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26.06.2018, Jamal Tuschick

Nermina Kukic - Freund in der Fremde

Der Artikel erschien zuerst im FREITAG

Die Schauspielerin Nermina Kukic über Mesut Özil und İlkay Gündoğan – und die irrationale Liebe zu Diktatoren

Ich habe mich, damals, als ich ein kleines Gastarbeiterkind war, in Deutschland weniger einsam gefühlt, weil ich einen guten Freund hatte. Nein, eigentlich zwei. Einer war Novak, ein montenegrinisches Gastarbeiterkind, wie ich, der andere, mein Freund Tito. Der Marschall, der Genosse, der „drug“, Freund eben. „Druze Tito, mi ti se kunemo, da sa tvoga puta ne skrenemo.“ Freund Tito (Genosse und Freund sind im Slawischen dasselbe Wort), wir schwören dir, von deinem Weg nicht abzuweichen.

Weil ich diesen großen, berühmten Freund hatte, der so stark und selbstbewusst war, keinem „Block“ anzugehören – weder dem Warschauer Pakt, noch der NATO –, konnte ich stark und selbstbewusst ertragen, kein deutsches Kind zu sein. Ich musste mir keine dieser albernen Barbourjacken zusammensparen, um mich an einem katholischen Gymnasium „als Deutsche zu verkleiden“ und dadurch Zugehörigkeit zu demonstrieren. Ich musste nicht so tun, als „hätte ich Geld“, um meine Armut zu verbergen. Ich musste mich aber auch nicht zwanghaft in meiner Herkunftskultur einkitschen, um mich permanent in meinem Ausländerin-sein, meinem Anderssein zu bestätigen. Denn das fühlte ich ohnehin.

Ich las sie nicht nur, ich identifizierte mich über ihre Gedichte mit der jüdischen Wuppertaler Dichterin Else Lasker-Schüler. Da es mich nun einmal nach Wuppertal verschlagen hatte, dachte ich doch in meinem manchmal angstvollen Kinderhirn, dass „sie heutzutage mich vergasen würden“. Es waren die Siebziger-und Achtzigerjahre in Deutschland und das stand nicht zu befürchten. Eher verfolgte man auf Fahndungsplakaten diese Leute, die dem Mann im Fernsehen ein Ohr abgeschnitten hatten, und der mir deswegen so leid tat, wie er mich da aus der Tageschau so traurig angeblickte. Also, Vergasung stand nicht an, ehrlich gesagt, nicht einmal wirklicher Hass. Nur so ein leises, unterschwelliges „Immer-wieder-darauf-hingewiesen-werden“, dass man nicht dazugehörte. Immer wieder Erstaunen darüber, dass man „so gut in der Schule“ sei, dass man „so gut Deutsch spreche“, irgendwie sogar ein Erstaunen darüber, dass man „so sportlich“ war.

In der "Jugoschule" war ich "Jemand"

Was glaubten diese Deutschen, was wir waren – körperlich und geistig beschränkt? Überraschenderweise in der Lage eine Sprache fehler-und akzentfrei zu erlernen? Ich war sogar bereits mit fünfJahren dreisprachig und später überraschenderweise in der Lage, mich nicht nur im Englischen für amerikanischen oder britischen Akzent zu entscheiden – depending on how I feel –, sondern sogar recht elegant auf Französisch zu parlieren. Also, mit Latinum sogar sechssprachig. Aber ich will nicht angeben, Latein spreche ich nun wirklich nicht sehr gut. Einmal in der Woche gingen wir zum „muttersprachlichen Ergänzungsunterricht“, der uns Gastarbeiterkinder auch ständig daran erinnerte, dass wir hier nur temporär weilen sollten, dass wir, wenn die Eltern „genug Geld“ verdient hätten, wieder nach Hause fahren würden ... sollten. Jedenfalls war da – in dieser „Jugoschule“, wie wir sie nannten, und in die ich sehr gerne ging –zuverlässig die „Drugarica Prukner“, noch eine „Freundin“, die mit uns über den wundervollen Genossen Tito sprach, tolle Lieder über Jugoslawien mit uns sang, uns super Gedichte zu sozialistischen Feiertagen beibrachte, die jugoslawische Natur, Geografie und Geschichte mit uns abfeierte und uns im westdeutschen Wuppertal-Barmen zu treuen, hingebungsvollen kleinen Pionieren heranzog. Ich fand's super! Da war ich „Jemand“, da war ich „Titos kleiner Pionier“, „Titova mala pionirka“! Fünf Tage die Woche, die beste in Deutsch, einen davon die Beste in der Jugoschule, am Wochenende hatte ich frei. Ha, kleiner Witz! Da waren die Sportwettkämpfe, die ich als Rollkunstläuferin sogar auch noch recht oft gewann.

Mesut und İlkay waren nicht mal geboren, als ich mit sieben meinen Pioniereid schwor und meinem Diktator huldigte. Und ich schwöre, ich habe ihn aufrichtig geliebt.

Selbst als ich rausfand, dass es „Lager“ gab in Jugoslawien, in welche jene verschwanden, die den Marschall Tito nicht so sehr liebten wie ich – es gab da diesen Film, den ich im Fernsehn sah „Tata je na sluzbenom putu“, „Vater ist auf Dienstreise“ von Emir Kusturica, der mich verstörte und den ich wunderschön fand –, liebte ich Tito, meinen Freund, meinen Kumpel Tito, trotzdem weiter. Ich spürte, dass diese Lager nicht in Ordnung waren, dass der Vater dieses Jungen, da nicht freiwillig war, dass es nicht in Ordnung war, dass der Genosse Tito ihn da gefangen hielt. Aber ich war ein Kind in der Fremde, welches der Glaube an den „guten Tito“ am Leben hielt. Anders war es nicht auszuhalten, in dieser Fremde.

Da waren Eltern, die einem immerzu Dinge verboten, weil „die nur für deutsche Mädchen waren“, wie zu Partys gehen, zu denen auch Jungs kamen, einen Freund haben, etc. Da waren körperliche Strafen bei Übertretung von Verboten. Da war dieser Geldmangel, durch den man bei der Garderobe sehr guten Geschmack entwickeln musste, damit die billigen Klamotten irgendwie trotzdem gut aussahen. Da war dieses Gefühl nirgendwo dazuzugehören. Ich wusste, egal, wie sehr gut ich in der Schule, im Sport war, ich würde niemals eine Deutsche werden können, das war so klar wie Kloßbrühe. Und weil die deutsche Sprache so schön war, dass sie Wendungen wie diese hervorbringen konnte – „so klar wie Kloßbrühe“, herrlich! – begann ich mir meine Heimat in der deutschen Sprache einzurichten. Wir kehrten nicht nach Jugoslawien zurück – Jugoland war abgebrannt, ich habe gar keine Heimat mehr. Nur die deutsche Sprache ist mir als Heimat geblieben, mein deutscher Mann, meine Eroberung, meine zwei deutschen Söhne, mein Geschenk dafür.

Bei Özils Treffer 2010 habe ich geweint und gejubelt

Mesut Özil schoss bei der WM im Jahre 2010 das erste Tor eines Gastarbeiterkindes für die deutsche Fußballnationalmannschaft. Noch nie zuvor hatte es ein Gastarbeiterkind in die deutsche Nationalmannschaft geschafft. Und er schoss dieses Tor. Und ich stand in München im Restaurant „Reitschule“ und habe geweint und geweint und gejubelt und geweint. Und es war, als hätte ich dieses Tor geschossen.

Kürzlich hat Özil mit İlkay Gündoğan – von dem sein gelehrter Bruder, Ilker Gündoğan, der gerade seinen Doktor in Ostasienwissenschaften an der Uni Bochum macht, sagt, er wäre sicher auch in einem akademischen Beruf erfolgreich geworden, nur hätte er dann eben keine Tore für Deutschland oder seine Vereine geschossen – ein Foto mit Erdogan geschossen, dem Präsidenten der Türkei, der Leute einsperrt, wenn sie gegen ihn sind. Das war vielleicht kein guter Schuss, aber ich verstehe gut, dass auch wenn man um die Fehler eines Menschen weiß, ihn trotzdem, wenn nicht unbedingt lieben so doch respektieren kann. Man kann ihn sogar „seinen Präsidenten“ nennen und trotzdem wissen, dass vong Pass her, nur 1 Präsident infrage kommt, aber vong Herz her fühlen: „Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust.“ Zwei Pässe geht auch.

Jeder braucht in der Fremde einen Freund. Selbst wenn den ganz viele andere ganz schlimm finden – oder „schlechten Umgang“. Ehrlich, ich finde dieses Foto nicht so schlimm, wie die Dinge, die Deutsche deswegen mit meiner geliebten deutschen Sprache machen.

„So einer wie Özil, der nicht nur einem Verbrecher huldigt, sondern auch noch die Nationalhymne nicht mitsingt, weil er die Werte nicht teilt, muss sofort weg!“ Ja, wohin denn – ins Lager vielleicht?!

„Hallo, du Idiot, du hast in der deutschen Nationalmannschaft nichts zu suchen. Verpiss dich nach Anatolien!“ Aha, nach Anatolien soll er. Moment, aber er spielt doch beim FC Arsenal.

Ah, jetzt kommt die Lösung: „Spiel doch bei deinem türkischen Hitler!“

Die zitierten Sätze stammen von einem deutschen Theaterleiter aus München. Er heißt Werner Steer. Ich möchte ihn gerne fragen, welche Werte er meint. Den Wert unflätiger Beschimpfung? Respektlosigkeit? Beleidigung? Ehrverletzung? Relativierung? Geschichtsrevisionismus? Schiefe Vergleiche? Unverschämtheit? Schamlosigkeit? Unkultiviertheit?

Als deutscher „Kulturschaffender“?

An Gündoğan gewandt twitterte Steer: „Hau ab nach Anatolien.“ Der wiederum spielt bei Manchester City. Also beide dann wohl eher nach England, non?! Werner Steer entschuldigte seine Aussage damit, er sei beim Thema Fußball nun mal ein „Bolzer“, drücke sich manchmal drastisch aus. So so.

Da die „freie Meinungsäußerung im Privaten“, auf die er sich beruft, sowohl für ihn, als auch für die beiden Fußballspieler gilt, bin ich wohl auch von ihr geschützt, wenn ich ihm – zugegebenermaßen drastisch – zuriefe: „Sie Arschloch will ich mal gegen Özil und Gündoğan Fußball spielen sehn, denn: ,Wichtig is auf'm Platz!´“

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