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2022-06-03 06:01:51, Jamal Tuschick

© Jamal Tuschick

Geschlechtliche Rohformen

Auf der bolivianischen Altiplano-Hochebene drängt Wasser durch Gesteinsrisse, dessen chemische Signatur seine pazifische Herkunft verrät. Der stille Ozean unterspült die amerikanische Landmasse, steigt vierhundert Kilometer hinter der Küstenlinie auf und tritt in einer vom Bergbau versehrten Landschaft zu Tage. Der erdgeschichtliche Vorgang im Dunstkreis einer Subduktion bietet sich eskapistischen Analogien an.

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Irgendwo erzählt Ian Morris ein Beispiel für „die klassische anthropologische Erfahrung des Kulturschocks“. Eine archäologische Gemeinschaft im Feierabendmodus, ich extemporiere: vor einer bewirtschafteten Bretterbude und bei einer Flasche Ouzo in den griechischen Highlands, beobachtet angeheitert eine Miniprozession, bestehend aus einem malerisch verlederten Greis und seiner Gattin. Der Alte reitet auf einem Esel, die Frau folgt à pied, „ächzend unter der Last eines großen Sacks“.

Vom Mann verlangt man Aufklärung wegen des offensichtlichsten Missverhältnisses. Er antwortet freundlich: Die Frau reitet nicht, „weil sie keinen Esel hat.“

Das Milieu, in dem die akademische Gesellschaft folkloristische Freuden und Meme-stiftende Pittoresken genießt, erlaubt es dem Mann, die Frage einfältig zu finden. Morris verbindet den Vorgang mit einem Vergleich, in dem Birmingham als Referenz auftaucht.

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Den Kräften des Niedergangs hat sie sich längst ergeben. Der Körper entfremdet sich ihr jeden Tag mehr. Es ist, als sei eine Freundschaft zu Ende. Das Eigenleben der Zehen deutet eine Eiszeit an.

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Das Abendessen einmal wieder vom Chinesen in der Schwarzburgstraße. Extrem gesundes. Medizinisch zubereitetes Essen. Der Chinese und seine Angehörigen führen eine Garküche, kombiniert mit einer Reinigung und einem 24/7-Allkauf. Diese Leute lassen Kinder verstummen, die sonst nie still sind.

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Im Kino. Ich werde nicht müde mich darüber zu wundern, dass Leute mit Spielräumen in verdunkelter Öffentlichkeit sich zu sexuellen Handlungen im Geist einer seriellen Sterilität veranlasst sehen. In meiner Jugend trafen sich die Ärmsten und Einsamsten samstagnachmittags im Bahnhofskino, um da Trauben zu bilden. Sie belagerten triste Konstellationen und delektierten sich an geschlechtlichen Rohformen.

Der Film erzählt die Geschichte einer Eskalation. Er beginnt als Gerichtsdrama. Ein Vater und seine Tochter begegnen sich elegant konfrontativ und elaboriert kompetitiv. Sie verteidigt eine Bauleiterin, der eine tödliche Vernachlässigung von Sorgfaltspflichten vorgeworfen wird. Er tritt als Staatsanwalt mit Killercharme auf. Der Vater erscheint als levantinischer Grandseigneur, der Babylon mit dem Mondflug in Einklang zu bringen das Format besitzt. Ihm ist niemand gewachsen, auch nicht der eigene Nachwuchs.

In den Schlagabtausch-Szenen wird der Prozess zur Burleske. Der Überwältigende deklassiert alle anderen. Ein mit Volksaufstandchichi gepimpter Rest verrottet in den Ecken des Gerichtssaals.

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Sie üben den Paarlauf auf dem Weg zum Tannenbaum. Da setzen sie sich wie immer. Lale stellt einen blanken Fuß auf Tillmanns Stuhl ab. Der Fuß ragt zwischen seinen Schenkeln auf.

„Wie sieht das aus?“ fragt Lale.

Tillmann verschweigt, dass ihn Lales demonstrative Zugänglichkeit und ihre flockige Art, der Penetration eine Umgebung zu geben, kaum reizt.

Sei freundlich, rät er sich. Tillmann bestellt mit der großen Gebärde der Bewirtung Bier und Bockwurst. So läuft das im Tannenbaum egal in welcher Konstellation.

„Du bist mein wichtigster Gesprächspartner.“

Tillmann versteht: „Als Liebhaber kann ich auf dich verzichten.“

So spricht Lale seine Eifersucht an. Ihr Telefon klingelt. Mit Blick auf das Display: „Ich geh nicht dran.“ Wie oft war Tillmann in der Lage des Anrufers?

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Die springenden Punkte der Stadt stellen Gegensätze aus. Aus der Energie konkurrierender Interessen entstehen Strukturen mit phantastischen Transformationspotentialen. Sie lassen sich wie Kunstwerke anschauen. Der Hauptbahnhof ist ein Ort solcher Feststellungen.

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Lale schleppt Sina an.

„Riesenwohnung“, sagt Sina zur Begrüßung. Auf ihrem T-Hemd steht Oktoberfest.

Bei der Wahl zwischen Größe und Zustand habe ich mich für Größe entschieden. Die Wohnung ist in einem miserablen Zustand und so gut wie leer. Lale verwechselt meine Gleichgültigkeit mit suizidalem Schick.

Sie hat einen Blick für ausweglose Lagen. Sie ist geschickt in der Einrichtung kleiner Abhängigkeitsverhältnisse. Sie fährt auf hoffnungslose Fälle ab, die von ihr mit einem Anstrich der Fürsorglichkeit gründlich getäuscht werden. Sie greift nach einer Knackwurst aus der Müll verarbeitenden Fleischindustrie. So wie ich wohne, esse ich auch. Lale hält die Kombination für gelungen. Sie neigt zu Überinterpretationen und Ausstattungskitsch, obwohl sie es schon besser wissen könnte. Sie hat einiges hinter sich mit ihren siebenundzwanzig Jahren, unter anderem fast eine Karriere. Das heißt, sie war Sängerin in einer Band, die es ohne Lale in die Charts geschafft hat. Das ist die Tragik ihres Lebens.

Lale füttert ihren Findling, eine „Osman-Errungenschaft“. Osman hält seine Tankstelle für eine Brasserie. Er hält an einer literarischen Vorstellung von Frankreich fest.

„Soll ich uns Obstsalat machen?“ fragt Lale.

Sina winkt ab, so will sie nicht gesehen werden. Sie checkt eben erst aus der Nacht. Bei Osman hat Sina nur noch was getrunken, abgesprengt von ihrer Posse, die sonst wohin, jedoch mindestens auf die A 7 und bis zur nächsten Raststätte. Wegen eines Typen sei sie nicht mit.

„Was ein Dreckstag“, erklärt Sina expressiv verfinstert.

„Mer derf als gar net so viel denke“, sagt Lale frei nach Lia Wöhr. Ihre Kontaktfreude verträgt sich mit jeder Menge Differenz. Lale geht Frauen und Männern an die Wäsche, sie duscht ihre Beute, salbt sie mit Handcreme und singt ihr ein Lied. So nimmt das Elend seinen Anfang. Am Ende heult das Elend vor der Wohnungstür und dann weiß Lale überhaupt nicht, was die Aufregung soll.

Meine Nachbarn halten Lale für eine Studentin, sie sind selbst arbeitslos. Vom Frühjahr bis in den Herbst belagern sie eine bestellte Fläche vor dem Haus, der spärliche Nachwuchs bastelt an Rollern. Lales donnerndes Liebeslieben isoliert sie von der Hausgemeinschaft. Diese Leute betrachten Lebhaftigkeit als Zumutung.

Lale zieht Sina ins Bad, Wasser rauscht auf als Ouvertüre. Sina hat drei Monate in London gelebt. Sie kennt den Film zu dem Plakat im Flur.

Fliegen kolonisieren die Fensterbank. Ein Hund kratzt und schüttelt sich im Treppenhaus. Briefkästen scheppern.