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2022-05-26 07:30:11, Jamal Tuschick

Pionier des aktuellen Diskursstandards

„Ich griff an, als ihr Kampfgeist sie verlassen hatte“

Die Autorin variiert einen längst klassischen Avantgarde-Titel der vorletzten Moderne: Georges Batailles Obszönes Werk. Unter der Überschrift Das obszöne Buch erinnert Julia Shaw an Henry Havelock Ellis (1859 - 1939), der auf dem Schiff seines Vaters bereits als Siebenjähriger eine Weltreise absolvierte. Ellis nahm eine Strategie der Graswurzler:innen vorweg. In dem Vorläuferinnenmodell bezog man sich auf Quintus Fabius Maximus Verrucosus. Der römische General vermied Frontalangriffe und verzichtete auf die Chancen der Geschwindigkeit. Stattdessen setzte er auf Verzögerung und Zermürbung im Kampf gegen die Karthager.

Julia Shaw, „Bi. Vielfältige Liebe entdecken“, aus dem Englischen von Sabine Reinhardus, Hanser, 25,-

Das Prinzip kodifiziert Cao Gui: „Im Kampf ist ein mutiger Geist alles. Das erste Trommelschlagen erweckt diesen Geist, doch beim zweiten schwindet er bereits, und nach dem dritten ist er ganz verschwunden. Ich griff an, als ihr Geist sie verlassen hatte.“

Shaw schildert Havelock Ellis als einen Pionier des aktuellen Diskursstandards. Tief im 19. Jahrhundert führte er eine offene Ehe mit der queeren Frauenrechtsaktivistin Edith Lees Ellis.

“From the beginning, their marriage was unconventional; she was openly lesbian and at the end of the honeymoon he went back to his bachelor rooms.” Wikipedia

Das Paar hielt sich mit einem ausdauernden Briefwechsel auf dem Laufenden. Man liebte sich und verstand die sexuell verhaltende Ehe gleichwohl als „Triumph der Leidenschaft“.

1897 veröffentlichte Havelock Ellis Sexual Inversion.

Inversion war ein Schlagwort

Didier Eribon unterstellt Marcel Proust eine Gesellschaftsbetrachtung „durch das Prisma der sexuellen Inversion“. In der Suche nach der verlorenen Zeit erscheinen die Signaturen der Fortpflanzungsgemeinschaften als Fassaden. Schwule und Lesben wahren den Schein in heterosexuellen Konstellationen und betreiben Fassadenkletterei.

„Die Homosexuellen waren gute Familienväter und hielten sich eine Geliebte nur, um den Schein zu wahren.“ Baron Charlus über die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg.

Proust lässt Charlus grotesk altern: als Repräsentationspopanz einer Generation von Gestern, die in der Gegenwart nichts mehr zu bestellen hat. Zwischen Rollen und Identitäten schwankt Prousts Personal durch ein Panoptikum der Inkohärenz.

*

Havelock Ellis‘ wissenschaftliche Auffassung der Homosexualität zielte auf deren Kanonisierung im Geist einer Verbürgerlichung. Der Autor präsentierte „dreiunddreißig Fallstudien queerer Männer und Frauen“. Kuren, die das im heteronormativen Kontext deviante Liebeskonzept „heilen“ sollten, wie etwa betrunkene Bordellbesuche im Verein mit Hypnose (einer Therapie nach Albert Freiherr von Schrenck-Notzing), erschienen dem Autor selbstverständlich „schlimmer als die (angebliche) Krankheit“.

Shaw exponiert den (aus dem Zeitrahmen gefallenen) aufgeklärten Standpunkt. Zugleich gibt sie der Vorstellung Raum, dass in diversen sozialen Paralleluniversen das Ächtungsregime der Queerness bereits zu Havelock Ellis‘ Lebzeiten entmachtet war.

„‘Sexual Inversion‘ war ein beispielloses Buch. Nie zuvor wurde Homosexualität so nüchtern, so umfassend, so wohlwollend behandelt.“ Phyllis Grosskurth, zitiert nach Quelle.

Bald mehr.

Aus der Verlagsvorschau

5 Fragen an Julia Shaw

Liebe Julia, Bi beschäftigt sich auf einzigartige Weise mit dem Thema bisexueller Identität. Was hat Dich dazu bewogen, ein ganzes Buch über das Thema schreiben?

Weil es dieses Buch nicht gab. Mir fehlte eine wissenschaftlich fundierte Diskussion über Bisexualität. Als bisexuelle Frau wollte ich wissen, was Forscher*innen in diesem Bereich machen, und ob es sie überhaupt gibt! Deshalb habe ich vor kurzem einen Master in Queer History gemacht und die Bisexual Research Group gegründet, dadurch habe ich ganz viele spannende Einsichten aus der Forschung gewonnen.

Bi widmet sich unter anderem der historischen Einordnung von Bisexualität und der Frage, was Bisexualität heute bedeutet. Wie würdest du selbst die aktuelle Position von bisexuellen Menschen in unserer Gesellschaft bezeichnen?

Bi wird oft in queeren Diskussionen vergessen. Das ist tragisch für bisexuelle Menschen, die sich oft unsichtbar fühlen, und für Menschen, die neugierig auf das Thema sind. Bisexualität ist die größte sexuelle Minderheit und immer mehr junge Menschen identifizieren sich als bi, dennoch wird das Thema oft tabuisiert. Es gibt leider auch immer noch Doppel-Diskriminierung aus der Queer- und Heterowelt. Ich glaube auch deshalb sehen wir immer mehr Bi+-Gruppen und langsam identifizieren sich auch immer mehr Menschen in der Öffentlichkeit als bi. Aber es muss noch viel passieren.

Du näherst Dich dem Thema Bisexualität auf verschiedenen Ebenen. Historisch, naturwissenschaftlich, gesellschaftspolitisch und persönlich. Dadurch erfährt man nicht nur über Bisexualität enorm viel, sondern auch über den Umgang mit sexueller Identität an sich. Was macht das Buch in Deinen Augen relevant für Menschen, die grundsätzlich Fragen zur eigenen Sexualität haben?

Jeden könnten die Themen im Buch interessieren und viele Menschen hatten schon mal bisexuelle Gefühle. Ich finde es schade, wenn Menschen das nicht richtig einordnen oder es ignorieren. Es ist doch etwas Wunderschönes, wenn man sich in Menschen verlieben kann, egal welches Geschlecht sie haben. Mein Buch zeigt, dass in der Biologie, in der Geschichte und in der Psychologie dieses Thema immer wieder auftaucht. Und die Einsichten aus diesen unterschiedlichen Feldern können das Leben jedes Einzelnen bereichern.

Welche Einsichten aus der Forschung zum Thema Bisexualität waren bei den Recherchen für das Buch besonders ausschlaggebend?

Zum Beispiel aus der Zoologie die Erkenntnis, dass Bisexualität die Norm ist und es in allen Tierarten zu bisexuellem Verhalten kommt. In der Psychologie finde ich interessant, wie viele Menschen, die sich als heterosexuell beschreiben, bisexuelle Erfahrungen haben. Ich habe herausgefunden, dass es das Konzept von Bisexualität als sexueller Neigung schon seit Ende des 19. Jahrhunderts gibt. Bisexualität ist kein Trend.

Was möchtest Du mit deinem Buch erreichen?

Aufmerksamkeit, Verständnis und Neugier auf das Thema. Mir ist bewusst, dass sexuelle Freiheit fragil ist und aus einer menschenrechtlichen Perspektive nicht selbstverständlich. Die meisten Bisexuellen dieser Welt werden unterdrückt. Ich habe das Glück, in Deutschland geboren worden zu sein und in Ländern zu leben, wo es zwar immer noch beim Thema Bisexualität Probleme gibt, aber ich lebe in Freiheit! Diese Freiheit wünsche ich jedem. Ich glaube mit fundierten Argumenten kann man besser dafür kämpfen und die gewinnt man hoffentlich aus meinem Buch.

Aus der Ankündigung

„Ich möchte die vielfältige Welt der Bisexualität aus dem Schatten holen.“ – Julia Shaw eröffnet neue Wege, über die eigene sexuelle Identität nachzudenken und sie zu finden.

Viele Menschen fühlen sich zu mehr als einem Geschlecht hingezogen. Und trotzdem bekennt sich kaum jemand dazu. Julia Shaw widmet sich in ihrem neuen Buch der größten sexuellen Minderheit – bisexuellen Menschen. Sie macht Bisexualität in Geschichte, Kultur und Wissenschaft sichtbar und zeigt anhand ihrer eigenen Identitätssuche, warum Bisexualität nach wie vor gesellschaftlich im Schatten steht. Dabei geht sie von Fragen aus, die sie selbst bewegen: Woher kommt unser Verständnis von Bisexualität? Warum ist es nach wie vor so schwer, sich zu outen? Julia Shaw beantwortet die Frage, wie sexuelle Identität entsteht, neu. Und sie zeigt, warum vielfältige Liebe endlich mehr Raum erhalten muss.

Zur Autorin

Julia Shaw, 1987 in Köln geboren und in Kanada aufgewachsen, ist Bestsellerautorin, internationale Referentin und forscht als promovierte Rechtspsychologin am University College London. Jüngst absolvierte sie den Masterstudiengang Queer History am Goldsmiths College, London. Ihr Buch Das trügerische Gedächtnis wurde 2016 international zum Bestseller und erschien in zwanzig Ländern, 2018 folgte Böse. Die Psychologie unserer Abgründe.