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19.06.2019, Jamal Tuschick

Zu den Präliminarien des I. Weltkriegs zählt die freiwillige Gleichschaltung der Frauenbewegungen mit der Staatsräson. Ihre internationalistischen Ausrichtungen enden auf dem Kontinent so wie in Großbritannien. Antizyklische Radikalisierungen führen in die Isolation. Gemeinsam mit dem Kaiser sehen viele deutsche Aktivistinnen von allen Unterschieden ab.

Die Frau im männlichen Beruf

Olympe de Gouges

Eingebetteter Medieninhalt

In der allgemeinen Kriegseuphorie gewinnen Frauen vereinzelt gesellschaftliche Statur, sie werden zu öffentlichen Personen, während in der Katzenjammerzeit nach dem verflogenen Rausch alle Frauen als „Lückenbüßerinnen in der Rüstungsindustrie und in städtischen Betrieben, z.B. bei der Straßenbahn“ gefragt und gefordert sind. So formuliert es Gröschner.

Annett Gröschner, „Berolinas zornige Töchter. Fünfzig Jahre Berliner Frauenbewegung“, FFBIZ Verlag, 343 Seiten, 10,-

In der Depression der letzten Kriegsjahre dynamisiert sich, so die Autorin, ungewollt und ungeregelt die Emanzipation.

Männer an der Front, Frauen an der Macht

„Arbeit und eigenes Geld brachten auch Selbstbewusstsein“, schreibt Gröschner in ihrem Grundlagenwerk. Die Straßenbahnfahrerin wird zu einer Alltagsikone. Sie verkörpert schlagfertige Selbständigkeit.

Das sind Kriegsgewinne.

Frauen werden zu Inspektionsdiensten herangezogen. Sie verstärken die Verkehrspolizeien und tragen die Post aus. Ihre Uniformen lassen sie in einem neuen Licht erscheinen.

Der Staat setzt Vertrauen in Frauen.

Erwartet aber, dass sie sich von den Vorposten zurückziehen an den häuslichen Herd nach Rückkehr der Helden. Die Verpflichtung zur Räumung des Arbeitsplatzes zeigt die Gefahr an, die von der aus ihrer Häuslichkeit getretenen, in einem überprivaten Kontext wirkungsvollen Frau ausgeht.  

Entscheidend ist der Übergang von der bloßen Unterstützung zur beschränkten Selbständigkeit. Einmal in Gang gekommen, lässt sich der Prozess in der westlichen Welt zwar wieder und wieder verlangsamen, doch nie mehr ganz stoppen. Selbst in dem rückwärtsgewandten Frauenbild des Nationalsozialismus überlebt die Aufwertung der in der Kriegswirtschaft wichtig gewordenen Frau.   

Die Frau im männlichen Beruf

Der Erste Weltkrieg sorgt für einen gemeinsamen Erfahrungsschatz der Frauen. Er überzieht sie ohne Rücksicht auf die Klassenzugehörigkeit. Lange hielt sich die Vorstellung von der „Heimatfront“ als gemeinsames Projekt einer „Schicksalsgemeinschaft“. Danach bildete sich ein über das Ständische hinausweisender Kontext. Eine um sich greifende Verstädterung aka Proletarisierung habe die Entwicklung angetrieben.

Diese Position erscheint unhaltbar. Die weibliche Erwerbstätigkeit aus Not setzt lange vor dem I. Weltkrieg ein. Tausende Frauen verlieren ihre Arbeit bei Kriegsbeginn. Einberufungen führen zu Betriebsschließungen. Rohstoffmangel legt Produktionen lahm. Die Nachfrage übersteigt das Arbeitsangebot um das Doppelte.

Um zuletzt den Blick noch einmal auf die Frauenbewegung zu richten. Gertrud Bäumer, die Vorsitzende des „Bundes Deutscher Frauenvereine“ und Hedwig Heyl richten bereits 1914 den „Nationalen Frauendienst“ aka „Frauendank“ als karitatives Koordinationsleitwerk ein. Sie machen aus der Frauenrechtsbewegung einen Notfalldienst im Verein mit konfessionellen und patriotischen Verbänden, einschließlich der sozialdemokratischen Gliederungen.  

Das bürgerliche Subjekt ist im Recht verankert

„Das Gesetz soll Ausdruck des Willens aller sein; alle Bürger und Bürgerinnen sollen persönlich oder über ihren Vertreter zu seiner Entstehung beitragen.“ Olympe de Gouges

Finnland führt 1906 als erstes europäisches Land das Frauenwahlrecht ein. Norwegen folgt vor Dänemark und Island. Deutschland humpelt erst 1918 ins Ziel. Es folgt eine Explosion der Partizipation. Die weibliche Beteiligung bei der Nationalversammlungswahl im Januar 1919 erreicht die Zweiundachtzigprozentmarke. Siebenunddreißig weibliche Abgeordnete streiten mit. Nichts ist erheblicher als die zivilrechtliche Stellung der Frau in einer Demokratie der Patriarchen. Das bürgerliche Subjekt ist im Recht verankert. Man rezensiert Frisuren und Röcke, flaniert auf den Magistralen der akuten Moderne und wünscht sich eine weibliche Wirklichkeit; zugleich beansprucht man Parlamente und Schlachtfelder als angestammte Domänen des Männlichen. Die Beschränkung der beruflichen Emanzipation auf Krankenhaus & Kindergarten folgt einem Kalkül, das unterlaufen werden muss.   

Wird fortgesetzt.

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