MenuMENU

zurück zu Main Labor

20.06.2018, Jamal Tuschick

Manuel Gogos - Unter Kreidefressern - Im Gespräch mit Identitären

Was verschleiert der Begriff Ethnopluralismus?  

Schaust du die Artedokumentation „Unter Fremden. Auf dem Weg zu Europas Neuen Rechten“ aus dem Jahr 2016, treffe ich auf Minute 24:14 gemeinsam mit meinem Kollegen Jakob Kneser in Wien auf Martin Sellner. Der Chef der identitären Bewegung Österreichs zeigt sich vor der Kamera mit Hipsterbrille, beredt und sonst begabt, ganz mustergültig auch mit seinem klassischen Rauten-Pull-Over. Sellner, der Prototyp eines Identitären, als wären sie ihm alle aus der Rippe geschnitten, aus der DNA geschlüpft:

Insofern ist die identitäre Bewegung auch eine derart revolutionäre Wende...“ – Die identitäre Bewegung als Sammelbecken einer Jugend, die sonst nicht weiß wohin mit ihrem patriotischem Idealismus? Versammelt unter der Pathosformel „Identität“ – einer „reinen“ Projektionsfläche zwar, die sich aber gut zu eignen scheint zur je eigenen Aufladung mit Sinn? Sellner zeigt sich sichtlich bemüht, seine IB zur „Bewegung“ aufzublasen und zu einer Art rechter „NGO“ zu recht zu wienern. In Österreichs Umgangssprache kann Schmäh so gut „Trick“ und „Schwindelei“ bedeuten wie auch eine „verbindliche Freundlichkeit“ meinen. Dabei heißt „Schmäh“ – über das Jiddische abgeleitet vom Hebräischen „Schma“ wie „Schma Jisrael“– eigentlich „Höre“, wie „Höre, Israel!“ oder „Höre die Geschichte!“ 

Es war einmal eine alte Geiß, die hatte sieben junge Geißlein, und hatte sie lieb, wie eine Mutter ihre Kinder lieb hat. Eines Tages wollte sie in den Wald gehen und Futter holen, da rief sie alle sieben herbei und sprach: „Liebe Kinder, ich will hinaus in den Wald, seid auf der Hut vor dem Wolf! Wenn er hereinkommt, frisst er euch alle mit Haut und Haar. Der Bösewicht verstellt sich oft, aber an der rauen Stimme werdet ihr ihn schon erkennen.“

Im Gespräch in einem Wiener Cafehaus wirkt Sellner anstellig, direkt zugewandt – gern wollte man ihm all das glauben, den Ausstieg aus der Neonazi-Szene, und dass in ihm die gute über die böse Macht obsiegt. Man muss die Geister unterscheiden lernen, auch die im Sellner wirksam sind. Und so stellen wir im Film an dieser entscheidender Stelle(28:48) die Rotkäppchen-Frage:

„Ist Sellner tatsächlich aus der Neonaziszene ausgestiegen? Oder war das nur ein geschicktes Täuschungsmanöver? Hat der Wolf Kreide gefressen?“

Es dauerte nicht lange, so klopfte jemand an die Haustür und rief: „Macht auf, ihr lieben Kinder, eure Mutter ist da und hat jedem von euch etwas mitgebracht!“ Aber die Geißlein hörten an der rauen Stimme, dass es der Wolf war. „Wir machen nicht auf“, riefen sie, „du bist unsere Mutter nicht, die hat eine feine und liebliche Stimme; aber deine Stimme ist rau, du bist der Wolf!“

Heute stehen Sellner und seine Bande vor Gericht. Grazer Staatsanwälte müssen durch unzählige Videos klicken, die die Identitären permanent produzieren. Sie haben mein Mitgefühl, diese Ermittler auf ihrer Suche nach extremistischem Content. Ich hoffe, sie sind gut vorbereitet. Denn Identitäre sehen nicht aus wie Nazis, hören nicht dieselbe Musik, verwenden nicht dieselben Bilder. Darum eben sind sie ja auf dem Sprung raus aus dem rechten Ghetto, weil sie ihre Botschaften im Gewand von Filmen, Serien und Comics verbreiten, mit denen auch die anderen Vertreter ihrer Generation aufgewachsen sind. Sellner hat eine ganze Artikelserie über mögliche Anschlüsse identitärer Positionen an die Popkultur geschrieben. Zum Beispiel über die blauen Eingeborenen aus dem US-amerikanischen Science-Fiction-Film „Avatar“. Ausgerechnet den Kampf der blauen Katzenmenschen gegen aggressive weiße Invasoren deutet er darin zu einer identitären Story um. Identitäre plakatieren das Hollywood-Filmposter zu Eigenwerbungszwecken, mit dem Zusatz „100 % identitär, 0 % rassistisch“. Sie verstehen sich als „Ethnopluralisten“, fast könnte man ihr Plädoyer zum Schutze der Kulturen für linke Globalisierungskritik halten; und doch geht es den Identitären letztlich darum, die Mischung von Klingonen und Vulkaniern, aber eigentlich eben Menschen-Rassen zu verhindern.

Da ging der Wolf fort zu einem Krämer und kaufte ein großes Stück Kreide, die aß er und machte damit seine Stimme fein. Dann kam er zurück, klopfte an die Haustür und rief: "Macht auf, ihr lieben Kinder, eure Mutter ist da und hat jedem von euch etwas mitgebracht." Da glaubten sie, es wäre alles wahr, was er sagte und machten die Tür auf. Wer aber hereinkam, das war der Wolf.

Sellner wollte es nicht auf sich sitzen lassen, das Bild, das wir von ihm zeichneten. Weil es verzerrt war, oder zu scharf getroffen? Am 03.06.2017 lädt der Youtuber Sellner einen neuen Vlog hoch: Jäger des verborgenen Nazis - ARTE über die IB, zugeeignet – uns, und adressiert an seine Anhänger, um zu demonstrieren: Sellner strikes back.

(0:50) Ich hab es ehrlich gesagt nicht mal für wert befunden, mich zu rasieren. Habe ehrlich gesagt weder Zeit noch Lust, möchte nur kurz darauf eingehen...

Auf die 5 Minuten in unserem Film antwortet Sellner dann in einer seiner Wortschwemmen geschlagene 35:00 Minuten lang.

Die Reportage mit Manuel Gogos – mit dem die Gespräche übrigens viel interessanter waren als das, was er hinterher daraus zusammen geschnitten hat: Am Ende kommt dann die Reductio ad Hitlerum, es sind letztlich die alten Nazis im neuen Gewand. Je netter und freundlicher, klarer und rationaler du auftrittst, desto gefährlicher wirst du, denn desto besser ist die Tarnung, die du vor diesem eigentlich metaphysischen Nazi, auf dessen Suche Manuel Gogos und alle Journalisten sich immer begeben, wie Indianer Jones in irgend so einem Abenteuerfilm.

 

Es hatte fast etwas Sympathetisches, wie Sellner mein Gesicht in das Filmplakat von Indianer Jones montierte, mit viel Liebe zum Detail. Im Gespräch versicherte Sellner mir sein Mitgefühl: ich sei eben Teil der Systempresse, und dürfe als dessen Vertreter weder frei denken noch sprechen. Zugleich twitterte Sellner vor unserem Interview triumphierend: „Heute beim Arte-Interview“ – jeden Auftritt in den Mainstreammedien feiert die identitäre Medienguerilla wie einen Sieg.

Und schizophren ist übrigens nicht nur er allein: Denn es sind ja nicht nur die Identitären, sondern auch wir Journalisten, die für ein starkes Bild die eigene Großmutter verkaufen.

Es war einmal ein kleines süßes Mädchen, das hatte jedermann lieb, der sie nur ansah, am allerliebsten aber ihre Großmutter. Einmal schenkte sie ihm ein Käppchen von rotem Samt, und weil ihm das so wohl stand, und es nichts anders mehr tragen wollte, hieß es nur das Rotkäppchen.

Als wir dann ab Minute 13:18 in Schnellroda auf den neurechten Verleger Götz Kubitschek treffen, eine Mentorenfigur der Identitären Bewegung, verklärt der den jungen Österreicher Sellner nachgerade zu einem „Rudi Dutschke von rechts“. Lobt den Aktivistenführer in seinem Milieu-Blatt „Sezession“ dafür, dass der nicht müde werde, „immer neue Haken zu schlagen.“ Was aber wäre von einem jungen Mann zu halten, den selbst sein geistiger Ziehvater als Trickser sieht? 

Rotkäppchen wunderte sich, dass die Tür aufstand, und wie es in die Stube trat, so kam es ihm so seltsam darin vor, dass es dachte: Ei, du mein Gott, wie ängstlich wird mir's heute zumut, und bin sonst so gerne bei der Großmutter! Es rief: „Guten Morgen“, bekam aber keine Antwort. Darauf ging es zum Bett und zog die Vorhänge zurück. Da lag die Großmutter und hatte die Haube tief ins Gesicht gesetzt und sah so wunderlich aus. „Ei, Großmutter, was hast du für große Ohren!“ – „Dass ich dich besser hören kann!“ – „Ei, Großmutter, was hast du für große Augen!“ – „Dass ich dich besser sehen kann!“ – „Ei, Großmutter, was hast du für große Hände!“ – „Dass ich dich besser packen kann!“

Sellner will den Patrioten in sich sehen, ich sah in ihm den Demagogen. Es ist genau wie der Kollege Jens Jessen am 21. März 2018 in der „Zeit“ schrieb: „Der Begriff des Konservativen wird oft gewählt, um das Reaktionäre zu tarnen. Genauso wie der Begriff des Reaktionären dazu dient, den Konservativen zu denunzieren.“

Wenn was einst Migrantenkinder rappten, „Fremd im eigenen Land“ zu sein, heute Pegidisten vor sich hertragen. Müsste man heute nicht fragen, wozu es die Identitären noch braucht. Mit all ihren Diskursinfektionen – und Ängst-Inflationen, mit ihrem Marsch durch die Institutionen, haben sie sich da nicht längst zu Tode gesiegt?

Die Identitären bleiben ideologisch der harte Kern dessen, was heute als Rechtsruck beschrieben wird. Und an ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. Identitäre schreiben AfD-Parlamentariern ihre Reden. Und da tönt – bei aller Liebe – die Menschen-Verachtung immer unverstellter durch. Und es wird sehr schwer, in den Obertönen identitärer Dog Whistler nicht auch einen Goebbels mitschwingen zu hören.

"Wir gehen in den Reichstag hinein, um uns im Waffenarsenal der Demokratie mit deren eigenen Waffen zu versorgen. Wir werden Reichstagsabgeordnete, um die Weimarer Gesinnung mit ihrer eigenen Unterstützung lahmzulegen. Wenn die Demokratie so dumm ist, uns für diesen Bärendienst Freifahrkarten und Diäten zu geben, so ist das ihre eigene Sache. Wir zerbrechen uns darüber nicht den Kopf. Uns ist jedes gesetzliche Mittel recht, den Zustand von heute zu revolutionieren. […] Wir kommen nicht als Freunde, auch nicht als Neutrale. Wir kommen als Feinde! Wie der Wolf in die Schafherde einbricht, so kommen wir."

 

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen