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15.06.2019, Jamal Tuschick

Reflex auf eine Treppenhausinszenierung

Ovid in seiner Verbannung

Das gastronomische Element symbolisiert eine freundliche Grenze

Plötzlich sind alle Grenzen aufgehoben. Es gibt was zu essen, es wird geschnackt

Zuerst dachte ich an eine aufwendige Bewirtung der Festivalgäste – im Vorfeld einer langen Nacht der Poesie. Dann erklärte man mir die lange (um viele Ecken geführte) Tafel als Inszenierung einer Grenze. Ich dichte mir meinen Reim darauf:  

Limes der Gemütlichkeit

Ovid trennte der Limes vom skythischen Nichts. Der römische Grenzbegriff war mächtig aufgeladen. Ovid erwartete in seiner Verbannung von einer Verschiebung des Limes die Verschiebung des Nichts.

Ovid verband mit dem Nichts ein Jenseits. Seinen Begriff von einer Grenze prägte der Limes sowie die römischen Vorstelllungen von Germanien. Jacob Grimm entdeckte die ursprünglichste Bedeutung von Grenze in Eigentumsregelungen.

Monika Rinck fragt nach dem Wesen des Begriffs. Sie kommt dahin: Ein Begriff ist eine „Rast, für einen Moment das Ende der Eile – bevor das unablässig aus- und umdeutende Geschehen der skeptischen Vorstellungskraft … erneut verändernd eingreift.“

Das beschreibt gut das Verfahren, mit dem ich die theatralische Grenze erkunde, die jemand geistreich in der Berliner Akademie der Künste errichtet hat. Mich reizen Marginalien und unauffällige Valeurverschiebungen – das Kleinklein der Randnotizen eminenter Vorgänge.

Die Peripherie definiert das Zentrum
„Die Grenze (ist) ein empfindlicher Rand, reizbar und bissig wie ein Nerv.“ Francesco Magris

Magris beschäftigt sich mit Vorreitern neuer Grenzziehungen – den Repräsentanten der Grenzregimes und ihren Antagonisten. In der Literatur, so Magris, verändern sich die Spielregeln, nach denen Ränder von Zentren unterschieden werden, u.a. im Werk von Dostojewski. Der Autor und seine Agenten stürzen ab und landen in der Manege, wo sie sich von den an Fäden hängenden Figuren nicht mehr unterscheiden. Von dieser Entmachtung führt kein Weg zurück in die Himmel des gottgleich allmächtigen Erzählens.

Magris vermisst Umbauten, die ältere Verläufe ungültig machten, im Mikrosektor. Von dem „Rand einer beschriebenen Seite“ kommt er zu dem „Rahmen eines Bildes“. Er stellt fest: Der Rahmen macht eine Aussage. Er bestimmt, was zentral ist. Die Peripherie definiert das Zentrum.

Die Beatles kamen aus Liverpool und verschoben die Grenzen von London. Ohne das alte, in den weltumspannenden Rostgürtel des vergangenen Industriezeitalters geschnallte Liverpool, kein Swinging London.

Endlich Zeit für Sprache

Die Migration liefert den europäischen Ländern neue Rahmen. Vermutlich zeigt die Installation genau das. Sie funktioniert als Anregung, bevor es losgeht und endlich die Zeit für Sprache gekommen ist.   

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