MenuMENU

zurück zu Main Labor

14.06.2019, Jamal Tuschick

„Wenn vom Netzfeminismus die Rede ist, muss … immer von einem Plural gesprochen werden.“ Das erklärt Annekathrin Kohout in ihrem kleinen Meisterwerk zur weiblichen Bildpolitik.

Das Loch im Netz

Eingebetteter Medieninhalt

2013 erscheint auf Instagram ein Foto, das Gisele Bündchen als stillende Berufstätige zeigt. Das Arrangement suggeriert alltägliche Beiläufigkeit auf Bestverdiener*innenniveau. Das Bild antizipiert seinen ikonografischen Charakter. Es gleicht dem Text, der klüger ist als die Autorin.

Annekathrin Kohout, „Netzfeminismus“, Verlag Klaus Wagenbach, 80 Seiten, 10,-

Das Bild weiß schon alles vor seiner Betrachtung.

Seine Ladung wird hochgeladen und in einem Penetrationsakt der Bereitstellung verbreitet. Eine Generation zukünftiger Mütter erfährt die ultimative Ermutigung: jene Rolle anzunehmen, die ihre Gebärmütter ihnen anbietet, ohne Karriereeinbußen. Nur ein Faktor nimmt die bald kopierte Komposition aus dem Regal mit den im Dutzend billigeren Supermarktangeboten.

Das ist der Glamourfaktor.

Berufstätige Mutter zu sein ist sexy (und nicht nur anstrengend), wenn man dabei so aussieht wie die besonders natürlich zurechtgemachte Gisele Bündchen. Dass die künstliche Natürlichkeit die Natur verhöhnt, gehört zum Bildwitz. Gisele Bündchen rückt an die Stelle einer Königin, während sie ihre Vorzüge zu demokratisieren scheint. Sie hebt den Unterschied zu den #Vielen in einer Aussage hervor, die das Gegenteil behauptet. Ihre Darstellung baut eine Falle der Differenz auf, in die alle tappen, weil keine die Differenz sehen will. Der lackierte Anblick eines stillenden Modells befeuert auf Facebook eine feministische Kampagne „gegen die Tabuisierung stillender Frauen im öffentlichen Raum“. Er hilft einer „in den sozialen Medien initiierten Bewegung … öffentliches Stillen zu normalisieren“.

Er dient dem Netzfeminismus nicht zuletzt in einer Gegenreaktion, die endlich den Unterschied zwischen der feudalen Inszenierung und der feudelnden Realität zum Kampfmittel erklärt. Zwei Motoren der Emanzipation ziehen ihren Treibstoff aus Deutungen. Deshalb, so Annekathrin Kohout, muss, „wenn vom Netzfeminismus die Rede ist … immer von einem Plural gesprochen werden“. Kohouts im Rahmen der Reihe „Digitale Bildkulturen“ im Klaus Wagenbach Verlag erschienene Analyse „Netzfeminismus“ mustert Strategien der Besetzung des öffentlichen Raums. Die Autorin hebt hervor, was dem Hashtag-Feminismus schon alles gelungen ist. Mit Alarmfeminismus wurden Potentaten von der Macht getrennt, die sich bis zu ihrem persönlichen Yucatán des Hashtag-Impacts für unkündbar gehalten hatten. Youtuber drehen Apparate auf links, die Jahrzehnte Herrschaft garantierten.

Es scheint plötzlich ganz leicht zu sein, was die längste Zeit unmöglich schien: die Zentren institutionalisierter Gewalt zu erreichen. Wir haben alle noch kein Vokabular für diese hochwirksamen außerparlamentarischen Interventionen.

Kohout zeichnet Facetten einer „feministischen Bildpolitik“ nach. Viel dreht sich um Sichtbarkeit aka Repräsentation. Wo es keine Theorievermittlung gibt, herrscht das Bildregime. Bestechende Bebilderungen in der Kombination mit effektiven Schlagwörtern mobilisieren die Anhängerschaften.

#visibilitymatters - Der Kampf um die Bilder ist ein Kampf um Sichtbarkeit

Oft entscheidet ein Bild über die Attraktivität eines Themas. Die Gegenöffentlichkeit tickt nicht anders als Mainstream-Abonnent*innen.

Kohout erkennt in „fehlender Sichtbarkeit … ein tief im Feminismus verankertes Thema“, hypostasiert in der Bezeichnung des weiblichen Geschlechts, dem, so Siegmund Freud, „verlorengegangenen Penis des Weibes“, als „Loch“. In den negativen Deutungskreis gehört das Schamwort „da unten“, das ursprünglich nicht mit Schamhaar und -lippen in einem etymologischen Boot sitzt.

Aus der Scham in die Unsichtbarkeit:

Auf der vierten feministischen Welle ist das nur noch eine historische Lektion. Zumindest dachte ich das, bis ich Kohouts Ausführlichkeit an dieser Stelle selbstverständlich nicht einfach an mir abtropfen lassen wollte.

#pussypower ist eine Intervention gegen das „Loch“ als Metapher mit intransigenter Wirkung. Das Loch im Netz öffnet sich konträr-diversen Widerstandskulturen. Kritik artikuliert sich bei „empowernden Bildern“ im Spektrum eines „kontraproduktiven Popfeminismus“. Da zeigt sich eine Front der Ablehnung, deren Kombattantinnen Gisele Bündchens geometrisches Spiel mit ästhetischen Vektoren antifeministisch finden. Tenor der Kritik: „Männlich induzierte Machtstrukturen“ werden nicht angegriffen. „Es geht nicht um (berufliche) Gleichstellung … (sowie um) Kritik am Leistungs- und Warensystem“. Stattdessen wird blau gefärbtes Achselhaar zur Schau gestellt. Doch auch das kann ein netzfeministisches Statement sein.  

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen