna verliert den Schreibfaden. Sie greift nach ihrem Kater, verrückt die Tasse, flüchtet zu Facebook. Dann versucht sie, die angenehme Spannung von eben wiederaufzubauen; dieses Ziehen in der Leiste.

Seit Jonna sich von einer eigenen Prosaproduktion erregen lässt, versteht sie die Ausdauer der Schriftstellerinnen.

Man beglückt sich, aber nicht zu sehr.

Was ist mit den unglücklichen Schriftstellerinnen – den Verzweiflungstäterinnen?

Jonna verweigert der Unlust so sehr die Gefolgschaft, dass sie noch nicht einmal dazu bereit ist, die Unlust der Anderen zu verstehen.

Jonnas erster Roman soll „Ostgefühl 2000“ heißen. Er handelt von der aus Klütz gebürtigen Inna Pfahl. Nach Neunundachtzig verliert die hundertprozentige DDR-Bürgerin ihre Anker. Als ambulante Fußpflegerin verbirgt sich Inna in Mecklenburger und Vorpommerschen Winkeln, bis sie in Rostock ein neues Leben anfängt. An ihrem Arbeitsplatz begegnet sie Gleb. Der Lagerarbeiter klaut aus dem Keller der Rostocker Kunsthalle realsozialistische Schinken, die aus dem Kunstkanon der Berliner Republik gefischt wurden. Die Gemälde kursieren im Ostnorden. Die Selbstzuschreibung bezeichnet Norddeutsche mit DDR-Hintergrund.

Die geklaute Kunst avanciert zum Statuszeichen in den Wohnzimmern schräger Millionäre, die bald beim großen Nord-Stream-Rodeo mitmachen. Gleb kommt unter die Räder, während Inna zur Bodden-Patin aufsteigt. Hit-Women einer Putin-Baltischen Mafia bescheinigen Inna gra-gra.

Was ist das denn?

Google bietet troublesomeness und stubbornness als Synonyme an.

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Jonna versorgt ihre Heldin mit Haus und Garten. Maß nimmt sie an ihren persönlichen Verhältnissen und Vorlieben. Im Andenken an Gleb bewahrt Inna ein Revolutionsstillleben von ausgesuchter Scheußlichkeit in ihrem Gartenbunker. Den Zugang verstellt der Geräteschuppen. Wer Inna Treue schwört, muss, wenn auch ahnungslos, dem wahnsinnigen Gleb huldigen.

Das ist natürlich abgeschmacktes Theater. Aber, wie Heiner Müller sagt: „Theater hat die Aufgabe, die Toten zu begraben.“

Jonna treibt die Sache auf die Spitze. Den unterirdischen Schauplatz der Initiationen und Ritualmorde nennt sie Berliner Ensemble. Sie unterstellt Inna einen gebildeten Sinn für schwarzen Humor. BE-Gründer Brecht wollte ein „Theater zur wissenschaftlichen Erzeugung von Skandalen“. Mit den Skandalen sollten „die Ideologien zerlegt“ werden. Das ist etwas anderes als „Hühneraugendramatik“. Müller behauptete: „In der Bundesrepublik hätte ich nur Hühneraugen-Dramatik schreiben können.“

Jetzt, wir schreiben das Jahr 2014, gibt es das alles nicht mehr. Wir überhören einfach nur den ukrainischen Schmerz.

Russische Umlaufbahn

2002 erzwingt die Schröder-Regierung im Basta-Modus eine Energiekonzernkonzentration und ignoriert dabei Einwände des Bundeskartellamts. Drei Jahre später gründet sich ein russisch-deutsches Joint Venture zum Bau einer Pipeline durch die Ostsee: Nord Stream 1. Kritik der Anrainerstaaten weisen die Initiator:innen des Gazprom-Konsortiums zurück. Die Bundesregierung garantiert die Kreditwürdigkeit, das Geschäft wird von den Großmuftis Schröder und Putin abgenickt. Bald darauf startet Ex-Kanzler Schröder in die russische Umlaufbahn.

Wir sind alle dabei, Jonna, Gunda, Ivy, Michaela, Sina, Vanessa, Oti, Gero, Olm, Jan-Freimut und Hein.

Schwenk an den Strand. Wir isolieren eine Szene. Vorläufiger Titel: Heimliche Exerzitien

„Darf man fragen, woher du kommst?“

Die Frage wird inzwischen flächendeckend als übergriffig empfunden und in drei Diskursen kritisiert. Vanessa Ehrlich ist die Frage lediglich aus einem anderen Grund nicht recht. Sie kommt aus …rod und findet das so kompromittierend, dass sie eine vermeidbare Preisgabe der Wahrheit ausschließt.

Identität, Migration, die feministische Auslotung in Zonenrandgebieten der Zumutung: das alles geht „unserer Schokoperle“ (O-Ton Otfried Vrunt) am Knie vorbei. Die selbständige Physiotherapeutin, eine Frau wie ein Roundhousekick (O-Ton Gero Mansfeld), aktiviert jederzeit jene Superkraft aus klandestinen Exerzitien, denen si ch auch Jonna von Stellberg, Gunda von Tillwitz und Ivy von Höckelheim täglich widmen.

Flow-to-go

Die Initiierten treffen sich regelmäßig am Strand und lassen ihr Geheimprogramm wie Yoga von der Stange aussehen. Zuschauerinnen laden sie zu einem Discount-Flow ein, der wie eine Tür wirkt, die nicht jede sieht.

Azteken-Architektur

In einem wiederkehrenden Traum stößt Vanessa durch den Spiegel eines lunar illuminierten Pools auf dem Spitzplateau einer Pyramide und sieht in das Gesicht ihres Lebens. Ein Sturzbach des Glücks regnet sie dann ein.

Im Augenblick reagiert Vanessa aber nur auf Malte Herzogs kurzatmige Begeisterung. Seit Wochen treibt sich der zwanzigjährige Fahrradmechatroniker aus Göttingen in unserer Gegend herum.