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2022-06-15 07:54:11, Jamal Tuschick

„Kein Eisenerz dringt so tief in das Menschenherz wie ein richtig gesetzter Punkt.“ Issak Babel

Schwacher Hochmut

Unter der interessanten Überschrift Dritte Digression: Von Grau und Frau kolportiert Peter Sloterdijk in seiner Untersuchung Wer noch kein Grau gedacht hat: Eine Farbenlehre: „Daß zu einem wohlgeratenen Roman, wäre es auch einer ohne Helden, ein zynisches Kapitel gehören kann, das nicht notwendigerweise leichtsinniger oder sittenwidriger sein müßte als das übrige Buch-Geschehen, wissen die Leser von William Thackerays Vanity Fair, dem kompendiösen Gesellschaftsroman aus dem Jahr 1848, in dem die Zeitgenossen der seit 1837 regierenden Königin Viktoria … lernen konnten, sich selbst zu erkennen und zu begähnen.“

„Und zu begähnen.“ Ist das nicht treffend gesagt?

*

„Einfach, klar, elementar.“

So charakterisiert Georges Saunders jene in einer „Hochphase des Genres“ entstandenen Geschichten, die ihm seit zwanzig Jahren zum Glück verhelfen. Er exegiert „sorgfältig gebaute, maßstabgetreue Modelle der Welt“, die sich bewohnen lassen.

Eine Topografie des Glücks

Saunders unterrichtet an der Syracuse University Kreatives Schreiben. Der Autor und Lehrer beschreibt einen besonderen Raum im akademischen Rahmen: einen Spielraum des Glücks; einen Ort der Freude und mühelosen Gegenwärtigkeit.

George Saunders, „Bei Regen in einem Teich schwimmen. Von den russischen Meistern lesen, schreiben und leben lernen“, auf Deutsch von Frank Heibert, Luchterhand, 542 Seiten, 24,-

Das Programm übertrifft die Marken des pädagogischen Eros und der epikureischen Sensationen. Die Poesie entsteht im Begreifen des Wie.

Wie funktioniert Erzählen? Wie lässt sich narrative Statik errechnen?

Den Radius der Studierenden erweitert Saunders mit längst kanonisierten Lektüreübungen. Die Ausbildung dreht sich um russische Kurzgeschichten des 19. Jahrhunderts. Entstanden seien sie, so der Autor, in einer

Hochphase des Genres.

Ein Regime der Beschränkungen bestimmt den Kurs. Saunders konzentriert sich und die Debütant:innen auf Tschechow, Turgenjew, Tolstoi und Gogol.

In Erzählungen, die „still, häuslich und unpolitisch“ sind, erkennt Saunders einen Geist des Widerstands. Seine Helden waren „progressive Reformer in einer repressiven Kultur“.

*

Der Autor liefert einen Ausblick auf seine eigene Leserlaufbahn. Als Sohn eines mit Geschichtswissen beschlagenen, in Mehrfachaufgabenperformanz unschlagbaren, sachbuchsüchtigen Pfarrers, kommt Saunders über eine väterliche Empfehlung des „Hobbits“ zum ersten Erweckungsgenuss. Der Heranwachsende bleibt Büchern gegenüber steifnackig. Er studiert Ingenieurwesen in Colorado. Seine Initiation als erwachsener Leser verdankt Saunders einem Feierabend-Blues am Rand eines Ölfeldes in Amarillo.

Tony Christie, Amarillo, 1971 ... “When the day is dawning,/ On a Texas Sunday Morning” …

Eingebetteter Medieninhalt

Saunders verschlingt John Steinbecks 1930er Jahre-Depressions-Saga Früchte des Zorns. Mitten in der Prärie „erwachte der Roman zum Leben“.

„Ich begriff, dass ich in einer Verlängerung der fiktionalen Welt arbeitete.“

Saunders realisiert die Erschöpfung von Steinbecks Tom Joad als seine eigene. Die Transformationen sind bilateral. Die Literatur verdichtet sich im Lektürespektrum. Der prosaische Alltag gewinnt narrative Dimensionen allein in der Verstärkung des Lesens. Das ist so, als hätte man plötzlich ein paar Muskeln mehr, wissend, dass andere nicht den Weg zum Krafttrog finden.

Joad wird zum Kumpel, der „vom kapitalistischen Koloss zermalmt wurde“; so wie Saunders selbst im Begriff steht, in den Pressen der Macht pulverisiert zu werden.

Saunders entdeckt die russische Literatur. Sie räumt ihn auf. Plötzlich findet sich Saunders in einem Dschungel von Möglichkeiten wieder.

Anti-Akademischer Impetus

Der Autor tritt in einen Dialog mit dem Leser ein. Zuerst widmet sich Saunders Tschechows, 1897 erstmals publizierter Erzählung „Auf dem Wagen“. In der Handlungsgegenwart überrollt das Frühjahr einen harten Winter. Die Lehrerin Marija Wassiljewna kann der thermischen Euphorie nichts abgewinnen. Vom Missmut erschöpft, fährt sie, chauffiert von einem Kutscher namens Semjon, ihrem Dorf Wjasowje entgegen. Sie war in der Kreisstadt, wo sie ihr Gehalt empfangen und Einkäufe erledigt hat.

Man ahnt eine triste Routine, und den stummen, von einem schwachen Hochmut geleiteten Widerstand gegen einen zähen Alltag.

Die Heldin wuchs als Kind besserer Leute in Moskau auf. In Wjasowje fühlt sich deplatziert.

Nun fragt Saunders, wie mir die Eröffnung „schmeckt“. Er stellt Fragen und erwartet Antworten wie von einer Kursteilnehmerin. Mich amüsiert der didaktische Vorwitz. Saunders analysiert Formulierungen. Er zeigt, wie leicht sich eine alternative Stimmung heraufbeschwören lässt. Er will, das ich verstehe, wie sehr Tschechow auf jede Silbe und auf jedes Komma pocht. Auch wenn jede Lesende die Leserin ihrer selbst ist (Marcel Proust), steht für Saunders fest, dass Tschechow sich mit der Absicht trug, seinen Ansichten einen, jeder Interpretation übergeordneten Ausdruck zu geben; die Sache also auf eine bestimmte Weise verstanden wissen wollte.

Folglich spielen die Intensionen des Autors eine Rolle, das Diktum „Jedes Kunstwerk beginnt da, wo die Intentionen seiner Urheberin aufhören“, ich glaube, Adorno hat das gesagt, gilt nicht.

Gleichzeitig postuliert Saunders beinah das Gegenteil, wenn er sagt, die Erzählung sei vor der Lektüre „leer“. Das wirft die Frage auf, was ist ein Gemälde von Caravaggio außerhalb der Öffnungszeiten seines Schauplatzes. Welchen Wert messen Außerirdische einem Caravaggio bei? Was sehen sie?

Sind wir nicht alle Außerirdische in der Tschechow-Erzählung. Muss man uns nicht auch erst erklären, dass das große Kunst ist?

*

Saunders erkennt „eine radikale Verengung“ des Einstiegs. Er wägt die Erwartungen der Heldin. Die Verstimmte erlebt eine Begegnung mit dem Gutsherrn Chanow, der mit einem Vierspänner aufholt. Der Honoratior grüßt mit höfischer Grandezza.

Aus der Ankündigung

Wie funktionieren gute Geschichten, wie schreibt man sie und was erzählen sie uns über unsere Welt: George Saunders führt den Leser durch sieben klassische Kurzgeschichten der russischen Meister Tschechow, Turgenjew, Tolstoi und Gogol, so wie er es zwanzig Jahre lang mit seinen Studenten im Creative-Writing-Programm machte. Und es ist unglaublich, wie unterhaltsam, witzig und erhellend Lernen bei George Saunders ist. Während er uns erklärt, wie Literatur funktioniert, fangen wir an, die Welt mit anderen Augen zu sehen, erkennen, dass gute Literatur moralische und ethische Vorstellungen beeinflussen, ja Leben verändern kann.

Die Geschichten sind in voller Länge abgedruckt: Anton Tschechow, Auf dem Wagen, Herzchen, Die Stachelbeeren; Iwan Turgenjew, Die Sänger; Leo Tolstoi, Herr und Knecht, Aljoscha der Topf; Nikolai Gogol, Die Nase.

»Es ist ohne Übertreibung das beste Buch über das Schreiben, das ich jemals gelesen habe.«

Daniel Kehlmann / Süddeutsche Zeitung (19. Mai 2022)

Zum Autor

George Saunders wurde 1958 in Amarillo, Texas, geboren und kam erst auf Umwegen zur Literatur. Er studierte Geophysik, arbeitete auf den Ölfeldern in Sumatra und schlug sich nach seiner Rückkehr als Türsteher, Dachdecker und Schlachthausgehilfe durch, bevor er Literatur studierte. Inzwischen hat er mehrere Bände mit Kurzgeschichten, einen Essayband und ein Kinderbuch veröffentlicht, lehrt Creative Writing an der Syracuse University und wurde u.a. 2006 mit dem MacArthur „Genius Grant“ und dem Guggenheim Fellowship, 2009 mit dem Academy Award der American Academy of Arts and Letters ausgezeichnet, erhielt 2013 den PEN/Malamud Award und 2014 den Folio Prize. George Saunders gilt als einer der besten Shortstory-Autoren der Gegenwart und neben David Foster Wallace als einer der bedeutendsten modernen Autoren Amerikas. Er lebt mit seiner Frau und zwei Töchtern in Oneonta, New York. Das Echo auf seinen ersten Roman »Lincoln im Bardo« war überwältigend: Man Booker Prize 2017, Shortlist für den Golden Man Booker Prize, Premio Gregor von Rezzori 2018, New York Times-Nr.1-Bestseller, SWR-Bestenliste Platz 1 und SPIEGEL-Bestseller.