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2022-06-14 08:46:23, Jamal Tuschick

Ikonische Wende

Seit der Erfindung des Kinos sind Bildfolgen transportabel. Das ist der Iconic Turn.

„Während wir uns von Hildegard von Bingen und von den Mädchen, die Walther von der Vogelweide mit Morgenliedern besang, kein Bild machen können, werden die Menschen des beginnenden vierten Jahrtausends in medienarchäologischen Seminaren Elisabeth Taylor in Die Katze auf dem heißen Blechdach mit den epochengemäß konditionierten Augen ihrer Zeit vor sich haben.“ Peter Sloterdijk

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“Success is counted sweetest/ By those who ne’er succeed./ To comprehend a nectar/ Requires sorest need.” Emily Dickinson

Dominique Fortier © Fréderick Duchesne

Ikonischer Raum

Ihren Geburtsort machte sie zum Schauplatz eines unauffälligen Lebens. Ein Gouverneur der Pionierzeit gab der Kleinstadt in Massachusetts ihren Namen. Jeffrey Amhersts genozidale Einstellung gegenüber der First Nation sichert dem Großkolonisten ein übles Andenken im kollektiven Gedächtnis; während Amhersts berühmteste Bürgerin von jeder Generation aufs Neue dem Vergessen entrissen wird. Eine philologische Prozession durchquert die Jahrhunderte. Sie verehrt, memoriert und exegiert ein von keinem Kulturbetrieb stimuliertes und deformiertes Werk und dessen zu Lebzeiten als Schriftstellerin kaum in Erscheinung getretene Urheberin Emily Dickinson (1830 - 1886).

Dominique Fortier, „Städte aus Papier. Vom Leben der Emily Dickinson“, aus dem Französischen von Bettina Bach, Luchterhand, 20,-

Es existiert nur eine authentifizierte Aufnahme der Bodenständigen. Dominique Fortier beschreibt die Ansicht in ihrem Porträt, das sich szenisch aus poetischen Schnappschüssen zusammensetzt und sich als ein Wechselspiel von Annäherung und Anverwandlung darstellt. Die Autorin klinkt sich ein. Sie malt sich in ein gemeinsames Bild mit Emily Dickinson. Sie veröffentlicht Skrupel und potentielle Versäumnisse. Soll sie nach Amherst fahren und sich in den beiden, in Museen verwandelten Häusern, umsehen, in denen die andere viktorianisch-calvinistisch aufwuchs?

Das Foto scheint mit jeder Linie eine naheliegende Vermutung zu stützen: dass Emily Dickinson idealtypisch in ihrem „ikonischen Raum“ (George Saunders) existierte; dass sie in ihrer Verschwiegenheit auf die exemplarischste Weise Schriftstellerin war.

Im Präsens von Damals

Als Tochter eines politisch rührigen Anwalts und Enkelin eines gründerväterlichen, als Senator nobilitierten Großvaters besucht sie Keimzellen koedukativer und geschlechtlich segregierender Bildung: von 1840 bis 1847 die Amherst Academy, und dann, für die Dauer eines Jahres, das 1837 von Mary Lyon gegründete Mount Holyoke Female Seminary in South Hadley. Nur zu diesem Zweck erweitert die Elevin ihren räumlichen Radius.

Siebzehn Kilometer (elf Meilen) liegen zwischen Amherst und South Hadley.

We have a very fine school. There are 63 scholars. I have four studies. They are Mental Philosophy, Geology, Latin, and Botany.

Emily Dickinson an Abiah Root 1845 Quelle

Fortier weiß von einem Ausflug, der ihre Heldin als Fünfjährige in die Obhut einer Bostoner Tante führt, deren Zorn die selbstbewusste Nichte erregt. Im Weiteren füttert Emily Vögel mit Krümeln. Eine lyrrische Kollaboration bahnt sich im Dialog mit einer Wanderdrossel an.

Strafe als Gnade und Wohltat

Erhält Emily Stubenarrest, ist das niemals eine Strafe. „Allein (zu sein) mit ihren Gedanken in der Stille eingeschlossen“, erfüllt lediglich die Bedingungen jeder produktiven Klausur. Eine kurze Gerade führt vom Exerzitium zur Ekstase.

Fortier wählt einen familiären Ton. Der Leser folgt Emily über den Parcours zumal ihrer häuslichen Abenteuer. Das sind Kammerspiele in jedem Fall.

Emilys Geschwister Lavinia und Austin erleben die Schwester auch als übermütigen Poltergeist. Das vom Kindheitsflaum gepolsterte Genie freut sich über den ersten Schnee. Es zeigt sich dem Vater als entschlossene Gegnerin. Seine Beschwerden werden mitunter abgeschmettert.

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Emily Dickinson lebt mit einem Anspruch, der sich in den elterlichen Wohnungen eine eigene Topografie schafft. Sie stirbt in ihrem Geburtshaus, dem von ihrem sagenhaften Opa erbauten, von der Familie temporär aufgegebenen, dann aber wie eine Burg zurückeroberten „ersten gemauerten Haus am Ort“. In der Ära des Ahnen bestimmte eine Wildnis das Umgebungsbild, die als angestammter Jagdgrund der Norwottuck ihren Platz in einer anderen Geschichte hat. In den Prozessen kolonialer Verdrängung ergaben sich die Voraussetzungen für ein stilles, wenn nicht solipsistischen Dichterinnendasein in dem standfesten, die Zeiten überdauernden Stammsitz an der Hauptstraße von Amherst.

Der mit einem minderen Quartier in Friedhofsnähe verbundene, vorübergehende Niedergang der väterlichen Karriere behält eine biografische Signalwirkung über das Desaster hinaus. Der Gegensatz zwischen dem dynastischen Aplomb, als eine Dickinson nur in Dickinson’s Homestead kein falsches Leben zu führen, und dem Wilden Westen vor der Haustür, könnte nicht größer sein. Emilys Daseinsbegriffen gleichen einem Vorgriff auf das amerikanische 20. Jahrhundert.

Durch die Hintertür der Kunst

Fortier äußert sich wiederholt zu Emilys Herbarium. Interessant finde ich die Einordnung von Maria Popova:

“In an era when the scientific establishment barred and bolted its gates to women, botany allowed Victorian women to enter science through the permissible backdoor of art.” Quelle

Bald mehr.

Aus der Ankündigung

Dichterin von Weltformat. Feministische Ikone. Eine der ungewöhnlichsten Frauengestalten des 19. Jahrhunderts. Wer war Emily Dickinson wirklich?

Die preisgekrönte kanadische Schriftstellerin Dominique Fortier zeichnet das Leben der »Einsiedlerin aus Amherst« nach, einer der faszinierendsten Schriftstellerinnen des 19. Jahrhunderts. »Eine einfühlsame Hommage an die geheimnisvolle amerikanische Dichterin.« Le Figaro

Emily Dickinson wurde 1830 in der Kleinstadt Amherst in Massachusetts geboren und starb 56 Jahre später im selben Haus. Sie trotzte den gesellschaftlichen Erwartungen ihrer Zeit, war nie verheiratet, hatte keine Kinder und verbrachte ihre letzten Jahre, ganz in Weiß gekleidet, zurückgezogen in ihrem Zimmer. Dort schrieb sie Hunderte von Gedichten, die sie nie veröffentlichen wollte – betörend schöne Zeilen über die Natur, über Einsamkeit, Schmerz, Glück, Ekstase, Liebe, den Tod und darüber, dass sie sich als Frau oft fehl am Platz fühlte.

Dominique Fortier, 1972 geboren, zählt zu den wichtigsten Stimmen der franko-kanadischen Literatur. Für ihren Roman »Au péril de la mer« erhielt sie den Prix littéraire du Gouverneur Général, den höchsten Literaturpreis des Landes. »Städte aus Papier« wurde 2020 mit dem Prix Renaudot Essai ausgezeichnet. Dominique Fortier lebt in Montréal.