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08.06.2019, Jamal Tuschick

Picasso herrschte ein halbes Jahrhundert. Er regierte unbeschränkt bis in die 1950er Jahre – Kubismus, Surrealismus - Neoklassizismus. Der Entmachtete reagierte zuerst auf den abstrakten Expressionismus, dann auf Pop Art.

Picasso in Potsdam

Voyeuristischer Kugelkopf

In einer Epoche zerfallender Reiche schenkt sich ihm das Weltreich der Malerei. Picasso herrscht ein halbes Jahrhundert. Er regiert unbeschränkt bis in die 1950er Jahre – Kubismus, Surrealismus - Neoklassizismus. Der Entmachtete reagiert zuerst auf den abstrakten Expressionismus, dann auf Pop Art. In seiner privaten Dämmerung bespricht er sich mit den Toten Velasquez – Goya – Delacroix – Degas – Matisse. Zum Schluss kommt das Fernsehen. Picasso empfängt drei Programme. Er sieht gern Sensationen der Manege, Catchen und Degenfilme. Die drei Musketiere malt er von der Mattscheibe ab.

Im Zentrum des Spätwerks steht Jacqueline Roque. 

Picasso schafft vierhundert Porträts von ihr. Im Verhältnis zu ihr bestimmt er den Übergang vom potenten zum alten Mann. Er schont sich nicht und er schämt sich nicht.  

Das lässt sich der Picasso Ausstellung im Potsdamer Museum Barberini entnehmen. Ich sitze auf einem Seniorenklappstuhl vor der Ansicht einer Vulva, die wie ein Reißverschluss gezeichnet ist. In der Szene erscheint das Weibliche herausfordernd bis zur Provokation und das Männliche zum Zuschauen verdammt. Man sieht nur einen voyeuristischen Kugelkopf.

Picasso schöpft noch mit Siebzig aus dem Vollen. Er mischt Materialien und Stile. Er jongliert mit seinen Erfindungen. Die Prägekraft anderer Großmaler gewinnt in der Vereinnahmung den Charakter von Nebenflüssen. Trotzdem regiert Picasso nicht mehr. Die Zeit ist seine Richterin. Sie schickt keine junge, kulturrevolutionär kostümierte Garde, sondern tritt persönlich auf.  

Jacqueline macht wieder gut, was Françoise Gilot dem Monseigneur angetan hat. Gilots Trennung von Picasso markiert das Ende einer Herrschaft.

Immer noch steht Picasso die Welt offen. In seiner Vitalität gibt sich Tragik zu erkennen. Picasso bezahlt alle möglichen Verlängerungen, Vergünstigungen und Sonderformate mit seiner Strahlkraft. Ein halbes Dutzend weltberühmter Fotografen bleibt ihm auf den Fersen. Bildstrecken, die das rüstig vergreisende Genie in dem besonderen Licht Südfrankreichs zeigen, füllen die Illustrierten der Sechzigerjahre. Anders als Dalis zerlaufende Uhren, werden Picassos Doppel- und Dreifachgesichter nicht zur Tapete. Auf manchen Fotos sieht Picasso aus wie Turnvater Jahn als französischer Nussknacker. Man könnte ihn auch als Paten in einem Mafiafilm besetzen.  

Die viel jüngere, zur Ehefrau angehobene Geliebte, sorgt dafür, dass die Inszenierungen nicht scheitern. Sie verschafft Picasso eine Frist. Er nutzt sie, um einen enormen materiellen Wert zu schaffen. Das ist der Triumph. Er zahlt dafür den höchsten Preis. Er stirbt den Tod des Künstlers nahezu im Vollbesitz seiner Kräfte. Er ist gleichzeitig jener, der kann und jener, der nicht (mehr) kann.

P.S.

Man hat Picasso einen Energieräuber genannt, einen Verschwender fremder Kräfte – und ihm seelische Anthropophagie vorgeworfen. Er hatte das Recht dazu, weil er die Bereitschaft hatte, sich selbst zu verschlingen und von seiner Espagnole mit dem klassisch mediterranen Antlitz verschlingen zu lassen.

Jacqueline war nicht ohne. Als Töpferin übte sie einen Beruf aus, der seit dem Jungpaläolithikum gelehrt wird. Sie lehmte den Entthronten noch einmal zusammen zu ihrer Verherrlichung – zu ihrer Verewigung. Kommen Sie mit fünfhundert Millionen Euro vorbei. Das reicht nicht für Jacqueline Picassos Sammlung.

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