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2022-05-21 06:48:13, Jamal Tuschick

Biopolitische Utopie

Der Vater war eine HVA-Leuchte, Kundschafter des Friedens, „Westagent mit acht verschiedenen Identitäten“; ein Mann des Militärisch-Industriellen Komplexes (MIK). Daran denkt die Autorin, während eine anonyme Drohung mit dem Absender unknownsoldier@ ihre Nervenstränge vibrieren lässt. Die Angst assoziiert sich mit den „Nebelbildern von Gerhard Richter“. Ines Geipel variiert und ergänzt Richters Nebelbilder mit „dunklen Nachbildern“.

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„Nach dem Timbre und der Lautstärke … lässt sich der emotionale Zustand des Menschen beurteilen.“ Zitiert nach Ines Geipel

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„Der Mensch ist nach wie vor das … biegsamste … Glied in einem Steuersystem.“ Hans Haase

Anthropologische Traumschleife

Der „im Sessel erstarrte Großvater“ versteinerte zum Denkmal des Verschweigens. Auf ihm lastete eine von der Enkelin erforschte Schuld.

Seit Jahrzehnten betreibt Ines Geipel Familiengeschichte als Gesellschaftslehre. Der Vater genoss eine Terroragentenausbildung (HVA-Jargon). Er lebte im Rausch großer Feindfahrten. 1984 war die Party vorbei. Der Abgetakelte wurde demobilisiert und wirkte weiterhin als Direktor des Dresdner Pionierpalastes Schloss Albrechtsberg.

Ines Geipel, „Schöner neuer Himmel. Aus dem Militärlabor des Ostens“, Klett-Cotta, 22,-

Zwei Zahlen

Über neunzigtausend Bürger:innen dienten der Stasi hauptberuflich.

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„Anfangs waren achtzig Prozent der Lehrer (in der sowjetisch besetzten Zone) ehemalige NSDAP-Mitglieder, außerdem fünfundvierzig Prozent der Ärzte und rund drei Viertel der Hochschulmediziner.“

Geipel exponiert die Kontinuität der Karrieren in sehr verschiedenen Systemen. Der Großvater war NS-Funktionär, der Vater der Treuesten einer in der DDR. Die Autorin denkt an den Terroragenten, während eine anonyme Drohung mit dem Absender unknownsoldier@ ihre Nervenstränge vibrieren lässt. Die Angst assoziiert sich mit den „Nebelbildern von Gerhard Richter“. Ines Geipel variiert und ergänzt Richters Nebelbilder mit „dunklen Nachbildern“.

Sie fragt Leute, „die sich … auskennen“, nach dem Ursprung einer Konspiration, die sich am ehesten als Relikt des Kalten Krieges verstehen lässt. Die Konsultierten reden von einer „Restauration“. Sie schweigen sich aus.

Geipel fahndet nach dem Markenkern jenes aufgelassenen Staates, dem sie Traumen, Themen und Thesen verdankt. Hellhörig wird sie bei jeder Kombination von Militär und Forschung: dem Militärisch-Industriellen Komplex (MIK).

Die Autorin und ehemalige Spitzensportlerin sichtete geheime Dissertationen von DDR-Militärwissenschaftler:innen, um zu entdecken, dass sie als Probandin in Versuchsreihen ausgelesen worden war. Optimierer:innen des militärisch-industriellen-Ostblockkomplexes degradierten die Weltklasseathletin zu einem Wesen im Rang des „Bodenaffens“ aka „terrestrischen Beispiellebewesen“ Tevton.

Ich erkannte mich als Ziffernfolge in einer Zahlenkolonne wieder.

Tevton diente im Dezember 1983 als Synchrontier in einem Analogieverfahren, während die zu Kosmonauten aufgestiegenen Leidensgenossen Abrek und Bion in einem „Biosputnik“ gezwungenermaßen die Überlebenschancen irdischer Lebewesen im All ausloteten. Geipel schreibt: „Kapseltier Tevton, ein Bodenaffe unter brutalem Stress, mit gelöschtem Willen, der seine Mittel bekommt und daraufhin sein Programm abspult.“

Anthropologische Traumschleife

Im Zusammenhang mit Biosatellitenexperimenten taucht die erstaunliche Frage auf:

„Sind die subjektiven Erlebnisse der Kosmonauten real oder Illusionen?“

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In einem Freiburger Archiv absolviert Geipel eine Zeitreise. Sie folgt einer Aktenspur in die 1970er Jahre. Plateauschuhe. Biermannausbürgerung. Charta 77. Sigmund Jähn als erster Deutscher im All. Hundertfünfundzwanzig Mal umkreist Jähn 1978 die Erde; „der neue Mensch (Made in GDR/German Democratic Republic/Фарфор из ГДР) in einer anthropologischen Traumschleife“. In einer gigantischen transhumanistischen „Entlastungserzählung“ erreicht der neue Mensch interstellare Kolonien in Fahrstühlen.

„Unsterbliche sich selbst regulierende, künstliche Körper“ braucht es für den massenhaften Vorstoß ins All. So spukhaft-spekulativ sich das ausnimmt, es war stalinistische Staatsdoktrin. Sowjetische Forscher:innen „wollten afrikanische Frauen mit Schimpansensperma besamen“.

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„Die Betrachtung von Planeten, Kugelsternhaufen und größeren Nebelflecken in Teleskopen dieser Abmessungen ist einer der besten Wege, um dem Menschen die gewaltigen Maßstäbe des Kosmos näherzubringen und ihn innere Bescheidenheit zu lehren.“ Manfred von Ardenne, Quelle

Geipel verschränkt die post-stalinistische Biopolitik mit autobiografischen Marken, dem Elbflorentinischen High Society-Betrieb um Manfred von Ardenne und der Dresdner Sternwarte sowie dem Hype, der zumal von Georg Klaus beschworenen Kybernetik, die (nach einer Synchronisation mit dem Historischen Materialismus) dem DDR-Modernitätsphantasma inkorporiert wird, bis zur Ausmusterung um 1970.

Aus der Ankündigung

Der Kosmos, der Osten und der Neue Mensch

Die Idee war so ambitioniert wie anmaßend: den Kommunismus auch im All real werden zu lassen. Und die Realität? Um einen »Körper mit optimaler Normierung« zu kreieren, wurde ab den 70er Jahren im Osten in hochgeheimen Laboren geforscht. Was surreal klingt, findet sich belegt in den Akten des ostdeutschen Militärs, aber auch bei denen, deren Körper zum Material dieses Staatstraumas gemacht wurden. Eine dichte Erzählung, die ein scharfes Licht auf ein bislang ausgeblendetes Erbe der DDR wirft - und eine Zeitdiagnose über entgrenzte Körperforschung.

Der Neue Mensch im All galt im Weltraumprogramm der Sowjetunion als absoluter Leitstern und löste in der DDR zwischen 1972 und 1989 eine gründliche Forschungstätigkeit aus. Die Unterwerfung und Beherrschung des Kosmos sollte durch Hochleistungsflieger, die sich über Jahre im All aufhalten konnten, möglich werden. Wie erschafft man diesen maximal normierten und bedürfnislosen Körper? Aus den Verschlussakten der DDR-Militärforschung, heute zugänglich im Militärarchiv Freiburg, setzt Ines Geipel ein verstörendes Bild zusammen: Experimentiert wurde nicht nur an Tieren, sondern auch an Menschen, in Krankenhäusern, Gefängnissen, an Soldaten und im Hochleistungssport. Das Streben nach der Vorherrschaft im Kosmos ist nicht Vergangenheit, sondern erfährt heute eine Renaissance.

Zur Autorin

Ines Geipel, geboren 1960, ist Schriftstellerin und Professorin für Verssprache an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch«. Die ehemalige Weltklasse-Sprinterin floh 1989 nach ihrem Germanistik-Studium aus Jena nach Westdeutschland und studierte in Darmstadt Philosophie und Soziologie. 2000 war sie Nebenklägerin im Prozess gegen die Drahtzieher des DDR-Zwangsdopings. Ihr Buch »Verlorene Spiele« (2001) hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Bundesregierung einen Entschädigungs-Fonds für DDR-Dopinggeschädigte einrichtete. 2005 gab Ines Geipel ihren Staffelweltrekord zurück, weil er unter unfreiwilliger Einbindung ins DDR-Zwangsdoping zustande gekommen war.
Ines Geipel hat neben Doping auch vielfach zu anderen gesellschaftlichen Themen wie Amok, der Geschichte des Ostens und auch zu Nachwendethemen publiziert. 2020 erhielt sie den Lessingpreis für Kritik, 2021 den Marieluise-Fleißer-Preis.