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2022-05-27 06:44:31, Jamal Tuschick

„Manche Vögel fliegen, bis sie sterben.“ Maggie Shipstead

© Jamal Tuschick

Eingeschlossen

Der Priester erscheint zum Abendessen. Er bespricht mit mir, was es heißt, Dinge zu tun, ohne ihre Bedeutung anzuerkennen.

„Man wird empfänglich für Verrat“, sage ich wie jeder ordentliche Schüler. Ich verbessere mich: „Man wird gleichgültig.“

Ich spiele mit dem Priester Pharao Twist. Wir setzen eine Währung ein, die nicht mehr in Umlauf ist. Ich verschulde mich mit einem irren Betrag.

Fast mein ganzes Leben habe ich untätig verbracht, mit einer Sorglosigkeit, auf die ich stolz war. Die Sorglosigkeit ist dahin, obwohl mein Leben nichts mehr wert ist.

*

Ein Emissär kommt nach dem Frühstück. Beflissen wie ein Konfektionsschneider, erfragt er Einzelheiten der Identität, die ich annehmen möchte. Mir schwebt ein Leben als Amerikaner in Europa vor. Ich möchte mich in Italien niederlassen … in einer Industriestadt wie Turin, als ein Mann des Mittelstandes.

Wie in einer perfekten Organisation alles zusammenspielt. Für mein künftiges Leben schlägt Miriam mir eine Frau als Fassade und Leibwächterin vor. Ich bin einverstanden. Die Erinnerungsarbeit findet in einem Vernehmungszimmer mit braun gestrichenen Wänden statt. Ich weiß nicht, welcher psychologischen Einsicht die Farbgebung folgt.

Miriam enthält mir ihre Empfindungen nicht vor. Wir haben etwas füreinander übrig. Mir gefällt ihre festhaltende Intelligenz.

„Du hast zuerst die Wahrheit aufgegeben“, sagt Miriam, „ohne zu ahnen, dass du dich so aufgegeben hast.“

„Die Wahrheit des alten Mannes war nie meine“, entgegne ich.

„Er hat dich erhoben, und du hast ihn betrogen.“

„Ich habe ein bisschen was abgezweigt.“

„Du hast sein Vertrauen missbraucht.“

„Der alte Mann vertraut keinem. Er rechnet mit Schwund. Für ihn geht es um das Große und Ganze.“

Betrug, Verrat … jahrelang handelte ich aus Liebe. Als sich die Auseinandersetzungen zwischen der Liga und den christlichen Verbänden schon so zugespitzt hatten, dass sie in den Nachrichten ständig vorkamen, war ich immer noch nur damit beschäftigt, Saide bei Laune zu halten. In ihrer Gegenwart darf man nicht gähnen. Ich hatte vor den Schergen des alten Mannes weniger Angst als vor ihrer Langeweile.

Saide hielt es für mein größtes Glück, für mich erreichbar zu sein. Sie höhlte mich aus.

Vielleicht ertrug ich ihre Kälte deshalb so lang, weil ich wusste, dass sie gern anders wäre als sie ist: weniger egoistisch, weniger ängstlich, weniger erratisch.

Sie ist zu Hingabe fähig. Sie sucht Stärke. Sie hat ein gemeines Verhältnis zur Kraft.

Ich sah mich als Kapitän auf einem Narrenluxusliner. Saide erklärte das Schiff zum Kahn.

… die Gewissheit, von ihr nie geliebt worden zu sein, um das schwerwiegender zu finden als die zivilisatorische Initialzündung in dem Land zwischen Euphrat und Tigris. Dicle heißt Tigris auf Türkisch.

„Du wärst in jeder Partei ein unsicherer Kantonist“, verkündet Miriam. Die Irin hat eine Vergangenheit als Terroristin. Unsichere Kontonistinnen prophylaktisch aus dem Verkehr zu ziehen, bleibt für sie politischer Kleinkram und kleines Tennis.

Auf die Einzelne kommt es nicht an. Das hat man ihr und mir eingebläut … ich bin ein Mann des Privatlebens. Einer, der vormittags gern darüber nachdenkt, wie ein schöner Abend verlaufen könnte. Saide mochte schöne Abende sehr.

*

Ich esse allein zu Mittag. Ich bestelle Wein und kriege Wasser. „Gut so“, sage ich, „der Wein taugt eh nichts.“

Die Wärterin gehört zu den Geläuterten. Ich stelle sie mir verhüllt vor, wissend, dass sie sich in dem Zwiespalt aller Krypto-Muslima/Christinnen befindet.

Ich will auf den Korridor, sie stellt sich mir entgegen. Ich weiche weich zurück, ihre Performance fragmentierend aufnehmend. Gleichzeitig scanne ich mich. Da ist noch stolzes Interesse. Die Maschine läuft noch. An der Art, wie ich - ebenso körperlos wie selbstbewusst - zurückgedrängt werde, erkenne ich die Grundschule, in der die Wärterin geformt wurde.

Beim Entschlüsseln einer umgedrehten, sprich deformierten Persönlichkeit geht es stets darum, den biografischen Grundstock zu extrapolieren. Ich spüre den Wunsch der Wärterin, überzulaufen; das heißt, zurückzulaufen. Ich kenne den Preis ihrer Zurückhaltung vielleicht doch nicht.

*

Ich warte darauf, gerufen zu werden. Die Zeit wird mir lang, ich sehe Zeichentrickfilme und fühle mich bis zu den Zehen wie ein schwer interessierter Halbwüchsiger. Ich notiere die Empfindung als Zeichen meines guten Willens.

Am Nachmittag führt mich ein Wärter in den Keller. Ich war da nicht mehr, seit den peinlichen Verhören. Die Angst erzeugt Taubheit in den Gliedern. Eine Schneewanderung mit meinen Eltern kommt mir in den Sinn.

„Wo waren wir stehen geblieben?“ fragt ein Ermittler, den ich noch nie gesehen habe.

„Ich erinnere mich genau: Sie interessierten sich für meinen Unterstützerinnen während meiner Untergrundzeit.“

Es setzt Schläge, die mein Gesicht treffen, den Rumpf und den Nacken. Sie werden mit einem elastischen Gegenstand geführt. Ich klassifiziere die Aktion als milde Bestrafung. Gleich wird jemand das Blut abwischen.