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2022-06-02 06:48:36, Jamal Tuschick

#Lob

Lieber Herr Tuschick,

eine tolle Vorstellung des Bandes!

Vielen herzlichen Dank!

Gute Zeit & herzliche Grüße

Christine Liebl

Presseabteilung Belletristik

Penguin | C. Bertelsmann | Manesse

Das Lob bezieht sich auf diesen Titel.

„Der Wind entspringt in der Ferne, wo das Blau des Himmels auf das Blau des Meeres stößt.“

Bürgerliche Zusatzangebote

Zu den Premiumsignalen der Nachkriegsmoderne gehörte der Zweitwagen, in dem der chauffierte Nachwuchs die Strecken zu den bürgerlichen Zusatzangeboten, unbedroht von den Fährnissen im öffentlichen Raum, bewältigte. Das Auto war eine stählerne Schutz- und Komfortkugel. Heute sieht man Männer und Frauen, die ihre Kinder im strömenden Regen auf Fahrrädern transportieren; oft in abenteuerlichen, uns Ältere an Seifenkisten erinnernde Konstruktionen, die wir eben nicht einer kreativen Regression oder wirtschaftlichen Not zurechnen, sondern einem vollständig ausgebildeten, von Klimagerechtigkeitsbegriffen ökologisierten Bewusstsein.

Rachel Cusk, „Coventry“, Essays, aus dem Englischen von Eva Bonné, Suhrkamp, 21,-

Auch Rachel Cusk vergrößerte die Versorgungslast unter den Vorzeichen des freiwilligen Verzichts. Cusk-Leser:innen erinnern sich. In Über das Mutterwerden plauderte die Autorin aus einem kosmischen Nähkästchen. Im Planetensturm der Mutterschaft stieß sie auf Herausforderungen in einem unerwarteten Kontinuum der Ungewissheit.

Als angehende Mutter wähnte sich Cusk auf dem breitesten Boulevard der Welt, bevor sie erkannte, dass die von ihren Vorgängerinnen ausgetretenen Strecken keinesfalls barrierefrei sind.

„In der Schwangerschaft geben das Leben des Körpers und das des Geistes ihre Anstrengung der Getrenntheit auf und verflechten sich auf fatale und bleibende Weise.“

„Jetzt, da meine Kinder erwachsen sind, fahre ich wieder Auto, als zählte mein Beispiel nicht mehr.“

Kadaver auf dem Asphalt

Cusk lebt auf dem Land in einer autofahrenden Gesellschaft. Verkehrsaufhaltendes Fahrverhalten gehört zum Provinzkomment. Lokale Debatten drehen sich um Tempodrosselungen. Kadaver auf dem Asphalt zeigen Anpassungsdefizite an.

Mobile Nachbarschaften, Durchfahrende und Touristinnen erzeugen mit ihren Fahrzeugen Stau- und Zähflüssigkeitsgemeinschaften. Man demobilisiert sich „ohne sinnstiftendes Narrativ“. Cusk spricht von einem Zustand, der sich von „gegenseitiger Gefangennahme kaum noch unterscheiden (lässt)“.

*

Unter der Zivilisationskritik zeichnet sich eine Seebadidylle ab. Die Autorin streicht Prisen eines gemächlichen Lebenswandels ein. Sie beobachtet „Urlauber einer bestimmten Altersgruppe … die im örtlichen Pub … schweigend vor riesigen Tellern Fish and Chips sitzen“.

Sie beschreibt ein Genre. Schweigende Paare tragen genauso zum Lokalkolorit bei wie die Robbenkolonie auf einer Sandbank vor dem Strand. Familien präsentieren sich wie archaische Stammesverbände. Sie lassen sich nicht einfach einschränken und zur Ordnung rufen. Den Übermachtkonstellationen wohnt ein Zauber inne.

Cusk stellt die Befürchtung in den Raum, man könne aus seinem „Familienleben erwachen wie aus einem Trinkgelage“. Plötzlich ist man allein (in seiner Ehe). Die Kinder sind flügge. Der Brutpflege-Komplize setzt sich hölzern ab; von der Evolution eingestellt wie ein Wecker, fügt er sich semi-solistisch in den Rahmen der nächsten Phase.

*

Der Titelessay handelt von einer Gewohnheit der Eltern, die erzählende Tochter mit Schweigen zu strafen. Die unausgesprochene, mitunter unbemerkte Sanktion nennt man „Coventry“. Die Autorin schafft dem Wort eine Umgebung im Spektrum der unerwarteten Zerstörung, die dem Namen der Stadt eine metaphorische Bedeutung gab.

„Am 14. November 1940 um 19.40 Uhr begann der Angriff der deutschen Luftwaffe auf die britische Stadt Coventry … Die St. Michael‘s Cathedrale wurde völlig zerstört.“ Quelle

Cusk beschließt, in (dem von den Eltern verhängten) Coventry zu bleiben. Vielleicht entdeckt sie eine Art von Fürsorge in dem Ausschluss. Jedenfalls veranlasst sich kein Trotz zu der Stagnation. Sie zieht ihre Lebensbahnen durch vermeidliches Ödland. In Wahrheit ist es das Paradies.

*

Jemand sieht das Ende der aktuellen Weltordnung gekommen. Die Menschheit im Mahlstrom der Verwerfungen … Cusk erwähnt Stanley Spencer und Philoktet. Mich erinnert das an einen Dreh von Heiner Müller. Er präsentiert Philoktet als einsamen Trotzki. Darauf käme heute auch keiner mehr. Cusk und Müller in der Barke des Odysseus. Odysseus ist „der Funktionär, der Philoktet auf seine Funktion reduziert und ihn deshalb nicht gewinnt“ (Kristin Schulz). Müllers Hauptinteresse gilt Odysseus, der in Lesarten des Kalten Krieges „als stalinistischer Korporal“ erscheint.

Müller sucht immer wieder Anschluss an diese Erfahrung. Er bemüht Büchner, bei dem er „zum ersten Mal die Krise des Dialogs“ als Thema entdeckte.

„Jeder Fortschritt erledigt einen Fortschritt“, sagt Müller.

Neoptolemos lügt mit einer wahren Geschichte

Odysseus benutzt Neoptolemos, um Philoktet einzuseifen und aufzuweichen. Neoptolemos lügt mit einer wahren Geschichte und den besten Absichten, Philoktet zu entwaffnen. Dem geächteten Scharfschützen kann man schmeicheln. Man stellt ihm ein günstiges Andenken in Aussicht. Die Nachwelt soll den Aussätzigen achten.

Eine Schlange beißt Philoktet, die Wunde eitert. Der Eiter stinkt zum Himmel. Kollegen von der hellenischen Heeresleitung, man ist auf dem Weg nach Troja, reagieren auf verbreiteten Unmut, indem sie dafür sorgen, dass ihr Meisterschütze auf Lemnos (nach einer Odysseus-Order) ausgesetzt wird. Auf Lemnos ist nichts los, behauptet Sophokles.

„Entdecken Sie Lemnos: in der nördlichen Ägäis liegt eine Insel die ideal für Ihren Urlaub in Griechenland ist: Sehenswürdigkeiten und wunderschöne Strände.“ Quelle

Der unfehlbare Philoktet holt die Inselgeier auf den Boden der Tatsachen, die sich nach Brecht in der Frage erschöpfen: „Wer frisst wen?“

„Als noch der Mensch des Menschen Todfeind war/Das Schlachten gewöhnlich, das Leben eine Gefahr.“ Heiner Müller

Die Aasfresser ernähren Philoktet, er verwandelt sich in der Abwesenheit von Zivilisation. Die Robinsonade ohne Schiffbruch zieht sich zehn Jahre hin, dann landet eine Delegation mit Odysseus an der Spitze auf Lemnos, um Philoktet zu reaktivieren. Der offizielle Sinneswandel hängt mit einem Orakel zusammen. Das Orakel macht Politik, wenn es behauptet, nur Philoktet und sein von Herakles übernommener Wunderbogen könne die Eroberung Trojas bringen.

Philoktet ist sauer, er will mit der griechischen Gesandtschaft nichts zu tun haben. Das kann man verstehen. An seiner Stelle hätte manche(r) den intriganten Marinekapitän Odysseus und diesen außerdem angeschwemmten Neoptolemos (Sohn des Achill) gewiss gleich umgelegt. Aber das ist Sophokles ein zu kurzer Prozess.

Odysseus benutzt Neoptolemos, um Philoktet einzuseifen und aufzuweichen. Neoptolemos lügt mit einer wahren Geschichte und den besten Absichten, Philoktet zu entwaffnen. Dem Scharfschützen kann man schmeicheln. Man stellt ihm ein günstiges Andenken in Aussicht. Die Nachwelt soll den Aussätzigen achten.

DDR-Coventry

Müller schreibt 1950 ein ansatzweise heroisches „Philoktet“-Gedicht. Die Dramatisierung des Stoffs fällt in die Zeit seiner eigenen Ächtung. Er ist der Ausgeschlossene, veröffentlichen kann er nur unter Pseudonym.

„Die Erfahrungen, die gerade hinter mir lagen, (Ausschluss aus dem Schriftstellerverband 1961) haben mir den Stoff ganz anders aktuell gemacht.“

Gleichzeitig gilt sein Hauptinteresse Odysseus, der in Lesarten des Kalten Krieges „als stalinistischer Korporal“ verstanden wird. Solche Deutungen verfehlen nach Müller das Wesentliche. Für ihn ist Odysseus die tragische Figur.

In „Drei Punkte zu „Philoktet“ stellt er fest: „Die Handlung ist Modell nicht Historie. Sie bietet Gelegenheiten, Haltungen zu zeigen, nicht Bedeutungen. Für Müller sind „Philoktet, Odysseus und Neoptolemos Clowns und Gladiatoren ihrer Weltanschauung“.

Lemnos als Anstalt. Darin hat sich Philoktet mit seinem Hass auf Odysseus & Co. zur Ruhe gesetzt. So lange hat ihn sein Hass gekühlt, jetzt erhitzt ihn die tödliche Aufrichtigkeit des Neoptolemos. Das ist schon infam.

Philoktets Mobilisierung gelingt.

„Was wir hier zeigen, hat keine Moral/Fürs Leben können Sie bei uns nichts lernen.“

Odysseus führt Philoktet weiter hinters Licht. Der Gefoppte stampft auf im Trotz. Er brüllt wie auf einem attischen Markt.

„Die Aushöhlung der Werte drückt sich im Pomp der Fassade aus ... der Humanismus trägt Uniform ... Der Verschleiß der Rüstungen im Dienst ... soll den Glanz der Sprache durchsichtig machen als Instrument von Herrschaft.“

Stets geht es um den Bogen, mit dem Philoktet unfehlbar ist. In der Wahrheit des Mythos kämpft Philoktet wieder und weiter und folgt so einer göttlichen Anweisung. Müller schickt die Götter der Griechen aber in den Ruhestand. Die Vorsehung hat Feierabend.

Aus der Ankündigung

Was passiert mit uns, wenn unsere eigenen Eltern plötzlich aufhören, mit uns zu reden? Warum scheint sich Grobschlächtigkeit weltweit öffentlich durchzusetzen? Kann man ein Haus bauen, ohne den Verstand zu verlieren? Warum regredieren wir beim Autofahren so spektakulär? (Sollten unsere SUVs die Airbags nicht besser außen haben?) Und wie kann es gelingen, gleichzeitig Mutter, Tochter, Ehefrau, Staatsbürgerin, Künstlerin und breadwinner für die ganze Familie zu sein? (Achtung, Spoiler: schwierig!)

Rachel Cusk ist eine unerbittlich humorvolle Selbsterforscherin und eine Poetin der gespaltenen Gefühle. Coventry versammelt eine Reihe ihrer glänzenden Essays, hochaufgelöste, tiefenscharfe Meisterstücke. Sie zu lesen bedeutet, sich den weitreichenden Ungewissheiten zu stellen, die wir alltags lieber nicht beachten.

Zur Autorin

Rachel Cusk, 1967 in Kanada geboren, hat die international gefeierte Outline-Trilogie, die Memoirs Lebenswerk und Danach sowie zahlreiche weitere Romane und Sachbücher geschrieben. Der andere Ort, ihr zuletzt erschienener Roman, stand auf der Longlist des Booker Prize. Sie ist Guggenheim-Stipendiatin und lebt in Paris.