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03.07.2019, Jamal Tuschick

#LiteraturaufderParkbank - Jennifer Pfalzgraf las auf einer Bank im Tiergarten Flashfiction. Das ist Mikroprosa, „zum Testen größerer Konzepte wie etwa Romane“. Isobel Markus erzählte von Manfred und Helmut und mancher Flasche Bier. Sie las sehr schön. Ihre Geschichte bestach mich und erzwang auch noch bei einem matten Max das Zuhören.

Pippi Langstrumpf radikalisiert sich

Isobel Markus

Jennifer Pfalzgraf befragt von Rolf S. Wolkenstein

Jule Jank

Selten war ein Tag heißer. Mir ist, als fingen meine Beine Feuer. Ich sehe mich im Tiergarten um. Auf den Bänken liegen Leute wie aufgebahrt. Die Picknickszenen erinnern an heruntergebrannte Feuer; an von der Erschöpfung geräumte Feldlager unter einem in Flammen stehenden Himmel wie von einem Flamen im 17. Jahrhundert gemalt.

Da entdecke ich Jennifer Pfalzgraf. Sie liest Flashfiction. Das ist Mikroprosa, „zum Testen größerer Konzepte wie etwa Romane“.

Halleluja, das klingt groß. Mir gefällt auch eine heruntergeschraubte Variante: „Das ist rohe Prosa.“ Man prüft mit ihr die Resonanz.

Der unbearbeitete Text handelt von Ereignissen in einem Feriencamp. Heldin ist „die Talentierteste in einer Eliteschule“. Sie will die Rolle der Viola in ihrem Lieblingsstück von Shakespeare – „Was ihr wollt“. Pfalzgraf gibt einem englischen Titel den Vorzug – „Twelfth Night“. Das bezieht sich auf die zwölfte Nacht nach Weihnachten.

Viola erleidet Schiffsbruch vor der Küste Illyriens, Pfalzgrafs Erzählerin erfreut sich an dem Witz: „Chancengleichheit in einer Eliteschule.“ Ihre Erwartung, die Rolle betreffend, werden geprellt. Schauspielerin möchte sie werden, „obwohl sie weiß, wie übel Schauspielerinnen von Regisseuren traktiert werden“. Die Wunschrolle wird dann mit dem „Scheidungskind Lucia“ besetzt. Darüber empört sich die Allerbeste dermaßen, dass sie „die Kontrolle über ihre Sprache verliert und im Sekundentakt Beleidigungen ausstößt“.

Mir gefällt der hohe Ansatz. Die Ausführung ist tadellos; dass sie auf Anhieb und ohne Bearbeitung gelingt, ein kleines Dschungelwunder. Die Hitze verwandelt den Tiergarten in einen Urwald.  

Ich stoße auf Jule Jank. Sie amtiert auf einer Decke und unter einem Schirm. Sie kniet leidenschaftlich über ihrer Geschichte, die Pippi Langstrumpf noch stärker emanzipiert.   

Hohlbaumgeschichte

Schauplatz der Radikalisierung ist ein hohler Baum.

„Ich bleibe hier, bis ich pensioniert bin“, verkündet Pippi.

Ich hatte ganz vergessen, wer Pippi ist – namentlich eine Neunjährige, die ihre Feind*innen mit Erika der Roten vergleichen. Ihr Mut und ihre Kraft sind beispiellos. Auch ihre Freund*innen Tommy und Annika übertreffen alle. Sie sind die klügsten Kinder der Welt; zu jedem Hochhinauf entschlossen.

Hoch liegt das Loch im hohlen Baum. Erst klettert man, dann rutscht man. Und dann?

Jule Jank kann sich nicht entscheiden, ob sie Pippi Langstrumpf nur weiterschreibt oder ob sich die nordische Heldin in ihrer Person hypostasiert.  

Ich notiere drei nicht identische Aussagen:

„Ich bin PL.“

„Ich lebe PL.“

„Ich identifiziere mich mit PL, aber auch mit Tommy und Annika.“

Das ist das Schöne an der Literatur. Dass sie einem so viel erlaubt und, sobald man es richtig versteht, auch ermöglicht.  

Auch Isobel Markus liest auf einer Bank unter Bäumen. Obwohl ihr Schauplatz auf dem Mittelscheitel eines Bogens liegt, der von einem Hauptweg mit Anmutungen eines Trampelpfades abdriftet, hat sie ein großes Publikum.   

„Man kann nicht an nichts denken.“

Das weiß Helmut. Er entzieht einer Bierflasche den Inhalt, während Eli ihm erklärt, was ihm alles nicht mehr gehört. Zum Beweis der Trostlosigkeit bleibt „das durchgesessene Sofa und eine nicht mehr zu rettende Pflanze“ in seinem Besitz.

Pflanzen mit Zukunft im Topf wechseln den Haushalt gemeinsam mit jedem Ding von Wert.

Ich höre eine Trennungsgeschichte, sie erzählt von einer Herzens-„Wüste, staubig und leer“.

„Das Bier aus der Flasche, die Füße auf dem Sofa.“

Helmut hat einfach nicht geschaltet, als Eli ihre Ansage machte. Da war er viel zu sehr damit beschäftigt, Eli zu ignorieren, wie sie vor dem Fernseher stand, während ein Arnie-Film lief.

Helmut liebt Arnold Schwarzenegger in all seinen Rollen. Er selbst ist ein niedergeschlagener Terminator, zumindest einer, der sich bis eben zu helfen wusste.  

Bis eben könnte vorgestern gewesen sein. Als Eli zu dem von einem Actionfilm unansprechbar gemachten und vom Bier sedierten Helmut sagte:

„Ich gehe zu Manfred.“

Offenbar wohnt Manfred nebenan. Er ist ein Freund, gelegentlich campiert man gemeinsam.

„Wieso zu Manfred? Da ist doch X.“

„X ist bei Manfred ausgezogen und ich ziehe bei ihm ein.“

Ich bleibe an der Geschichte hängen. Die Pointen sind so gekonnt gesetzt, dass ich mich freue, so was im Vorübergehen angeboten zu bekommen.

In jeder Trennung steckt eine Entwertung. Man trennt sich von nichts, was einem wertvoll erscheint.

Im Text steckt eine enorme Zuspitzung. Eli lässt kein gutes Haar an Helmut. Sie räumt ihn aus, nicht nur seine Wohnung, und er tarnt seine Paralyse mit den Formalitäten der Lethargie. Er gibt sich träge, um zu verhehlen, dass er nicht mehr kann. Game over. Ein paar Monate zuvor konnte Helmut Manfred noch in die Schranken weisen.

„Guck Eli nicht dauernd auf den Hintern.“

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