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17.06.2019, Jamal Tuschick

„Was also wäre eine Poesie, die sich dem Kapitalismus gewachsen zeigt?“ Sergio Raimondi hielt die Berliner Rede zur Poesie 2019. Zum 20. Poesiefestival sprach „der Lyriker der globalisierten Welt“ über die Maßlosigkeit des Kapitalismus und artikulierte zugleich seine „Probleme beim Schreiben einer Ode an den Pazifischen Ozean“.

Die Kritik nach Adorno

Sergio Raimondi

Plötzliches Begreifen

Raimondi vergleicht die Ausdrucksfähigkeit eines Gedichts mit der Belastbarkeit eines Containerschiffs. Das macht Transportlogistik zum Thema und einen Hafen zum Vers.

In der gröbsten Skizze einer Entwicklung, in der die Welt auf den Kopf gestellt wurde, hat die Longue durée des Kapitalismus ihren Ursprung am Mittelmeer. Von da zieht sich eine Linie über den Atlantik zum Pazifik und darüber hinaus. Mit einer Illumination, die plötzliches Begreifen gestattet, beginnt Raimondis Nachdenken über das Verhältnis eines maßlosen Verlangens zu einem maßlosen Verlangen. Adornos Forderung nach einer Poesie auf der Höhe des Kapitalismus, den er „Hochindustrialismus“ nennt, entspricht einer Radikalität, die  gegen eine negative Hypertrophie Stellung bezieht. Raimondi übertrifft Adorno, indem er feststellt, dass der Kapitalismus gegen die Dichtung keine Chance hat.

„Der Kapitalismus ist niemals auf der Höhe der Poesie.“

Aus dem Veranstaltungsheft

Sergio Raimondi (geb. 1968 in Bahia Blanca, Argentinien) gilt seit Erscheinen seines ersten Gedichtbandes Poesía civil im Jahre 2001 (Zivilpoesie, Reinecke & Voß 2017, übersetzt von Timo Berger) als Erneuerer der argentinischen Poesie. Der Dichter Arturo Carrera rühmte die Zivilpoesie, weil sie in absolutem Kontakt zur Realität stehe und die Sprache unserer Zeit reinwasche. Raimondis Texte sind immer in einem empathischen Sinne politisch. Seit fast zwei Jahrzehnten arbeitet Raimondi an seinem zweiten Band, ein gewaltiges enzyklopädisches Projekt, das kurz vor seiner Vollendung steht und den Titel Für ein kommentiertes Wörterbuch tragen wird.   

Raimondi listet die Zyklen der Invasion auf, die von einem europäischen Kern ausgehend, die Welt mit tödlichen Anhaftungen überzieht. Die Anschaulichkeit macht die Rede brillant. Man hat alles vor sich. Die frühe Seetüchtigkeit der Schiffe, gebaut, ausgestattet und bemannt von den Geldmaschinen der Neuzeit. Alles ist besser als die gesundheitliche Verfassung der oft delinquenten Matrosen, dieses zusammengefegte Hafengelichter, dass ein Kapitän bei Tag und bei Nacht zu fürchten hat. Ein Ergebener liegt als Hindernis auf der Schwelle, solange den Schiffsführer die Träume quälen. Piloten und Navigatoren treten als Entdecker auf und dienen doch nur der Erweiterung des Finanzkreislaufs.

Kasse wird lange nur in Europa gemacht. Raimondi kommt darauf zu sprechen, als sei dies ein Fehler des Kapitalismus, der sich rächen wird.

Er setzt dem expandierenden Finanzkreislauf die Lyrik entgegen. Er fährt Pound auf, lädt mit Pasolini nach. Alles ist Sprache. Jedes Ding erwacht in seiner Benennung und findet da seine Bestimmung. Es bleibt ein Gegenstand der Navigation. Deshalb sind die Navigatoren die wichtigsten Personen an Bord des Lebens. Adorno erwartet von einer Moderne, dass sie sich dem Hochindustrialismus gewachsen zeigt. Weniger ist nichts.

Adorno präzisiert die Gegenkraft ohne Kenntnis der kommenden Krise seiner in den letzten Zügen liegenden Gegenwart. Er stirbt in der Steinzeit des Informationszeitalters. Raimondi fischt eine maritime Metaphorik aus der Biografie. Er sieht Adorno im Exil; eine kalifornische Terrassensituation in Sepia. Das Stille Meer dient der Aussicht.

Nicht weit vom Schuss geht wenige Jahrzehnte später der erste Intel-Mikroprozessor in Serie.

Aus der Werbung

Die Firma Intel ist untrennbar mit der Geschichte der Personal Computer verbunden. Der erste Mikroprozessor von Intel aus dem Jahr 1971 ist der 4004. Er ist ein 4-Bit-Prozessor. Er war aber nur für Einsatz in Taschenrechnern geeignet. Der erste Mikroprozessor von Intel, der in Home-Computern Anwendung fand, ist der 8-Bit-Prozessor 8008 aus dem Jahr 1972. Der Nachfolger 8080 folgte im Jahr 1974. Dessen flexible Programmierbarkeit fand in Bastlerkreisen sehr viel Aufmerksamkeit. Auch in der Anlagensteuerung und in Mikrocomputern mit dem Betriebssystem CP/M wurde der 8080 verwendet. Seine Weiterentwicklung, der 8085, fand keine weite Verbreitung.  

Verdichtung und Entspannung

Raimondi vergleicht die Ausdrucksfähigkeit eines Gedichts mit der Belastbarkeit eines Containerschiffs. Das macht Transportlogistik zum Thema und einen Hafen zum Vers.

Dazu bald mehr.

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