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2022-06-15 08:01:31, Jamal Tuschick

„Das große Karthago führte drei Kriege. Es war noch mächtig nach dem ersten, noch bewohnbar nach dem zweiten. Es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten.“ Bertolt Brecht

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„Rom hat Karthago weitergedacht.“ Siegried van Houten

© Jamal Tuschick

Der Griff an die Kehle

Sie ist plattgemacht worden. Man hat sie durch sämtliche Höllenkreise der Erniedrigung gejagt und dann, zusammengestaucht und, um die Vernichtung perfekt zu machen, absichtlich schlecht rasiert, ihrem Schicksal überlassen. Patience, der es einst gelang, sich der kulturrevolutionären Erziehung durch vorauseilende Unterwerfung zu entziehen, lässt Siegrieds Anblick an Fellinseln dilettantisch abgeernteter Schafe denken.

Die blessierte Erscheinung der Geschorenen rührt sie.

Doris und ihre Kriegerinnen, so nennen sie sich, ich (die Allwissende) nenne sie Kriecherinnen, bereit den Schleim ihrer Herrin auf dem Zungentablett zu präsentieren und dann zu schlucken, beachten Siegried kaum. Sie wähnen sich in einem Interregnum. Die hart Ermahnte kann nach ihren Begriffen und Erfahrungen nur vollständig untergehen oder auf einer tiefen Stufe ihren Bewährungsdienst antreten. Niemand findet es nötig, die Sache zu beschleunigen. Ob das Tier stirbt oder humpelnd gehorcht, spielt keine Rolle in diesem Internatstheater.

Siegried wurde relegiert, muss aber trotzdem bleiben. In diesem Stall (Internatsjargon) bestimmen engagierte Schülerinnen, wo es lang geht. Sie erzwingen Duldungsstarre beim Lehr/Leerkörper. Sie entmachten das Personal und ermächtigen sich wie in einem Atemzug. Vielleicht ist das eine unzulässige Feststellung. Die Eltern der chefigsten Schülerinnen sind die Hauptmäzenatinnen der Schule.

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„Eins, zwei, drei, vier Fleckstein,/ die Blöße muss versteckt sein.“

Reime beweisen gar nichts. Und doch spielten sie eine große Rolle auf dem langen Weg zur perfekt konservierten Erinnerung, den wir im Zug der Digitalisierung unbemerkt schon wieder verlassen haben. Das alte Wissen verkommt zu Data Garbage.

Mit Siegried hätte man im viktorianischen Zeitalter ein Herbarium aufbauen und so kultivieren können, wie Emily Dickinson es tat. Interessant finde ich eine Einordnung von Maria Popova:

“In an era when the scientific establishment barred and bolted its gates to women, botany allowed … women to enter science through the permissible backdoor of art.” Quelle

Der Griff an die Kehle

Siegried stellt Somnambulismus zur Schau. Sie schlafwandelt in der Menge, sich den Anschein einer Beschämten gebend. In Wahrheit ist sie über den Punkt hinaus. Doch noch immer spürt sie den Griff an die Kehle. Die Hände der Anführerin, Doris von Rosenørn, nach Sofja Perowskaja Sofja, die Schreckliche genannt, haften an Siegried. Sie gehen nicht ab. Im Traum erscheint ihr eine Gestalt ohne Ähnlichkeit mit Sofja, die sich ihr auf den Hals setzt. Siegried erwacht mit der Angst zu ersticken.

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Bei jeder Gelegenheit absentiert sie sich. Längst kennt sie jeden Meter des Labyrinths im toten Trakt der Schulhölle. Gerade erwägt sie das Für und Wider einer Komplizenschaft mit Patience. Dass Patience es ernst meint mit ihrer persönlich vorgetragenen, von poetischen Valenzen illuminierten Freundschaftsanfrage, beweist der geschorene Kopf. Seit Siegried von Sofja rasiert wurde, zeigt sie sich der bösen Welt kahl.

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Patiences Anverwandlung ist ein unerhörter, noch nie dagewesener Protest; etwas, dass in dieser Schule auf keinen Fall Schule machen darf. Sofja bespricht sich mit ihrer Stellvertreterin auf Erden, Diana van Dyre.

Die Herrscherinnen tagen an dem Stehpult auf einer Plattform, vor der sich die Treppe zum Tattersall* gabelt.

*„Häufig wird Tattersall synonym für Reitbahn oder Reithalle benutzt.“

An der Oxenstierna, so benannt nach ihrer Gründerin, einer schwedischen Ritterin aus Småland, heißt das Atelier de Ballet von jeher Tattersall. Vielleicht wissen Sie, dass man so traditionell ein Unternehmen zum Kauf und Verkauf von Pferden bezeichnet. Die Bedeutungsspitze verdient es, mitgedacht zu werden; denn, ganz so wehrlos, wie sich die Schulleitung geriert, ist das dreiköpfige, von Trixi Västervik überragte Direktorium nicht. Trixi kennt die Mütter der Vandalinnen seit der gemeinsamen Kindergartenzeit. In dieser Perspektive erscheinen Sofja, Diana und ihre Komplizinnen nicht bloß als hemmungslose Sadistinnen, die sich unter dem schwarzen Stern der Anarchie berufen fühlen, Terror zu verbreiten. Vielmehr verbinden sich mit den raubeinigen Elevinnen Hoffnungen der Eltern und Lehrerinnen, die jede Opposition gegen die Gemeinen in den Untergrund verbannt.