MenuMENU

zurück zu Main Labor

28.06.2019, Jamal Tuschick

Wir müssen reden. Über den Krieg im ehemaligen Jugoslawien. Über den Völkermord an den Bosniaken. Über Nationalismus und Faschismus in den Balkanstaaten.

Kein Zurück mehr - Nora Hespers spricht mit Melina Borčak - 4. Teil

 

Melina Borčak ist freie Journalistin und hat unter anderem für CNN, die Deutsche Welle und den RBB gearbeitet. Ich hab sie bei Twitter gefunden, weil ich über einen ihrer Tweets gestolpert bin. Zufällig. Es war ein Tweet zum 6. Dezember 2018. Darin erinnert sie an den Geburtstag der Antifaschistischen Frauenfront Jugoslawiens. In ihrem Tweet nennt sie acht Partisaninnen, die sich als Teil der Frauenfront im Zweiten Weltkrieg den Faschisten in den Weg stellten. Darunter ihre Ur-Großmutter Fatima. Wenn ich ehrlich bin: Ich habe noch nie zuvor davon gehört.

 

Melinas Ur-Großmutter Fatima hat sich im Widerstand engagiert, indem sie Partisanenkämpfer versteckt und als ihre Söhne ausgegeben hat. Wäre sie dabei erwischt worden, hätte das die Todesstrafe bedeutet. Für mich der Ausgangspunkt, noch ein bisschen mehr über Melina Borčak zu erfahren. Und vor allem sie zu fragen, ob sie Lust hat im Podcast mit mir zu sprechen. Denn ihre Tweets haben mir die Tür geöffnet zu einem blinden Fleck in meinem Bewusstsein: den Geschehnissen rund um die Kriege in Bosnien, Kroatien und Kosovo von 1991-1999.

Kein Zurück mehr

Seit sie als Baby mit ihrer Familie nach Deutschland geflüchtet ist, war Melina Borčak nicht mehr in ihrer Geburtsstadt – obwohl ihre Familie nur wenige Monate nach Kriegsende zurückgekehrt ist. 200 Jahre lang war dieser Ort das Zuhause ihrer Vorfahren – jetzt gibt es diesen Ort nicht mehr. Und damit keine Rückkehr. Wie es dort aussah, weiß sie nur aus Erzählungen ihrer Mutter und ihrer Großmutter. Alle Fotos, alle Erinnerungsstücke wurden verbrannt.

Ein einziges Mal ist Melina Borčak durch diesen Ort durchgefahren. Mit dem Auto. Nicht mal ausgestiegen ist sie. Als sie am Rathaus vorbeifahren, hängt dort ein großes Poster. Darauf zu sehen Ratko Mladić versehen mit den Worten: Unser Held. Ausgerechnet der Mann, der am 22. November 2017 vom UN-Kriegsverbrechertribunal des Völkermordes und vieler weiterer Kriegsverbrechen für schuldig befunden wurde.

Wo früher Melina Borčak, ihre Familie und viele weitere Bosniaken gelebt haben, wohnen heute fast ausschließlich Serben. In den Wohnungen, die früher anderen gehört haben. Menschen, die keine Chance haben, wieder dorthin zurückzukehren, geschweige denn, irgendwelche Ansprüche geltend zu machen.

„Die leben einfach weiter, als ob wir nie existiert haben.“

Melina Borčak

Wäre die junge Journalistin damals dort ausgestiegen und durch die Stadt gelaufen – ihr wäre wahrscheinlich nichts passiert. Aber es gibt Berichte, dass in dem ehemals bosnischen Teil, der heute zur Republika Srpska gehört, Moscheen angegriffen werden. Auch Rückkehrer wurden angegriffen und von der Polizei misshandelt. Das alles sind Berichte aus jüngster Zeit, sagt Melina Borčak. Direkt nach dem Krieg wurden Menschen, die versucht haben zurückzukehren, auch weiterhin ermordet.

Verpassen wir die Chance zu lernen?

Was Melina Borčak inzwischen beobachtet, ist aber nicht mehr Bewusstsein für die Situation im Balkan, weil die Geschichte zeigt, wozu der Nationalismus dort geführt hat. Es wird eher weniger, findet sie. Sowohl, was die Erinnerung an den Krieg betrifft, also auch was die Aufmerksamkeit und Beobachtung der aktuellen Entwicklungen angeht. Dabei wäre es gerade für Europa so wichtig, genauer hinzuschauen, damit sich diese noch junge Geschichte nicht wiederholt:

„Es ist etwas, woraus Europa sehr viel lernen kann.“

Melina Borčak

Zum Beispiel wenn es darum geht, zu begreifen, dass der europäische Frieden nicht selbstverständlich ist. Für die meisten von uns, die in Friedenszeiten geboren und aufgewachsen sind, ist es einfach nicht vorstellbar, dass es hier wieder zu Auseinandersetzungen mit Waffengewalt kommt. Doch nicht hier in Europa! Aber auch die Menschen in Syrien konnten sich nicht vorstellen, dass es dort zu einem langen, barbarischen und blutigen Krieg kommen wird, in dem Freund und Feind kaum noch auseinanderzuhalten sind, und in dem geächtete Kriegswaffen zum Einsatz kommen.

Auch im ehemaligen Jugoslawien haben die Menschen nicht glauben können, was vor ihrer Haustür passiert. Wie sehr der Hass, der dort gesät wurde, die Menschen vergiftet hat. Sie konnten es sich nicht mal dann vorstellen, wenn sie sehen mussten, wie Freunde oder Nachbarn deportiert wurden. Sie sind geblieben in der Hoffnung, dass es sie nicht treffen würde. Viele haben das nicht überlebt.

„Sehr viele Menschen sind gestorben, weil sie, obwohl sie flüchten konnten zu einem bestimmten Zeitpunkt, es nicht wollten, weil sie ihren Job nicht verlieren wollten. Sie dachten: Hier wird jetzt eine Woche geschossen, ich versteck mich im Keller – und dann ist es wieder gut.“

Melina Borčak

Selbst die, die geflüchtet sind, hatten die Hoffnung, bald wieder zurückkehren zu können. Melina Borčak war noch ein Baby, als sie mit ihrer Mutter quer durch Europa nach Deutschland flüchten musste. Als man ihrer Mutter neue Kleidung anbot, hat sie abgelehnt: „Nein danke, das brauchen wir nicht. Wir gehen bald wieder zurück.“. Da waren sie bereits ein Jahr unterwegs. Es soll vier Jahre dauern, bis die Familie zurückkehrt. Gezwungenermaßen freiwillig, weil nicht sicher war, ob die Aufenthaltsgenehmigung noch einmal verlängert würde …

„Krieg ist etwas so extremes – man kann sich nie dran gewöhnen. Man kann nie glauben, man kann nie fassen, dass das gerade passiert.“

Melina Borčak

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen