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2022-06-06 09:56:55, Jamal Tuschick

Ludwig Wittgenstein sagt „Arschgesicht“

„Es gibt immer Menschen, die ihre Schulter unter die zusammenbrechende Welt stemmen.“ Imre Kertész

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„Dämonen, die gern in labile Menschen fahren, treiben sich bevorzugt in der Nähe der Theater und anderer Schauplätze der Enthemmung herum. Tertullian

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„Zu dem Geistigen: Ich denke mir dann immer: haben diese Großen dazu so unerhört viel gelitten, daß heute irgendein Arschgesicht kommt & seine Meinung über sie abgibt.“ Ludwig Wittgenstein, zitiert nach Peter Sloterdijk, „Wer noch kein Grau gedacht hat: Eine Farbenlehre“

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Die ältesten Verehrungsgegenstände sind Darstellungen von Geschlechtsorganen. Die Religionen zogen ihre Linien im Erkennen des Zusammenhangs zwischen Geschlechtsverkehr und Fortpflanzung. Vielleicht hielten sich die Leute zunächst selbst für göttlich in ihrer unparfümierten Struppigkeit. Im magischen Denken von Heranwachsenden überlebt dieser kolonisierte Zipfel des Menschseins vorübergehend. In dem Gedicht Fakten erzählt Franz Dobler wie er als „kleiner katholischer Junge … im tiefsten Wald ein Heft mit nackten Frauen“ versteckt hielt und so etwas besaß, nach dem er sehen konnte. Der Zustand des Heftes spielte eine Rolle für sich. Solche Zusatzgewinne liefern wiederkehrende Motive.

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Der Soziologe Rachid Amirou berichtet, dass in der französischen Hinterwelt einer ruralen Pittoreske Rentner:innen dafür bezahlt werden, als Akteure des Typischen aufzutreten. Zu den Stoßzeiten des täglichen Tourist:innenaufkommens erscheinen sie als unverwüstliche Vertreter:innen des ländlichen Frankreichs. Sie spielen Boule und trinken Pastis. Vor allem jedoch lassen sie sich ohne Zeichen der Gereiztheit fotografieren. In den Rollen von Fotosafariprotagonist:innen schröpfen sie das Ursprüngliche & Eigentliche.

Geben sich die alten Weißen für ein Täuschungsmanöver her? Stecken sie in einem Angriffsgewitter auf ihre Würde? Ist das Kolonialismus in einem ehemaligen Mutterland?

© Jamal Tuschick

Welterschließende Stimmungen

Häuslich, partyallergisch und geradezu ungesellig, sobald es gesellschaftlich wird: so schildert Lucia Diamant Mondrian ihren familiären Nucleus, bestehend aus dem Gatten Michael, dessen Mutter Marian, die als guter Geist eine klassische Rolle spielt, und den Töchtern Caprice-Bijou und Crown. Ab 2005 treibt der kleine Stamm im Mainstream des Washingtoner Establishments auf.

Auf einer Kongresstournee, die von manchen Parlamentarierinnen als Bildungsurlaub mit Kaffeefahrtappeal angesehen wird, verweigert sich Lucia mit den Mitteln einer smarten Sechsjährigen dem Verzehr von Fischgelatine. Sie will kein Aufsehen erregen und niemanden düpieren. Doch der Ekel setzt der Selbstverleugnung Grenzen.

Lucia bereist Russland, die Ukraine und Aserbaidschan. Die Debütantin wandert über einen Raketenfriedhof, der mit leeren SS-24 und SS-25 Hüllen übersäet ist. Sie mustert den Schrott der Abschreckung, der bis eben Westeuropa bedrohte. (Ihr fehlt unser Russland-Horizont.)

Extremistinnen suchen ihre Chancen in Randzonen des erodierten Ostblocks. Lucia besucht ein unbewachtes Lager für biologische Kampfstoffe voller Milzbrand- und Beulenpesterregerinnen, während „Katrina“ den Golf von Mexiko aufmischt und mit zweihundert Stundenkilometern das Festland attackiert. Die Flüsse treten über ihre Ufer und reißen Häuser und Leichen mit sich.