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2022-05-29 06:06:49, Jamal Tuschick

Repressives Familienregime

Als Tochter türkischer Einwanderer wächst Büsra in den Niederlanden auf. Den Alltag der Heranwachsenden bestimmen oft unverständliche, in jedem Fall einschränkende und von der Mehrheitsgesellschaft abweichende Regeln. Büsra lebt in einem repressiven Familienregime, das sich im Schatten staatlichen Laissez-faires trotzig behauptet.

Lale Gül, „Ich werde leben“, Roman, aus dem Niederländischen von Dania Schüürmann, Suhrkamp, 18,-

Die Erzählerin erinnert den Schulstuhlkreis an jedem Montag. Andere Kinder wurden am Wochenende planmäßig bespaßt und konnten von Großartigkeiten berichten, Büsra war noch nicht einmal dazu in der Lage, sich vorzustellen, etwas geschähe allein zu ihrem Vergnügen.

Einmal erfand sie einen Kinobesuch, obwohl sie noch nie ein Kino von innen gesehen hatte.

Das Kind wurde als Erfüllungsgehilfin erwachsener Bedürfnisse eingesetzt und musste sich ständig gegen Zumutungen verwahren.

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In der Familienhierarchie steht Büsra an letzter Stelle. Für sie gibt es nie etwas Besonderes in einer Mehr-Enge aus Scham und Unterordnung.

Während Büsras Positionen unentwegt kritisiert werden, bejubelt die Familie jede Lebensäußerung ihres Bruders. Man erwartet von Männern und Jungen nicht mehr als ein repetitiv-regressives Repertoire. Sie dürfen sich so blöd anstellen, wie sie wollen.

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Die „Erzeuger“ stammen aus Sivas. Sommerferien in der elterlichen Geburtsstadt bedeuten sechs Wochen Langeweile. Niemand fände es seltsam, wenn die angehende Akademikerin Büsra einen (in der Ursprungsgesellschaft) zurückgebliebenen Bürstenbinder heiraten würde. In den Kalkulationen der Eltern spielt Intelligenz keine Rolle.

Die Frauen in der Familie garantieren den rigiden Kurs mit unentwegten Ermahnungen.

Die Oma riecht nicht gut. Auch ihre Ansichten sind ranzig. Man hat ihr das Leben angetan. Als un-weise Greisin reagiert sie sich reaktionär an ihrer smarten Enkelin ab.

Die Gebetskette der Mutter - Büsra erkennt keinen Unterschied zu einem christlichen Rosenkranz. Die „Erzeugerin“ warnt vor Tampons wie andere Mütter vor Drogen. Sie wuchs unter fünf Brüdern auf, die im Gegensatz zu ihrer Schwester, das Bildungsminimum erhielten.

„Mädchen einzuschulen sei sündhaft.“

Schulwissen begünstige eine Verfehlung des weiblichen „Naturells“. Vorbereitet wurde die Mutter auf dienende Aufgaben. Lale Gül kolportiert ein semisklavisches Programm. Die Brüder erniedrigten ihre Schwester gedankenlos als menschliche Lampenhalterin. Man hielt sie dazu an, männliche Verwandten „mit einer Fußmassage zu verwöhnen“.

Die Mutter verinnerlichte den Unterwerfungskatechismus. In der Handlungsgegenwart identifiziert sie sich mit den Bedingungen, die ihre Missachtung begünstigen. Frostig und falsch erscheint ihr die Freiheit der Niederländer:innen. Familiäre Idole sind Büsras Onkel als „Bauunternehmer ohne viel Schulbildung und mit dürftigem Niederländisch“.

Die Halbautomatik des Widerspruchs

Die Erzählerin empfindet Gleichsetzungen mit Geflüchteten als entwürdigend. Da springt der Solidaritätsmotor nicht an.

Büsra füllt Supermarktregale auf, bevor sie in einem Restaurant anfängt.

Jenseits der familiären Reichweite bewegt sie sich weitgehend im Takt ihrer Bedürfnisse. Sie dreht ihr Segel in den Zukunftswind. In der postmigrantischen Gesellschaft lässt sich die antike Trennung zwischen „Etablierten und Außenseitern“ (Norbert Elias) nicht mehr herstellen. Das führt einerseits zu einer neuen Normalität im Zuge der Erweiterung hybrid-diverser Konstellationen und andererseits zu einem „Anstieg rassifizierender Denkmuster“ (Naika Foroutan).

Büsras Freund Freek „sieht germanisch“ aus. Das käme strafverschärfend hinzu, flöge die Erzählerin auf. Freek küsst besser als jeder andere. Da ist sich Büsra „auch ohne Vergleich“ sicher.

Die Meisterin kleiner Fluchten wehrt sich halbautomatisch gegen eine drakonische Deklassierungspolitik. Ihre Vorteile ergeben sich aus Bildungsvorsprüngen. Büsras scharfsinnigen Argumentationen werden als Haarspalterei und westliche Dekadenz abgetan. Viele Reaktionen aus dem türkischen Umfeld haben arbiträren Charakter. Arbiträr ist ein Lieblingswort von Büsra. Lächerlich erscheint es ihr, wenn Leute glauben, man könne ihr suggerieren, sie müsse sich mit Floskeln abspeisen lassen, um nicht aus dem Rahmen zu kippen.

Das Erzählgarn dreht sich um die Spindel dieser Ungleichzeitigkeit. Die Akteure aus dem Restaurationsbetrieb konservativer Migrationsbegriffe verkleinern die Aushandlungsarena. Die progressive Postmigration kämpft um Spielräume.

Aus der Ankündigung

Lale Gül hat einen autobiografischen Roman geschrieben: über das Aufwachsen eines muslimischen Mädchens im abgehängten Amsterdamer Westen, über Grenzen, Gebote, Loyalitäten einer ultrakonservativen Familie, über die Hoffnung auf ein selbstbestimmtes Leben. Bei seiner Veröffentlichung bricht die Hölle los, und plötzlich steht sie zwischen Rechten, Linken und religiösen Fanatikern, im Kampf um die eigene Stimme …

Ich werde leben erzählt in einer Sprache ohne Respekt von einer jungen Frau auf dem Schlachtfeld der Zugehörigkeiten, von ihrem Zickzackkurs entlang Familie, Glaube, Freiheit und unserer Gegenwart, vom modernen Kampf um Identität und Diversität im Abendland. Ein einzigartiges Zeugnis gegen die Kräfte der Unterdrückung, von welcher Seite auch immer.

Zur Autorin

Lale Gül, geboren 1997 in Amsterdam, studiert Niederländische Literatur und Kultur in ihrer Heimatstadt. Bis zu ihrem siebzehnten Lebensjahr besuchte sie eine Koranschule der Millî-Görüş-Vereinigung. Ihr Debütroman Ich werde leben schoss nach Erscheinen auf Platz 1 der Bestsellerliste und löste eine landesweite Debatte aus. Lale Gül erhielt Morddrohungen und musste abtauchen.