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2022-06-06 09:00:58, Jamal Tuschick

„Coco ist ein kleines Ladenmädchen, das Großfürsten Künstlern vorzieht.“ Misia Sert

„Die Unterlegenheit der Frau war nur eine Täuschung des anderen Geschlechts.” Captain Arthur Edward Boy Capel (1881 – 1919)

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„Es gibt eine Zeit für die Arbeit. Und es gibt eine Zeit für die Liebe. Mehr Zeit hat man nicht.“

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„Ich lebte mein Leben in der Annahme, dass alles, was ich nicht mochte, sicherlich ein Gegenteil haben würde, etwas, was ich mochte.“ Coco Chanel

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“Anybody seen in a bus over the age of 30 has been a failure in life.” Brian Howard.

Ignorierte Winston Churchill den Antisemitismus seiner Freundin Coco Chanel?

Angeregt von Anne de Courcys saganesker Salonage „Coco Chanels Riviera. Vom Lieben, Leben und Überleben an der Cote d’Azur“, beschäftige ich mich mit der Titelfrage

Frankreich in den 1930er Jahren. Das Fest des Lebens findet nach wie vor in Paris statt. Die Parolen der Lost Generation gelten noch; nur will keine mehr etwas von dem blutigen Ausgangspunkt der hungrigen Daseinsweise wissen. Impulsgeber des Hedonismus war der I. Weltkrieg. Hinter einem Spalier aus Alleinstellungsmerkmalen bildet er vorübergehend seine eigene Vergangenheitsform.

Anne de Courcy, „Coco Chanels Riviera. Vom Lieben, Leben und Überleben an der Cote d’Azur“, aus dem Englischen von Elke Link, Insel Verlag, 25,-

Frankreich bleibt das Maß aller Dinge, wenn es um „Essen, Kultur und Couture“ geht. Wer es sich leisten kann, verbringt die Sommer an der Côte d’Azur, deren „milde Winter“ noch nicht in Mode gekommen sind. Man genießt die leuchtenden Farben einer klassisch aus dem Vollen schöpfenden Natur. William Somerset Maugham hält Hof in der Villa Mauresque auf der Halbinsel Cap Ferrat. Für ihn ist die französische Riviera „ein sonniger Ort für schattige Menschen“. Ein abgedankter König achtet sehr darauf, dass man seiner bürgerlichen, bereits zwei Mal geschiedenen Frau respektvoll begegnet. Die Amerikanerin Simpson Wallis (Bessie Wallis Warfield) präsentiert sich als Duchess of Windsor an der Seite des Duke of Windsor vulgo Ex-Edward VIII.

Schauplätze des Gesellschaftslebens sind Yachten. Man hat noch keine Hubschrauber, stattdessen komplette Orchester an Bord. Auf Bendors Flying Cloud gelangt Winston Churchill zu der Überzeugung, dass Gabrielle Bonheur Chanel aka Coco Chanel genug Kraft besitzt, um „ein Empire zu beherrschen“.

Bendor ist der Spitzname des zweiten Herzogs von Westminster, Hugh Richard Arthur Grosvenor, einem sagenhaft reichen Churchill-Vertrauten. Man ahnt das Air der gleichermaßen verschwiegenen und verwunschenen Jetset-Spielplätze nicht zuletzt auf einer klimatischen Ideallinie. Die ersten Töchter und Söhne Europas unterhalten sich auf ihrem Niveau. Vor den Augen der düpierten Couturière wirbt Bendor um Loelia Ponsonby, Tochter von King George‘s Keeper of the Privy Purse.

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Zu den Strandbadverbindungen im Rang einer Sehenswürdigkeit zählt die Ehe von Doris Browne Delevingne (1900 - 1942). Seit der Hochzeit mit Valentine Browne, dem 6. Earl of Kenmare, unterschreibt Doris mit Viscountess Castlerosse. Man unterstellt der Gattin eines einflussreichen Zeitungsmannes ein Verhältnis mit Churchill. Ein Experte widerspricht dem Gerücht mit einer schönen Begründung.

“Lady Castlerosse was … married to Valentine Castlerosse at the time, the most waspish gossip columnist of the 1930s, the very last person an adulterer would have chosen to cuckold.” Andrew Roberts, Quelle

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Coco Chanel entwirft und erbaut, übrigens in der Nachbarschaft von Le Corbusier, der vor seiner Haustür im Meer ertrinkt, eine Sommervilla in dem semialpinen, bereits vor der ersten Jahrtausendwende urkundlich erwähnten Weiler Roquebrune-Cap-Martin. Die Pariser Stilikone kauft naheliegendes Land auf und schafft so ein Anwesen, in dessen Zentrum La Pausa steht. Da empfängt sie eben auch Churchill.

Ich schreibe um den heißen Brei herum. Ich kriege die Kurve nicht. Einerseits liebe ich das narrative Spektrum zwischen maritimer Sommerhitze, strahlender Meersalzkruste, Malerinnenkolonien in Fischerinnennestern, Schriftstellerinnen in schattigen Kammern mit Steinböden, fangfrischem Fisch, mediterraner Küche, die Magie der Yachthäfen, Hautevolee und Jeunesse dorée und Sonne, Mond und Sterne. Andererseits müssen wir darüber reden, dass Coco Chanel (1883 - 1971) ihrer Ächtung wegen Kollaboration und Antisemitismus wie durch ein Wunder entging. Unter anderem bemühte sie sich um die ‚Arisierung‘ des Pariser Ritz. Das Hotel am Place Vendôme gehörte den Mehrheitseigentümern von Les Parfums Chanel Pierre und Paul Wertheimer.

“World War II brought with it the Nazi seizure of all Jewish owned property and business enterprises, providing Chanel with the opportunity to gain the full monetary fortune generated by Parfums Chanel … Chanel was unaware that the Wertheimer … had taken steps to protect their interests.” Wikipedia

„Sie hatten … ihre Anteile … der Kosmetikmarke Bourjois und dem ... Flugzeugbauer Félix Amiot (treuhänderisch) überschrieben.“ Quelle

Ich komme darauf zurück.

Im Winter 1943/44 sollte Coco Chanel im Dienst der Deutschen, gewissermaßen unter Aufsicht ihres extrem vielschichtigen Geliebten Hans Günther von Dincklage, einem Schwager von Sybille Bedford, bei einem Separatfrieden mit England vorfühlen. Man spekulierte auf ihr freundschaftliches Verhältnis zu Premierminister Churchill, dem auch nach dem Krieg Coco Chanel als Gastgeberin in Südfrankreich angenehm blieb. Die klandestine Mission verlängerte als Operation Modellhut eine Liste gescheiterter Konspirationen.

Ignorierte Churchill den Antisemitismus seiner Freundin? Ließ es ihn kalt, dass sie mit Hilfe der Nazis versucht hatte, ihre jüdischen Geschäftspartner auszubooten?

Der große Mann starb als Freund Israels, wenn auch nicht als ein besonders verlässlicher. „Churchills Zionismus war … sentimental“, sagt Michael Makovsky. Belassen wir es dabei. Churchill bleibt bis auf Weiteres der Homme de Lettres unter Hitlers effektivsten Feinden.

Zurück in die Gegenwart eines sagenhaften Durchlaufs - Wie alles anfing

In einem von Nonnen bewachten Waisenkerker lernt die ledig Geborene nähen. Mit achtzehn entlässt man das Mündel in die Freiheit absoluter Armut. Coco Chanel akzeptiert die Rolle der Zweitgeliebten eines Provinzherrenreiters. In seinem Dunstkreis begegnet sie Boy Capel.

„Die Unterlegenheit der Frau war nur eine Täuschung des anderen Geschlechts.” Captain Arthur Edward Boy Capel (1881 – 1919)

Capel erkennt das Genie der Unterprivilegierten. In seiner Regie avanciert sie zur selbständigen Putzmacherin. Ihre Kreationen stechen die Konkurrenz aus. Capel heiratet dann aber standesgemäß Diana Wyndham, Countess of Westmorland. Sie konvertiert wegen ihm zum Katholizismus. Seine Geliebte bricht zusammen, rappelt sich jedoch gleich wieder auf. Auch die Beziehung zu Capel geht weiter, nun als Liaison, während sich seine Frau Duff Cooper zuwendet.

„Alfred Duff Cooper, 1. Viscount Norwich … war ein britischer Politiker, Diplomat und Autor. Nach ihm wurde der Duff-Cooper-Preis, ein bedeutender britischer Literaturpreis, benannt.“ Wikipedia

Cooper notiert: „Ich bin ihr überhaupt nicht wichtig und sie mir auch nicht sonderlich, aber wir amüsieren uns.“

Ich greife vor. 1935 wird der seit seiner Jugend hoch geschätzte Schriftsteller Kriegsminister, 1937 Erster Lord der Admiralität. Ich sage das nur, weil Cooper an Prominenz alle Kritiker:innen von Neville Chamberlains Appeasement-Politik übertrifft. Nach dem Münchner Abkommen räumt er wütend seinen Kabinettsplatz.

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Capel stirbt 1919 bei einem Autounfall. Coco Chanel begreift sich als Witwe. Sie lässt ihre Möbel schwarz verhüllen. Eine finale Demütigung hält die größte Liebe ihres Lebens noch bereit. Aus der Zeitung erfährt sie von einer weiteren, von Capel testamentarisch bedachten Geliebten, einer italienischen Gräfin.

„Coco ist ein kleines Ladenmädchen, das Großfürsten Künstlern vorzieht.“ Misia Sert

Man muss schon einigermaßen unverfroren sein, um Coco Chanel als Protegé wahrzunehmen, aber auch das gibt es. Misia Sert, geboren 1872 in Sankt Petersburg als Marie Sophie Olga Zénaïde Godebska; gestorben 1950 in Paris, begreift sich als fördernde Muse nicht nur der aufstrebenden Modemacherin, sondern auch ihres Mannes, des spanischen Malers Josep Maria Sert. Die Tochter einer bei der Geburt gestorbenen Belgierin und eines Polen wächst bei der Großmutter, einer gefeierten Cellistin, in der Gegend von Brüssel auf. Die musikalisch begabte Enkelin erhält Klavierunterricht. Modell steht sie Henri de Toulouse-Lautrec, Édouard Vuillard und Pierre-Auguste Renoir. Marcel Proust und Jean Cocteau verewigen sie in Romanen. Paul Morand nennt sie ein „Sammlerin von Genies, die allesamt in sie verliebt sind“.

Im Jetzt der 1920er Jahre führt sie Coco Chanel in die Pariser Gesellschaft ein. Ein Foto zeigt Coco Chanel vor ihrer Pariser Wohnung in der Rue du Faubourg Saint-Honoré. Sie sammelt erste Adresse und Personen ersten Ranges. Den hauptstädtischen Besitz überlässt sie vorübergehend Igor Strawinsky, der sich in einer miserablen Lage befindet. Coco Chanel greift dem Komponisten unter die Arme. Sich selbst quartiert sie als Residentin im Ritz ein.

Die Affäre mit Strawinsky spielt für die Gönnerin keine große Rolle. Ihre Gunst geht über zu dem entmachteten Großfürsten Dmitri Pawlowitsch, einem Cousin des letzten Zaren, Olympiateilnehmer von 1912, Erfinder eines russischen Sportwettbewerbs, der als Spartakiade sowjetisch werden wird, und Komplott-Komplize bei der Ermordung von Rasputin. Eine besondere Bedeutung im System der Entrepreneurin ergibt sich aus dem Umstand, dass Dmitri den Kontakt zum Parfümeur des letzten Zaren herstellt. Ernest Beaux kreiert 1921 Chanel Nº 5.

Die ersten hundert Flakons sind Weihnachtsgeschenke für Premiumkundinnen. Das überschießende Interesse an dem revolutionär-neuen Duft legt eine Geschäftserweiterung nah. Es lohnt sich, an dieser Stelle innezuhalten. Es gibt nämlich etwas zu verstehen.

Im August 1923 stellt Théophile Bader, Eigentümer des aus einem Wäschegeschäft hervorgegangenen, nach der Adressstraße im 9. Arrondissement benannten Kaufhauses Aux Galeries Lafayette, auf der Rennbahn von Deauville den Elsässer Brüdern Pierre und Paul Wertheimer die äußerst selbstwirksame Schöpferin Coco Chanel vor. Person und Marke bilden eine Identität.

Deauville (im Département Calvados) gilt als „Strand von Paris“ und „Königreich der Eleganz“. Der normannische Flecken war ein Schauplatz der Coco & Boy-Ära.

Im April 1924 startet Les Parfums Chanel. An dem Unternehmen halten die Wertheimer siebzig - und Bader zwanzig Prozent. Quelle

Die Namensgeberin ist eine Attraktion, ein Magnet, eine Figur des öffentlichen Trubels. Im Gegensatz zu ihr üben sich die Mehrheitseigner in Zurückhaltung. Sie sind die Produzenten und Verleger des Coco-Chanel-Blockbusters. Sie investieren in ein kreatives Potential, um daraus eine Weltmarke zu destillieren. Das ist eine Wertheimer-Marke.

Coco Chanel funktioniert in diesem Konzept, so wie nach ihr Karl Lagerfeld. Man gibt dem Genie, was es braucht, um alles aus sich herauszuholen.

Fortan fühlt sich die Markengarantin von den Investoren übervorteilt. Sie kämpft, gemeinsam mit Beaux, sogar nach dem Zweiten Weltkrieg weiter gegen Pierre Wertheimer.

1946 wird Coco Chanel vor Gericht mit dem Kollaborationsvorwurf konfrontiert. Die aus dem Schweizer Exil Angereiste verteidigt sich erfolgreich.

Die Familie Wertheimer erwirbt Baders und Coco Chanels Les Parfums Chanel-Anteile. Pierre Wertheimer finanziert die Haute Couture-Kollektion, mit der sich Coco Chanel 1954 in Paris zurückmeldet.

Aus der Ankündigung

Reichtum, Weltpolitik, Genie, Macht, Lebenshunger und Stil: An der französischen Riviera der 30er Jahre vereinen sie sich. Glamouröser Mittelpunkt ist Gabrielle Chanel, ursprünglich aus ärmsten Verhältnissen stammend. Ihre Zielstrebigkeit hat sie reich und berühmt gemacht, in ihrem Landhaus La Pausa empfängt sie Politiker wie Winston Churchill, Schriftsteller wie Bertolt Brecht, Filmmagnaten, Maharadschas, Prinzen, Künstler, Stars. Und alle feiern sich und das Leben.

Für den 1. September 1939 ist die Eröffnung der ersten Filmfestspiele von Cannes angesetzt; Marlene Dietrich ist extra mit Ehemann und Liebhaber angereist. Doch dann marschiert die deutsche Wehrmacht in Polen ein. Selbst den vergnügungssüchtigsten Sommergästen wird klar, was das bedeutet. Und nach Jahrzehnten des Triumphes wird Gabrielle Chanel plötzlich nicht mehr die allerrühmlichste Rolle in der Geschichte spielen.

Auch wenn die Daten, Schauplätze und Begegnungen sorgfältig recherchiert und belegt sind, ist Coco Chanels Riviera so anekdotenreich erzählt, werden die Schicksale so raffiniert miteinander verknüpft, dass man das Buch wie einen spannenden Gesellschaftsroman liest, der noch einmal die Höhepunkte einer Ära beschwört, ehe es zur Katastrophe kommt.

Zur Autorin

Anne de Courcy, geboren in England, arbeitete als Journalistin bei den London Evening News, für den London Evening Standard sowie für die Daily Mail. Sie hat zahlreiche Bücher zu den Themen Geschichte und Gesellschaft verfasst. De Courcy lebt in England.