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2022-05-23 06:12:10, Jamal Tuschick

„Die Ungeduld, zu warten, bis der Schock Erfahrung wird“

„Möglich der 3. Krieg ist längst ausgebrochen/.../Er hat sich in den Mietwohnungen verkrochen/Dort tötet er lautlos bis zum endgültigen Ende“ Thomas Brasch

Heiner Müller erklärt Braschs „Land-Wechsel“ 1977: „Die Generation der heute Dreißigjährigen in der DDR hat den Sozialismus nicht als Hoffnung auf das Andere erfahren, sondern als deformierte Realität. Nicht das Drama des Zweiten Weltkriegs, sondern die Farce der Stellvertreterkriege (gegen Jazz und Ringelsocken). Nicht die wirklichen Klassenkämpfe, sondern ihr Pathos“.

„Darin steckt ein Vorwurf der Uneinsichtigkeit, Müller überzieht damit auch Kargo. Er schreibt: „Die Ungeduld, zu warten, bis der Schock Erfahrung wird.“ Quelle

© Jamal Tuschick

Dankbare Terroristin

Miriam ist für meine Erinnerungsarbeit zuständig. Ich verschaffe ihr einen Eindruck meiner Verfassung in den letzten vierundzwanzig Stunden. Miriam findet, dass mich Santiagos Auftritt zu sehr beeindruckt hat, um weiter zurückzugehen.

„Santiago erscheint mir wie ein Gott“, sage ich. „Ich empfinde es so: Was irdisch ist, kann ihm nichts anhaben. Er könnte auch ein Alien sein, nach meinen Begriffen … jemand, der seine Gestalt wechseln kann.“

„Könnte er auch in meiner Gestalt vor dir steht?“ fragt Miriam.

„Nein“, entgegne ich, „du bist zu menschlich.“ Wie ich es gelernt habe, arbeite ich an dieser Einschätzung, mit dem Ziel, einen höheren Präzisionsgrad zu erreichen. „Ich finde es anmaßend, dass du das für möglich hältst.“

Miriam ermutigt mich: „Sag genau, was du empfindest.“

„Manchmal traue ich mich, dir zu sagen, was ich denke.“

„Ich bin dir angenehm, das freut mich.“

Miriam gehört zum irischen Block und war lange im Außendienst. Sie hat Verletzungen davon getragen. Nun fristet sie das Dasein der Eingeschränkten und demütig Dankbaren. Eine dankbare Terroristin: wie bizarr ist das.

Ich will eine Auszeit … mich bewegen. Außer Atem kommen. Miriam ruft eine Ermittlerin. Sie spielt mit mir Federball, bis ich es leid bin. Mein Hemd klebt am Rücken.

Ich betrachte den Himmel.

Man hat mich in der achten Etage untergebracht. Die Räume sind so zweckmäßig eingerichtet wie in einem Regierungsbunker. Meine Versorgung verläuft reibungslos. Mir fehlt nichts. Nach dem Abendessen besucht mich der Priester. Er sieht aus wie Edmund Hillary als junger Mann.

Er kennt mich in meiner Todesangst. Er kam schon zu mir als ich noch in einem Keller vernommen wurde. Nach zwei Jahren im Untergrund hatte ich Santiagos Ermittlerinnen nichts mehr entgegenzusetzen. Als ich aufgegriffen wurde, war ich fast verhungert. Ich hätte erfrieren können in dem Loch, das mein letztes Versteck war. An die Widerstandskraft meiner so genannten Glaubensgeschwister gewöhnt, wurde erst gar nicht versucht, im ausgleichenden Gespräch Erkenntnisse zu gewinnen. Man fasste mich so an, dass ich von einer Ohnmacht in die nächste fiel. In den Zwischenzeiten muss ich mich in einer Art Delirium befunden haben, in einem in jeder Hinsicht unergiebigen Zustand. Vielleicht sorgte der Priester dafür, dass man mich einmal ausschlafen ließ. Als ich aufwachte, waren meine Wunden verbunden.

Ich wurde in einen Raum über der Erde verlegt. Unter meinen Augen verwandelte man ihn in ein Krankenzimmer. Nonnen richteten mich auf. Sie sprachen wenig und vage. Einmal am Tag kam der Priester, um sich die Erzählung meines Lebens anzuhören. Er schien keine dokumentarischen Interessen zu verfolgen. Ich nahm ihn als einen Mann ohne Argwohn wahr. Miriam gesellte sich dazu. Ich hielt mich für einen zum Tod Verurteilten, der mit Redseligkeit den Vollstreckungstermin hinauszögert. Also fing ich noch einmal von vorn an, meine Geschichte zu erzählen, und niemand erhob Einwände.

Mit Erfindungen machte ich mich interessant. Ich konnte mein Glück nicht begreifen.

Eines Tages bekam ich meine Geschichte schriftlich. Die Niederschrift bestürzte mich wegen ihrer Belanglosigkeit.

Der Priester verhehlt dem Dummkopf seine Bildung. Ich weiß nicht, in wie vielen Sprachen er mir klar machen könnte, dass ich mein Leben an lauter Nichtigkeiten weggebe. Er weiß so gut wie ich, dass ich ein Mann ohne Glauben bin. Nie konnte auch nur eine entschiedene Ansicht in mir Gestalt annehmen. Ich laviere und lamentiere. Das breite ich, wie an jedem Abend, vor dem Priester aus. Ich war immer schon haltlos, von mir eingenommen und leicht zu kränken. In meinen mittleren Jahren gesellte sich Kraftlosigkeit zu allen Übeln.