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2022-06-16 08:07:33, Jamal Tuschick

Schrottreife Zeiten

„Wir leben in schrottreifen Zeiten“, sagt Ece Temelkuran. Sie erinnert einen Morgen im ersten Frühling der Pandemie. Die Erbärmlichkeit der Verhältnisse ließ die Autorin konstatieren:

Wir stehen Anfang des 21. Jahrhunderts wie der Müll der Menschheitsgeschichte da.“

Das verheerende Fazit teilt sich den publizistischen Kontext mit einem herrlichen Ausblick, der zugleich Postulat ist:

„Das Weibliche im 21. Jahrhundert kann Macht durch Stärke ersetzen. Eine moralische Revolution, wenn man so will.“

*

Ece Temelkuran, geboren 1973 in Izmir, ist Juristin, Schriftstellerin und Journalistin. Als Gegnerin der Erdoğan-Regierung verlor sie ihre Stelle bei einer großen türkischen Tageszeitung. Ihr Roman Was nützt mir die Revolution, wenn ich nicht tanzen kann wurde in zweiundzwanzig Sprachen übersetzt und erschien 2014 im Atlantik Verlag. Bei Hoffmann und Campe erschien u.a. Euphorie und Wehmut. Die Türkei auf der Suche nach sich selbst (2015) und der Roman Stumme Schwäne (2017).

Ece Temelkuran vor dem Roten Salon der Berliner Volksbühne © Jamal Tuschick

Neue Form des Faschismus

Wie Paul Mason, registriert und analysiert Temelkuran eine „neue Form des Faschismus“. Das Neo-Format führe „einen globalen Krieg gegen die Grundlagen der Vernunft“. Gleichzeitig alarmiert uns die Autorin:

„Die Repräsentanten des radikal Männlichen sind … aktiviert worden … Gut möglich, dass es Krieg gibt. Wahrscheinlich werden wir lernen müssen, Kriegerköniginnen zu sein.“

Temelkuran führt aus:

„Es gibt einen weltweit verbreiteten geifernden Frauenhass, dessen Entfesselung nicht zufällig (geschieht).“

Die Angriffe nennt Temelkuran „raffiniert, aber verheerend“. Die Adepten der Misogynie „sind destruktiv in ihrer Dummheit … selbstgerecht in ihrer Unzulänglichkeit“.

„Doch wir sind bereit … das kollektiv Weibliche, das als ein einziger Körper agiert, (zeigt sich entschlossen) den bisher größten Angriff auf alles Weibliche zu beantworten.“

Ece Temelkuran, „Wille und Würde. Zehn Wege in eine bessere Gegenwart“, aus dem Englischen von Michaela Grabinger, Hoffmann und Campe, 22,-

Temelkuran kontert die düsteren Aussichten mit Optimismus. Sie verbindet einen großen politischen Bogen mit kleinen anekdotischen Brücken.

Da gab es eine Schublade in der elterlichen Wohnung: als Refugium für Gegenstände, die zwar vorderhand ausgedient hatten, denen man aber ein Weiterleben magisch zutraute. Temelkuran vernahm die (für andere unhörbare, für sie indes unerträgliche) „Klage der Dinge“; (einen) verstörenden Schrei der Ausgestoßenen“.

Schließlich integrierte die Künstlerin als Kind die Kleinode in einer Assemblage. Sie spricht von einer „Art Rettungsaktion“. In diesem Geist will sie Wille und Würde verstanden wissen. Das Werk changiert zwischen Manifest, Analyse und szenischer Autobiografie.

735 Straßenkilometer liegen zwischen Ankara und Trabzon

Temelkuran streift Stationen ihrer Laufbahn. Ihr abenteuerliches Herz verlangt leidenschaftliche Scherze. Als Studierende in Ankara animiert sie Kommilitoninnen auf einem Busbahnhof zu einer überstürzten Abreise. Das vom Zufall bestimmte Ziel erreicht die Gruppe zwölf Stunden später. In Trabzon am Schwarzen Meer filzen die Hauptstädterinnen einen Flohmarkt, der sich als Resterampe des gerade in die Binsen gegangenen Sowjetregimes präsentiert. Temelkuran entdeckt jede Menge „Souvenirs des gescheiterten Sozialismus“. Militärische Orden fungieren als „coole Accessoires“ an den Jacken der Jeunesse dorée. Während die einen „ihr Leben verhökern“, feiern die Unbeschwerten das Leben.

Kara Deniz - Schwarzes Meer

Otobüs - Bus

Bilet Fiyatları - Ticketpreis

Ein Mann spricht Temelkuran an, die Studierende für eine russische Sexarbeiterin haltend. Als sie ihn aufklärt, entschuldigt er sich. Die Autorin resümiert:

„Ich hatte das Glück, Tochter einer … lebensfähigen Ideologie zu sein: des Kapitalismus. Somit war ich nicht auf dem Markt. Ich war in Sicherheit.

Die Frauen auf dem Basar ließen sich plötzlich nicht mehr von der ausgelegten Ware unterscheiden; ihre Preisschilder waren sichtbar geworden.“

Ece Temelkuran im Gespräch mit Dilek Güngör © Jamal Tuschick

Keine mediterrane Eskapade

Temelkuran fragt sich, wie „ein Flohmarkt des zusammengebrochenen Kapitalismus“ aussähe. In Silvio Berlusconi erkennt sie den Schrittmacher und Wegbereiter des neuen Faschismus. Als man Berlusconis politischen Durchmarsch allgemein noch für ein Intermezzo und eine „mediterrane Eskapade“ hielt, habe Italien „als erstes europäisches Land die scharfe geschichtliche Wende“ vollzogen.

Nicht mal mehr küssen

In ihrer Analyse „Euphorie und Wehmut“ erinnert Temelkuran an den Anfang von Erdoğans Partei gewordene Bewegung „für Gerechtigkeit und Aufschwung“. Deren Parteigänger:innen nennen sich „die Tugendhaften“. Ihrem Führer folgen sie mit religiöser Leidenschaft. Als ihr Präsident sie in der Putschnacht des 15. Juli 2016 auf die Straßen des Landes rief, kamen sie zuhauf und in Scharen. Das waren Scharen in Schlafanzügen. Sie traten gegen die Panzer der Putschisten und verfluchten die zum Umsturz befohlenen Rekruten. Sie verkörperten und verkörpern das Anti-Taksim-Programm. Auch Taksim war und ist Aktivismus im Spektrum der Neuen Sozialen Bewegungen. Ein Slogan lautet: „Wir wollen der Welt zeigen, wie schön wir demonstrieren können.“

Taksim-Trennungen

Eine Freundin der Chronistin ließ sich scheiden, weil ihr Mann, ein Hedgefonds-Manager, sich jenem Widerstand verweigerte, den die Welt mit einem Istanbuler Park assoziiert. Allerdings tauchte der Trennungsgrund in der offiziellen Liste nicht auf, da er (offenbar) peinlicher war als ein Eingeständnis von schlechtem Sex. Die reaktionäre Zurückhaltung des Finanzhais löste im Endspiel der Ehe „Ekel“ bei der Gerade-noch-Gattin aus.

„Ich (konnte) ihn nicht mal mehr küssen.“

„2013 gingen die Ehen und Beziehungen mehrerer Freunde und Bekannter … aus den gleichen Gründen in die Brüche.“

„Würstchen“ nennt Temelkuran jene, die sich „in ihren Burgen verschanzen“, aus Angst vor einer rau aufschäumenden Wirklichkeit. Offensichtlich ist der Appellcharakter ihres aktuellsten aktivistischen Abrisses. Die Autorin wirbt für eine engagierte und beteiligungsfrohe Haltung. Sie beschreibt die Bedingungen, in der eine Demokratie verdirbt. Zu der - sämtliche Totalisierungsprozesse befeuernden - Regression zählt die Fiktionalisierung der Wirklichkeit. In diesem Kontext gewinnen Verschwörungstheorien die Bedeutung von Erkenntnissen. Man subsumiert eine wissenschaftliche Erklärung unter „die vielen Narrative, als eine von vielen Wahrheiten“. So wird die Realität zur Standortfrage in Abhängigkeit von der Intelligenz.

Temelkurans Betrachtungen vereinen Scharfsinn mit Sendungsbewusstsein und Sentimentalität. Die in der Türkei geschasste und in die Umlaufbahn der Weltbürgerschaft gefeuerte Autorin kassierte die Höchststrafe für Journalist:innen. Hundert Jahre Ruderdienst auf einer Galeere der Wahrheitsfindung.

Dazu bald mehr.

Ich erinnere an einen älteren Titel der Autorin

Was nützt mir die Revolution, wenn ich nicht tanzen kann. Der Titel variiert ein Zitat der russischen Feministin Emma Goldman: If I Can‘t Dance, I Don‘t Want To Be Part of Your Revolution. Die interne Revolte individualisiert vier Frauen im Arabischen Frühling. Der Zufall hat sie in Tunis zusammengewürfelt. Gemeinsam reisen sie in das schwer erschütterte Libyen. Die Älteste beherrscht die kleine Gesellschaft im Land der Imazighen. Madame Lilla beruft sich auf die Macht eines Liebhabers vergangener Tage. Der greise Verehrer gehört zum Volk der Tuareg. Sein Gesicht ist indigoblau.

Ece Temelkuran, „Was nützt mir die Revolution, wenn ich nicht tanzen kann“, aus dem Türkischen von Johannes Neuner, Roman, Atlantik Verlag, 22,-

Aus der Ankündigung

Eine Handlungsanleitung für ein würdevolles Leben auf unserem Planeten

Die vielfach ausgezeichnete Autorin Ece Temelkuran blickt auf unsere Gegenwart: Ratlosigkeit und Verzweiflung, Würdelosigkeit, wohin man schaut. Schluss damit, fordert sie und fragt: Was tun? Wille und Würde ist ihre Antwort, eine Handlungsanleitung in zehn Schritten, voller Optimismus und Hoffnung.

Unsere Welt befindet sich in einer Schräglage. Die Gesellschaften leiden unter frappierenden Ungerechtigkeiten. Waldbrände und Überschwemmungen liefern den letzten Beweis für die verheerende Klimakatastrophe. Die Pandemie zeigt, wie prekär die Volkswirtschaften sind, und der chaotische Truppenabzug aus Afghanistan deckt schonungslos auf, wie verantwortungslos mit Menschen umgegangen wird. Die Machthaber ringen nach Antworten, oft sind sie selbst das Problem.

Wohin mit unserer Verzweiflung? Ece Temelkuran legt mit Wille und Würde ein klares neues Narrativ vor, nicht für eine idealisierte Zukunft, sondern für die Gegenwart, eine Aufforderung in zehn Schritten. Es gilt jetzt, unsere Würde wiederzufinden. Dafür müssen wir entschlossen handeln, Kraft schöpfen aus der Angst und Vertrauen gewinnen. Für eine Welt, in der Menschlichkeit an erster Stelle steht.

Zur Autorin

Ece Temelkuran, geboren 1973 in Izmir, ist Juristin, Schriftstellerin und Journalistin. Aufgrund ihrer oppositionellen Haltung und Kritik an der Regierungspartei verlor sie ihre Stelle bei einer der großen türkischen Tageszeitungen. Ihr Roman Was nützt mir die Revolution, wenn ich nicht tanzen kann wurde in zweiundzwanzig Sprachen übersetzt. Bei Hoffmann und Campe erschienen zuletzt die Sachbücher Wenn dein Land nicht mehr dein Land ist oder Sieben Schritte in die Diktatur (2019), Euphorie und Wehmut. Die Türkei auf der Suche nach sich selbst (2015) und der Roman Stumme Schwäne (2017).