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23.06.2019, Jamal Tuschick

Wir müssen reden. Über den Krieg im ehemaligen Jugoslawien. Über den Völkermord an den Bosniaken. Über Nationalismus und Faschismus in den Balkanstaaten.

„Wer nicht getötet wurde, wurde vertrieben.“ - Nora Hespers spricht mit Melina Borčak - 2. Teil

Antifaschistische Frauenfront

Melina Borčak ist freie Journalistin und hat unter anderem für CNN, die Deutsche Welle und den RBB gearbeitet. Ich hab sie bei Twitter gefunden, weil ich über einen ihrer Tweets gestolpert bin. Zufällig. Es war ein Tweet zum 6. Dezember 2018. Darin erinnert sie an den Geburtstag der Antifaschistischen Frauenfront Jugoslawiens. In ihrem Tweet nennt sie acht Partisaninnen, die sich als Teil der Frauenfront im Zweiten Weltkrieg den Faschisten in den Weg stellten. Darunter ihre Ur-Großmutter Fatima. Wenn ich ehrlich bin: Ich habe noch nie zuvor davon gehört.

Melinas Ur-Großmutter Fatima hat sich im Widerstand engagiert, indem sie Partisanenkämpfer versteckt und als ihre Söhne ausgegeben hat. Wäre sie dabei erwischt worden, hätte das die Todesstrafe bedeutet. Für mich der Ausgangspunkt, noch ein bisschen mehr über Melina Borčak zu erfahren. Und vor allem sie zu fragen, ob sie Lust hat im Podcast mit mir zu sprechen. Denn ihre Tweets haben mir die Tür geöffnet zu einem blinden Fleck in meinem Bewusstsein: den Geschehnissen rund um die Kriege in Bosnien, Kroatien und Kosovo von 1991-1999.

Unterschiede zwischen Stadt und Land

Die Bosnier waren während der nationalsozialistischen Okkupation umzingelt von faschistischen Gruppierungen zu denen nicht nur die Ustascha und die Tschetniks gehörten, erklärt Melina Borčak:

„Und dann mussten die Leute dort gegen die Nazis, gegen die Ustascha, gegen italienische Faschisten, gegen serbische Faschisten, die Tschetniks hießen und gegen andere serbische Faschisten kämpfen, also es waren sehr viele, faschistische Gruppen.“

Wobei Melina Borčak einschränkt, dass es einen großen Unterschied gab zwischen Stadt und Land, was die Kämpfer in Bosnien angeht. In den großen Städten haben sich die Menschen als illegale Widerstandskämpfer organisiert. Sie haben gegen die Nazis und die Ustascha gekämpft, indem sie illegale Aktionen und Anschläge gegen geplant haben. An den Grenzen gab es dann die Front, an der Menschen auf dem Feld gegen Nazis, Ustascha und Tschetniks gekämpft haben.

„In den Dörfern war es nochmal anders, da waren die Leute einfach diesem Terror ausgeliefert. Da marschiert irgendeine Armee rein, egal ob italienische Faschisten sind oder deutsche oder serbische, egal und tötet alle, die sie vorfindet oder zwingt sie auf ihrer Seite zu kämpfen.“

Melina Borčak

Ein Trauma, das auch auf die Nachfolgegenerationen noch erheblichen Einfluss hat. Aber die junge Journalistin bleibt nicht bei den Traumata stehen. Stattdessen erzählt mir Melina Borčak von der Familie Maglajlić. Eine Familie, deren Mitglieder sich nicht nur im Zweiten Weltkrieg gegen die Faschisten gestellt hat, sondern auch 50 Jahre später wieder im Bosnienkrieg. Der bekannteste Name dürfte Vahida Maglajić sein. Sie war nicht nur Antifaschistin und Partisanin, sondern auch Frauenrechtlerin und wurde posthum für ihren Einsatz gegen die Nazis im Zweiten Weltkrieg als einzige bosnische Muslimin zur Volksheldin von Jugoslawien erklärt. Sie starb, wie auch drei ihrer Brüder, im Kampf gegen die Nazis.

Viele Menschen aus der Region, aus der auch die Maglajic-Familie stammt, kämpfen seit Generationen im Widerstand gegen den Faschismus, erzählt Melina Borčak:

„Einer der Menschen, der in der Armee war im letzten Krieg, hat gesagt: Ich hab das einfach in meinem Blut. Ich hab das in meiner Familie gelernt, dass man sich gegen Faschismus einsetzen muss. Auf jede Art, die man kann.“

Melina Borčak

Schon bei dem Massenmord an den Bosniaken im Zweiten Weltkrieg spricht Melina Borčak von Völkermord. Weil ich das genauer wissen wollte, habe ich versucht, das zu verifizieren. Ich habe aber weder im deutschen Kontext noch auf den Seiten der UN etwas dazu gefunden. Das Forschungsinstitut für Verbrechen gegen die Menschlichkeit und internationales Recht an der Universität Sarajevo allerdings hat die Massenmorde im Zweiten Weltkrieg in mehreren Publikationen bereits als Völkermord eingestuft. Die Quellen sind vor allem auf Bosnisch verfasst, erklärt mir Melina Borčak. Warum die Einstufung von Kriegsverbrechen als Völkermord und die entsprechende Anerkennung in der Politik so kompliziert ist, könnt ihr übrigens nochmal in meinem Gespräch mit der Genozidforscherin Nikki Marczak nachhören.

Viele der ermordeten Bosniaken waren einfache Bauern. Etwas mehr als ein Viertel der Ermordeten, sagt Melina Borčak, waren Kinder unter vier Jahren. Allein in ihrer Familie wurden mindestens 23 Menschen am gleichen Tag ermordet. Was genau oder wie genau die Menschen ermordet wurden, weiß niemand mit Sicherheit.

„Wenn ganze Familien ausgelöscht werden, bleiben auch nicht viele Leute, um zu erzählen, was da genau los war.“

Melina Borčak

Wer nicht getötet wurde, wurde vertrieben.

Neuanfang nach Ende des Zweiten Weltkriegs

Nach Ende des Krieges sollten die Vertriebenen zurück in die Ruinen in Ost-Bosnien kehren. Eine völlig zerstörte Heimat. Die Bosniaken bauen die Orte im Osten Bosniens und im Sandžak wieder auf. Einer Region an der Grenze zu Serbien und Montenegro. Aus den Erzählungen ihrer Mutter und ihrer Oma weiß Melina Borčak, was das bedeutet. Wieviel auch ihre Familie währenddessen kämpfen musste, weil sie nicht nur unter den Folgen der Traumatisierung durch den Krieg, sondern auch unter extremer Armut gelitten hat. Nur 50 Jahre später wird all das wieder zerstört.

In der Stadt, in der auch Melina Borčaks Familie gelebt hat, und in den Dörfern drumherum, gab es vor dem Jugoslawien-Krieg 21.000 Muslime – nur wenige, wenn überhaupt, sind übrig geblieben. Genau Zahlen gibt es nicht. Und kaum jemand ist nach dem Krieg zurückgekehrt: „Einfach, weil die Kraft fehlt, nochmal von vorne anzufangen“, erklärt Melina Borčak.

„Da scheiden sich die Geister, ob es null oder vier oder ein Mann ist. Je nachdem, ob man die, die aus Angst konvertiert sind, dazurechnet.“

Melina Borčak

Das große Problem an der Stelle: Wenn kaum jemand überlebt hat, wie soll geklagt werden? Wer soll bezeugen, was passiert ist? Und wer hat die Kraft dazu, wenn es auch weiterhin erst mal darum geht zu überleben?

Obwohl der Jugoslawien-Krieg fast vor unserer Haustür stattgefunden hat – in Deutschland gibt es nicht allzu viel Bewusstsein über das, was dort passiert ist. Oder was es auch heute noch für die Überlebenden bedeutet. Ich selber war 14 Jahre alt und ich kann mich nicht erinnern, inwiefern das Thema in der Schule war. Also klar, wir haben das thematisiert. Und ich erinnere mich auch gut daran, dass wir über Sarajevo gesprochen haben. Aber danach? Habe ich ehrlich gesagt kaum etwas davon mitbekommen. Seit ich nicht mehr zur Schule gehe, ist das Thema quasi aus meinem Bewusstsein verschwunden. Vielleicht, weil ich niemanden kenne, der oder die davon betroffen ist. Oder es ist tatsächlich so, dass wir es – bis auf wenige Interessierte – einfach aus den Augen verloren haben. Für mich rücken diese Themen erst mit der Bearbeitung der Geschichte meines Großvaters wieder in mein Bewusstsein.

Für Melina Borčak ist dieses mangelnde Bewusstsein gegenüber dieser noch jungen Geschichte schwierig, denn es verhindert die Anerkennung dessen, was ihr und vielen anderen Bosniaken widerfahren ist. Und es fehlt schlicht eine Sensibilität gegenüber dem, was sie zu verarbeiten hat. Was ihr, ihrer Famiile und den Muslimen in Bosnien angetan wurde. Das gilt auch für ihre Heimat, die es so inzwischen gar nicht mehr gibt. Denn Bosnien ist aufgespalten in zwei Entitäten. Eine ist die Förderation, die andere die Republika Srpska – nicht zu verwechseln mit Serbien, einem Nachbarland im Osten. In der Republika Srpska (die rot eingezeichneten Teile auf der Karte) leben heute vor allem Serben, nachdem fast alle Nichtserben vertrieben oder getötet wurden.

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