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26.05.2019, Jamal Tuschick

Fredo, die Möchtegern-Nemesis oder Der Puppenspieler - Ein Fortsetzungsroman von Simone von Brentano. Heute:

Das Nervenspiel

Die Müllabfuhr streikt. Überall stinkt es nach Müll und Schwellbrand. Wieder und wieder versucht mich Upton zu verleiten, treibt mich telefonisch in die Nähe selbstverräterischer Äußerungen.

Upton erzählt von den Phantasien einer Geliebten und wie hemmungslos er darauf einsteigt. Er unterbricht sich, um mich einsteigen zu lassen. Ich lasse ihn leerlaufen.

Reiz/Reaktion. Jemand setzt einen Impuls. Sie unterlaufen die Erwartungen. Schon investiert der Impulsgeber in seine Enttäuschung. 

Ich erkunde Uptons Verfassung. Upton ist vollkommen skrupellos dabei, einen Mann, der ihm nur Gutes getan hat, seinen Herren zum Fraß vorzuwerfen.

Wer hat sich seiner bemächtigt?

Jetzt bewährt sich die Jahrzehnte geübte Gleichschaltung von Kommunikation und Kampf sowie das Denken in Vektoren. Raus aus der Zentrallinie des Gegners/Neupositionierung auf der Blind Side/Ausrichtung der eigenen Zentrallinie auf den Gegner.

Es ist ganz einfach. Mit der Empfindung, mich in einem Spiegel zu betrachten und gut zu finden, was ich sehe, rate ich zur Simplifikation.

Upton und ich haben uns viel gemeinsam und noch mehr unabhängig voneinander erarbeitet. Actiongeil beteiligte er sich letztes Jahr an einem militanten Durchmarsch. Der verheiratete und promovierte Psychologe warf Steine wie ein Teenager. Angeblich war das eine „Simulation“. Daheim erschafft Upton Kompositionen aus Online Pornografie. Aus Versehen schwängerte er eine Biologin, die als Kind Krypto-Zoologin werden und den Fortbestand vermeintlich ausgestorbener Arten nachweisen wollte.  

Übrigens komme ich gerade von Ecki Möhrings Beerdigung. Es trafen sich die Veteranen einer Avantgarde von 1999. Zu den Madeleines ihrer verlorenen Zeit gehören die Verbindungsaufbaugewitter der Modems, Lieder von Portishead und eine doppelköpfige Ästhetik im Geist von Gus van Sant und Pier Paolo Pasolini.

Die Überlebenden einer Weltuntergangseuphorie erzählten sich beim Leichenschmaus Geschichten der depressiven Ernüchterung.

Möhring wurde umgebracht: angeblich von Aktivist*innen einer Ausgründung der Faschoformation Patriotische Eintracht. Ich tippe auf ein False Flag Manöver und halte den Mord für eine Tat der Vehementen Humanisten, in deren Auftrag Ecki den Influencer spielte.

Es gibt nicht viele, die noch uninspirierter sind als es Ecki war, aber er hat sich in der Phase rekrutieren lassen, als noch alle genommen wurden, und die Humanisten wie eine Passionsspielgemeinschaft in Erscheinung traten.

Upton kommt mir grundsätzlich entgegen, nachdem er mir bei unseren letzten Begegnungen mit viel Widerspruch mein Gefühl einer gemeinsamen Basis schmälerte. Aus dem komplizierten Beziehungsdreieck, dass Upton für sich entworfen hat, um die Unlebbarkeit der Konstellation zu erleben, ergibt sich ein geschlossener Kreislauf. Nur Zerstörung kann die Bedingungen ändern. Jeder Ausweg, den die Zerstörung freisprengt, ist ein Verrat.

Vielleicht fällt es Upton deshalb so leicht, mich zu verraten. Verrat ist für ihn zur Normalität geworden. Er verliert gerade sein gutes Leben.

Das Gespräch hakt. Uptons Konzept ist, kurz gesagt, die Abkürzung zum Finale. Was ich ihm anbiete, raus aus der feindlichen Zentrallinie/Neupositionierung/Ausrichtung der eigenen Zentrallinie entspricht lediglich der Aufrechterhaltung der Verteidigungsfähigkeit. Gewonnen ist damit nur ein Spielraum. Upton denkt für mich die Sache zu Ende. Er erhebt seine Einwände, die zutreffender nicht sein könnten, ginge es darum, etwas zu Ende zu bringen.

Ich will aber nur einen bestimmten Zustand aufrechterhalten und mir einen Sicherheitsabstand gewährleisten. Wer Druck an meiner Schmerzgrenze aufbauen will, muss sichtbar Gewalt ausüben. Ein spurloses Geschehen ist ausgeschlossen.

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