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2022-05-17 06:00:11, Jamal Tuschick

Der Hinterkopf von Lothar Trolle

„Herr S. (Mitglied der Kreisleitung Friedrichshain) hat mir gesagt: ‚1990, wenn wir den Kommunismus haben,/ muss kein Arbeiter mehr/ in solchen Löchern hausen,/ wie dort drüben in der Boxhagener Straße.“ Lothar Trolle

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„Walter Ulbricht und ich - Als im Mai 1950/ Walter Ulbricht mit den Kumpels des Mansfeld-Kombinats Wilhelm Pieck/ über den ersten Fünfjahrplan diskutierte,/ packte meine Mutter abends in unserer Stube aus unserem ersten Westpaket/ 1 Tafel Schokolade, 1 Päckchen Kaugummi und ½ Pfund Bohnenkaffee aus.“ LT

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„Ich scheiße auf die Ordnung der Welt.“ Heiner Müller

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„In Bochum kann man nicht leben“. HM

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„Gerüchte über Wiedervereinigung, das sind Erfindungen von Nachrichtendiensten.“ HM 1982

Der Hinterkopf von Lothar Trolle - Silvia Rieger und Trolle in der Kantine des Berliner Ensembles, Januar 2014 © Jamal Tuschick

In der Pampa von Vorpommern

Sie schreibt über die Unentbehrlichkeit der Kultur, über himmlische und irdische Liebe, über Interieurs, großen Stil und über die Kostbarkeiten des Lebens. Jonna von Stellberg ergründet die Kunst des Traums, dramatisches und episches Sterben, avantgardistische Lichtmalereien und die Psychologie des Komforts. Aus ihren Kunstkritiken, Feuilletons und Briefen spricht die Großartigkeit in Großbuchstaben.

Jonna ist als Feuilletonistin kaum bekannt. Ihr einziger Publikationsort, der „Baltische Bote“, existiert nur deshalb noch, weil Putins deutsche Nord Streamer um Otfried Vrunt und Geronimo Mansfeld sich den Spaß leisten, eine Quelle verdeckt zu finanzieren, die sie jederzeit als unabhängiges Organ der Vierten Gewalt zitieren können. Oti und Gero sagen gern: Wir haben den Westen besser kapiert als der Westen sich selbst. Wir können Westen, wenn und wie wir wollen, aber lieben tun wir ihn nicht.

Oti liebt Jonna, die schönste „Boddenperle“ seiner Jugend, mit besitzergreifender Ausdauer an all ihren Liebhabern und Beinah-Ehemännern vorbei. Er ist der Schattenkönig in Jonnas Kabinett.

Der Tillwitzer Bürgermeister hält die Hand über Jonna, aber er hat sie auch in der Hand seit den Tagen, als Jonna im Auftrag der Stasi ihre eigene Familie bespitzelte. Der Großverrat brachte die Kapitänsurenkelin nicht um ihr Erbe. Daseinsfroh lebt sie im Skipperhus ihrer Ahnen. Jederzeit könnte Jonnas Alltag einer Ostseebadschmonzetten-Produzentin als Vorlage dienen. Angefangen bei den Flow-Séancen vor dem Frühstück. Jonna dehnt sich im Nachthemd ihrer Stralsunder Großmutter. Man könnte das Programm direkt abfilmen, ohne Probe und Wiederholung. Da sitzt jeder Schlag ins Kissen.

Auf Jonna lastet kein Alp der Schuld. Sie besitzt diese pathologische Freiheit mancher Wahnsinniger, die uns besonders geschmackvoll erscheinen. Denken Sie an Hannibal Lecter. Worauf auch immer ihr Schatten fällt, Jonna denkt sich als Blue Nude - Nu bleu - Blauer Akt. Henri Matisse malte das Bild 1907.

„Es reißt den Horizont der Moderne im Schwarzen Jahrhundert auf,“ schrieb Jonna einst ungeniert an unpassender Stelle. Gertrude Stein erwarb den Akt im Entstehungsjahr.

Bodden Beat

Szenenwechsel - Am Weststrand von Ahrenshoop sehen wir das Vollbild einer zweifelhaften Existenz in der Gestalt von Heiner Schleef, Jonnas Ex aus ihrer Rostocker Exzesszeit. Wie narkotisiert reagiert er auf die Freundlichkeit einer Premium-Akteurin. Vanessa Ehrlich, „eine Frau wie ein Roundhousekick“ (O-Ton Gero Mansfeld), verfolgt zweifellos mysteriöse Absichten, wenn sie sich zu so einem Heiner herablässt. Sie lässt ihn sogar lunzen.

Wir haben uns schon gemeinsam darüber gewundert, wieso „die kleine Physiotherapeutin“ (O-Ton Gunda von Tillwitz) sich eine Hammerwohnung am Hohen Ufer leisten kann; durchgestylt wie ein Tokioer Maisonette-Ensemble. In der Pampa von Vorpommern wohnt so sonst nur noch die Familie Tönnies. Ist Vanessa eine von Geros knallharten Nord-Stream-Killerin?

Heiner kapiert es einfach nicht. Er erscheint der Gemeinde nicht länger als Genie, sondern als Leerkörper, angewiesen auf Selbstironie. Er sollte Vanessa Ehrlichs gewiss nicht ehrlich gemeintes Ausflugsangebot ausschlagen.

Sehnsüchtig sucht Heiner ein gemeinsames Wir mit Frauen die jünger sind als seine jüngste Tochter. Manchmal lockt mich das fade Interesse, das Persönlichkeiten an Heiner zeigen, aus dem Schneckenhaus meiner Indifferenz. Es gibt da wohl diese Lust attraktiver Frauen: von ihrem Zenit schlecht heruntergekommene ehemals attraktive Männer mit körperlichem Zuspruch zu deklassieren.

Ja, Heiner war mal berühmt in Rostock. Der Nachruhm ist so anziehend wie eine alte Schnapsfahne. Der abgehalfterte Regisseur ruiniert sein seelisches Gleichgewicht als Laienspielscharführer in Ahrenshoop. Die Ferientheaterkursteilnehmerinnen fordern ihn mit ihren quecksilbrigen Energien so stark, dass die Überforderung zu seinem Zustand geworden ist.