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2022-05-17 05:52:49, Jamal Tuschick

Flugsandrücken

„Als die deutschen Armeen im Mai 1940 die Niederlande überfielen, lebten dort 140.000 Juden." Nur 5000 überlebten die Vernichtungswalze. Quelle

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Den Romantitel „Amen“ stiftet ein winziger, gleichwohl seit 1403 historischer Weiler in der Gegend von Assen.

Assen liegt auf einem Flugsandrücken.

Das „Polizeiliche Judendurchgangslager Westerbork“ lag fünfzehn Kilometer von Amen entfernt. Von dort fuhren die Deportationszüge nach Auschwitz und Sobibór.

Am 20.07.1943 verließ ein Sonderzug mit 2209 Jüdinnen und Juden Westerbork. Der Zug erreichte das Vernichtungslager Sobibór am 23.07. Von diesem Transport verloren bis zur Auflösung des Lagers alle ihr Leben.“ Wikipedia

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2007 beginnen in Sobibór archäologische Grabungen. Komplementärerkundungen finden in Westerbork statt. Als Gedenkstätte steht die Lagerrekonstruktion in einem Naturschutzgebiet.

Eine kurze Reise vom Dunkel ins Dunkel

„Meiner Meinung nach dachte (Joyce), ich sei in der Marktwirtschaft der Liebe auf der Suche nach einer vorteilhaften Position.“

Das ist eine retrospektive Spekulation des Erzählers über die vorübergehend überwundene Skepsis seiner Frau, die ihn gerade verlassen hat. Samuel Hagenau besitzt „vierhunderteinundzwanzig Fotos“ von ihr.

Geografie und Geschichte

Die deutschen Ahnen des Romanhelden verloren vor vierhundert Jahren alle Hoffnungen auf eine gedeihliche Existenz im elsässischen Hagenau (französisch Haguenau). Sie migrierten nach Amsterdam. Nach einem Wohlstandszwischenspiel reicherten sie den „Bodensatz der Gesellschaft“ an. Eine Galerie „ebenso fragwürdiger wie farbiger Figuren“ bildete sich in der genetischen Kette. Wären sie im Mittelstand angekommen, hätte man sie exzentrisch gefunden.

„Doch sie baumelten unten, und damit waren es Fantasten, unbequeme, eigenwillige, rebellische Typen.“

Samuel Hagenaus Vorfahren fielen offenbar nicht nur vereinzelt als Extremisten auf. Die politischen Ideale verflüchtigten sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Zuge einer angenehmen Verbürgerlichung. Der Erzähler durchläuft eine pubertäre Wiederentdeckungsphase der jüdischen Identität, die in seiner Familie seit Generationen nur mehr einen Kassibercharakter besaß. Samuel fehlt dann doch die Energie, über den Verzicht von Schinken hinaus dem Herkunftsphantasma Geltung zu verschaffen.

Für Samuel H. ist das Leben eine „kurze Reise vom Dunkel ins Dunkel“. Auf einem verregneten Frustspaziergang im Naturschutzgebiet von Hingsteveen entdeckt der kleinselbständige Archäologe (nahe seines aktuellen Arbeitsplatzes) ein ausgebranntes Auto.

Hagenau verständigt die Polizei.

Der Streife folgt die Kripo. Einsatzfahrzeuge bleiben stecken. Hagenau begegnet einer Schulfreundin. Die Forensikerin Esther Matulessy zeigt sich reserviert und schnippisch. Der Zeuge wird vernommen. Der amtliche Vorgang unterbricht ein Soliloquium zwischen Andacht und Klage; zugedacht seiner Frau Joyce, die ihn gerade verlassen hat.

Marcel Möring, „Amen“, Roman, aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen, Luchterhand, 22,-

Man spricht sich mit Mijnheer und Mevrouw an. Hagenau erfährt, dass die Leiche in „einer konstruierten Haltung“ abgelegt wurde. Zum Erstaunen der Ermittlerinnen weiß er: „Das ist die Haltung des liegenden Buddhas.“

Eine Polizistin lässt sich von Hagenau in dessen Range Rover mitnehmen, da ihr Dienstfahrzeug erst noch aus dem Morast gezogen werden muss. Auf der Fahrt erfährt er, dass das ausgebrannte Auto „wahrscheinlich von ehemaligen RAF-Mitgliedern“ für einen Banküberfall benutzt worden war. Hagenau findet im Weiteren einen Grund, Celan zu zitieren, ohne die Quelle anzugeben.

Sondiert er seine Chancen bei Shannon Sidal? Die Beamtin heißt so, weil ihr Vater ein Del Shannon-Fan war.

Eingebetteter Medieninhalt

Hagenau vertieft die Beziehung zu Shannon auf einem Revier in Assen, wo seine Aussagen noch einmal in aller Ausführlichkeit protokolliert werden.

Deutungsspielplatz RAF/Revolutionäres Stehvermögen

Möring zieht eine Linie vom Holocaust zur Roten Armee Fraktion. Nach einer landläufigen Vorstellung erschöpft sich die RAF in ihren Legenden sowie in jenen drei Greisen, die im Untergrund die Krise zur Daseinsform erhoben haben und als Geiseln ihrer eigenen Geschichte dem Rest der Welt bedeutungslos erscheinen.

Möring dimensioniert den Notbetrieb der Versprengten ansatzweise mythisch. Das ist ja ein großer Deutungsspielplatz.

Historischer Kasten

Sie nannten sich ‚Rote Armee Fraktion‘ und betrachteten sich als Verbündete antikolonialer Befreiungskampfallianzen. Ihre Dekade waren die Siebzigerjahre. Schon vor Anbruch des neuen Jahrzehnts erlahmte das revolutionäre Stehvermögen. Die „repressive Toleranz“ (Herbert Marcuse) des Staates zeigte Wirkung. 1998 erklärte der RAF-Rest das Ende seines bewaffneten Kampfes. Die im Untergrund Verbliebenen fröstelten einem prekären Lebensabend entgegen; bedroht von uralten Haftbefehlen.

Sie sind wieder da

Das gilt allemal für Burkhard Garweg, Daniela Klette und Ernst-Volker Staub. Das Trio der III. Generation soll Geldtransporter, Kassenbüros und Supermärkte überfallen haben, vor allem nah der Wasserkante. Das Landeskriminalamt Niedersachsen rekonstruierte eine Serie von zwölf Rauben, begangen ab 1999.

Die armierten Oldtimer werden im Zusammenhang mit der Ermordung des Deutsche-Bank-Chefs Alfred Herrhausen (1989) und des Treuhand-Chefs Detlev Karsten Rohwedder (1991) gesucht.

Vergilbte Gegenwart

Möring nutzt die (im trostlosen Präsens der Beschaffungskriminalität vergilbende) Vorlage als Blaupause. Aus dem Ächzen einer gebrechlichen Gangsterin und ihrer tattrigen Komplizen komponiert der Autor etwas Flottes für literaturbeflissene Wiedergutmachungstäterinnen.

Aus der Ankündigung

„Komme Samstag, letzten Karton abholen, okay?“

Diese Nachricht seiner Frau Joyce, die ihn vor kurzem verlassen hat, stürzt Samuel Hagenau erneut in tiefe Verzweiflung, und er läuft in den Wald, um einen klaren Kopf zu bekommen. Dort entdeckt er ein ausgebranntes Autowrack, darunter eine Leiche. Ganz in der Nähe liegt das ehemalige Durchgangslager Westerbork, wo er als Archäologe tätig ist, im Laufe der Ermittlungen ergeben sich aber auch Beziehungen zu drei ehemaligen RAF-Mitgliedern … Ein sehr dichter, intensiver Roman über Verantwortung und Schuld, Vergangenheit und Erinnern, vor allem aber über die Liebe – was es bedeutet, zu lieben und geliebt zu werden.

Marcel Möring, geboren 1957 in Enschede, gilt als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Literaten der Niederlande. Für seinen ersten Roman »Mendel« erhielt er 1991 den wichtigsten Debütpreis des Landes, den Geertjan-Lubberhuizen-Preis, und weitere Romane wurden mit dem AKO-Literaturpreis, der Goldenen Eule und dem Flämischen Literaturpreis ausgezeichnet. Sein Roman »Der nächtige Ort« wurde 2007 mit dem Ferdinand-Bordewijk-Preis zum besten niederländischen Roman des Jahres gekürt. Marcel Möring lebt in Rotterdam.