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24.06.2018, Jamal Tuschick

Neues aus der Reihe Kombattanten im Kulturkampf - Wie alles anfing

Feridun Zaimoglu - Gesellschaftliche Galaxien

Feridun Zaimoglu und Jamal Tuschick

Mara Neusel - Professorin für Mathematik - Doktor der Philosophie - Bogenschützin.  

Drei Türken bei einer Zaimoglu-Lesung, schon hatte man, was man wollte, vom Ghetto bis zur Avantgarde. Das war ein magischer Vorgang. Die implodierte Mehrheitsgesellschaft dominierte mit ihren verwachsenen Fußnägeln, der Zahnseide im Rucksack und dem gedimmten Programm zum lebenslangen Feierabend jede Zaimoglu-Veranstaltung, hielt sich aber für den Zaungast, der jetzt mal etwas Spezielles zu gucken kriegt.

Ich blättere in einer Pressemappe, die 1999 kursierte. Die Zuschreibungen kollabieren im Furor verständnisloser Begeisterung. Die Rezeptionsorgane waren auf Zaimoglu nicht vorbereitet, er traf sie wie mit einer Keule aus dem Nichts.

„Ich bin nun mal keine starre Kreatur mit einer ewigen Sprechblase überm Haupt. Die einen sehen in mir einen Retter in der Not, die anderen einen flotten Straßengelehrten. Wieder andere hassen mich wegen meines losen Mauls. Ich war immer schon eine krause Figur.“

Epigonen ersetzten „kraus“ mit „krass“. Sie spielten Zaimoglus Spieltrieb herunter. Die Gemeinde, deren Sprecher Zaimoglu vorgab zu sein, existierte auch nicht in anderen gesellschaftlichen Galaxien. Sie erschien trotzdem auf dem Schirm der Kritik als besonders wirkungsvolle Imagination. Drei Türken bei einer Zaimoglu-Lesung, schon hatte man, was man wollte, vom Ghetto bis zur Avantgarde. Das war ein magischer Vorgang. Die implodierte Mehrheitsgesellschaft dominierte mit ihren verwachsenen Fußnägeln, der Zahnseide im Rucksack und dem gedimmten Programm zum lebenslangen Feierabend jede Zaimoglu-Veranstaltung, hielt sich aber für den Zaungast, der jetzt mal etwas Spezielles zu gucken kriegt.

Stets stand einer auf und verkündete, nicht zu wissen, woran er sei. Stets sagte einer: „Man kriegt dich nicht zu fassen.“

Scheiß auf schnieke, was schick ist, bestimmen wir.

„Entweder bin ich ein koketter Widerling, der sich unter keine Schablone legen will, oder einfach der Teufel. Das zu entscheiden, liegt im Ermessen des Betrachters.“

Zaimoglu wollte nicht allein Schriftsteller sein: „In diesem Land ist es so eine Sache mit der Seriosität. Man darf von Amts wegen nur eine einzige Disziplin ernsthaft betreiben. Hat man es mit zwei Talenten einigermaßen zum Künstler gebracht, gilt man als doppelbegabt. Das ist das höchste der Gefühle. Ich werde sprachlos, wenn man mich fragt, was nun meine eigentliche Profession sei: die Malerei, das Schreiben, die Politattacke, die Musik oder der Film. Verdammt, für wie provinziell haltet ihr mich? Ist mir doch egal, wie der Verstand des Kleinbürgers pfuscht. Die Funktionshuber müssen endlich begreifen, dass man als Kunstschaffender heute keine Strikttrennungen mehr vornimmt wie zu Kaisers Zeiten. Am Ende zählt nur die Qualität der Bilder, der Bücher, des belichteten Materials.“

Im Kampf der Kunst gegen die Kultur stand Zaimoglu einen historischen Augenblick an erster Stelle. Seine Autonomie gestattete ihm ständige Kollaborationsbereitschaft. Er nahm alles auf und jedes Angebot zur Zusammenarbeit an. Er suchte die Heißsporne unter den Nicht-Implodierten, das Dauerfeuer und die kühle Erregung. Er machte so weiter wie er angefangen hatte: mit einem Manuskript, das ohne Anschreiben abgeschickt worden war, um Wolfgang Ferchl (damals Rotbuch Verlagsleiter) in die Hände zu fallen. Eine Parole lautete: Scheiß auf schnieke, was schick ist, bestimmen wir.

Kanak Attak an der Volksbühne

Zaimoglu schwebte die Volksbühne als Berliner Hochburg vor.

„Wir inszenieren selber und zwar im großen Stil.“

Natürlich brauchten wir ein respektables Haus und keine Klitsche. Kombinationen von Migration mit Alternativ/ Sparte/ Nische waren alte Mode. Über der Volksbühne sollte die Fahne von Kanak Attak wehen.

Mara und ich trafen Zaimoglu in einer Kneipe im Bezirk Prenzlauer Berg. Am Tresen stand ein Lyriker der verdampften Republik. Wir nannten ihn Pappnase. Zaimoglu und Pappnase ignorierten sich. Für Pappnase war Zaimoglu nicht echt. Im Gegenzug formulierte Zaimoglu: „Das ist doch die Kreatur von dem anderen. Du weißt schon, wen ich meine. Diesem Eumel, der mit ner Walser tanzt.“

Pappnase war Chef eines demagogischen Ostblocks, der bei uns „Lekrem Kacke“ hieß. Die Lekreminge hatten interessante Spaltungen. Sie hielten Hooligans in ihren Reihen und brachten Linkssein mit Rassismus in Einklang. Der Rechtsstaat war ihr Feind.

Flo Lekrem in seinen eigenen Worten: „Dort, wo der Staat gewesen sein könnte oder sein sollte, erblicke ich nur einige verfaulende Reste von Macht, und diese offenbar kostbaren Rudimente von Fäulnis werden mit rattenhafter Wut verteidigt.“

Mancher wachte als Punk auf und schlief als Skin ein. Wir wiesen Literaturwissenschaftler und Soziologen auf Lekrems Lemuren hin. Sie bildeten ein in ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet (Prenzlauer Berg) marginalisiertes Milieu. Das Milieu funktionierte noch in Kneipen. Meine Idee war, unter dem Titel „Deutsche Einheit“, die wirren Politpoeten mit ethnisch differenten Dichtern unter einen publizistischen Hut zu bringen und so aktuelle Abweichungsformate darzustellen. Kurz erwog ich, Pappnase darauf anzusprechen. Mara, die meine Gedanken lesen konnte, riet mit einem Blick davon ab.

„Das ist kein Freund von uns“, sagte sie.

Zaimoglu litt unter dem Kaffee in der Kneipe. Kahve ve sigara - Coffee and Cigarettes. Jim Jarmusch übernahm Zaimoglus Devise als Titel für einen Episodenfilm.

Drei Türken bei einer Zaimoglu-Lesung, schon hatte man, was man wollte, vom Ghetto bis zur Avantgarde. Das war ein magischer Vorgang. Die implodierte Mehrheitsgesellschaft dominierte mit ihren verwachsenen Fußnägeln, der Zahnseide im Rucksack und dem gedimmten Programm zum lebenslangen Feierabend jede Zaimoglu-Veranstaltung, hielt sich aber für den Zaungast, der jetzt mal etwas Spezielles zu gucken kriegt.

Ich blättere in einer Pressemappe, die 1999 kursierte. Die Zuschreibungen kollabieren im Furor verständnisloser Begeisterung. Die Rezeptionsorgane waren auf Zaimoglu nicht vorbereitet, er traf sie wie mit einer Keule aus dem Nichts.

„Ich bin nun mal keine starre Kreatur mit einer ewigen Sprechblase überm Haupt. Die einen sehen in mir einen Retter in der Not, die anderen einen flotten Straßengelehrten. Wieder andere hassen mich wegen meines losen Mauls. Ich war immer schon eine krause Figur.“

Epigonen ersetzten „kraus“ mit „krass“. Sie spielten Zaimoglus Spieltrieb herunter. Die Gemeinde, deren Sprecher Zaimoglu vorgab zu sein, existierte auch nicht in anderen gesellschaftlichen Galaxien. Sie erschien trotzdem auf dem Schirm der Kritik als besonders wirkungsvolle Imagination. Drei Türken bei einer Zaimoglu-Lesung, schon hatte man, was man wollte, vom Ghetto bis zur Avantgarde. Das war ein magischer Vorgang. Die implodierte Mehrheitsgesellschaft dominierte mit ihren verwachsenen Fußnägeln, der Zahnseide im Rucksack und dem gedimmten Programm zum lebenslangen Feierabend jede Zaimoglu-Veranstaltung, hielt sich aber für den Zaungast, der jetzt mal etwas Spezielles zu gucken kriegt.

Stets stand einer auf und verkündete, nicht zu wissen, woran er sei. Stets sagte einer: „Man kriegt dich nicht zu fassen.“

Scheiß auf schnieke, was schick ist, bestimmen wir.

„Entweder bin ich ein koketter Widerling, der sich unter keine Schablone legen will, oder einfach der Teufel. Das zu entscheiden, liegt im Ermessen des Betrachters.“

Zaimoglu wollte nicht allein Schriftsteller sein: „In diesem Land ist es so eine Sache mit der Seriosität. Man darf von Amts wegen nur eine einzige Disziplin ernsthaft betreiben. Hat man es mit zwei Talenten einigermaßen zum Künstler gebracht, gilt man als doppelbegabt. Das ist das höchste der Gefühle. Ich werde sprachlos, wenn man mich fragt, was nun meine eigentliche Profession sei: die Malerei, das Schreiben, die Politattacke, die Musik oder der Film. Verdammt, für wie provinziell haltet ihr mich? Ist mir doch egal, wie der Verstand des Kleinbürgers pfuscht. Die Funktionshuber müssen endlich begreifen, dass man als Kunstschaffender heute keine Strikttrennungen mehr vornimmt wie zu Kaisers Zeiten. Am Ende zählt nur die Qualität der Bilder, der Bücher, des belichteten Materials.“

Im Kampf der Kunst gegen die Kultur stand Zaimoglu einen historischen Augenblick an erster Stelle. Seine Autonomie gestattete ihm ständige Kollaborationsbereitschaft. Er nahm alles auf und jedes Angebot zur Zusammenarbeit an. Er suchte die Heißsporne unter den Nicht-Implodierten, das Dauerfeuer und die kühle Erregung. Er machte so weiter wie er angefangen hatte: mit einem Manuskript, das ohne Anschreiben abgeschickt worden war, um Wolfgang Ferchl (damals Rotbuch Verlagsleiter) in die Hände zu fallen. Eine Parole lautete: Scheiß auf schnieke, was schick ist, bestimmen wir.

Kanak Attak an der Volksbühne

Zaimoglu schwebte die Volksbühne als Berliner Hochburg vor.

„Wir inszenieren selber und zwar im großen Stil.“

Natürlich brauchten wir ein respektables Haus und keine Klitsche. Kombinationen von Migration mit Alternativ/ Sparte/ Nische waren alte Mode. Über der Volksbühne sollte die Fahne von Kanak Attak wehen.

Mara und ich trafen Zaimoglu in einer Kneipe im Bezirk Prenzlauer Berg. Am Tresen stand ein Lyriker der verdampften Republik. Wir nannten ihn Pappnase. Zaimoglu und Pappnase ignorierten sich. Für Pappnase war Zaimoglu nicht echt. Im Gegenzug formulierte Zaimoglu: „Das ist doch die Kreatur von dem anderen. Du weißt schon, wen ich meine. Diesem Eumel, der mit ner Walser tanzt.“

Pappnase war Chef eines demagogischen Ostblocks, der bei uns „Lekrem Kacke“ hieß. Die Lekreminge hatten interessante Spaltungen. Sie hielten Hooligans in ihren Reihen und brachten Linkssein mit Rassismus in Einklang. Der Rechtsstaat war ihr Feind.

Flo Lekrem in seinen eigenen Worten: „Dort, wo der Staat gewesen sein könnte oder sein sollte, erblicke ich nur einige verfaulende Reste von Macht, und diese offenbar kostbaren Rudimente von Fäulnis werden mit rattenhafter Wut verteidigt.“

Mancher wachte als Punk auf und schlief als Skin ein. Wir wiesen Literaturwissenschaftler und Soziologen auf Lekrems Lemuren hin. Sie bildeten ein in ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet (Prenzlauer Berg) marginalisiertes Milieu. Das Milieu funktionierte noch in Kneipen. Meine Idee war, unter dem Titel „Deutsche Einheit“, die wirren Politpoeten mit ethnisch differenten Dichtern unter einen publizistischen Hut zu bringen und so aktuelle Abweichungsformate darzustellen. Kurz erwog ich, Pappnase darauf anzusprechen. Mara, die meine Gedanken lesen konnte, riet mit einem Blick davon ab.

„Das ist kein Freund von uns“, sagte sie.

Zaimoglu litt unter dem Kaffee in der Kneipe. Kahve ve sigara - Coffee and Cigarettes. Jim Jarmusch übernahm Zaimoglus Devise als Titel für einen Episodenfilm.

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