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06.07.2019, Jamal Tuschick

Thomas Hettche, Jakob Nolte, Monika Rinck, Ingo Schulze und Sibylle Lewitscharoff unterhielten sich unter der Überschrift „Emphatische Lektüren“ im Literarischen Colloquium am Wannsee über Wilhelm Raabes Novelle „Zum Wilden Mann“ und kamen dabei auf die Sklaverei und den Kolonialismus zu sprechen.

Handwerker des Kolonialismus

Thomas Hettche

Thomas Hettche, Jakob Nolte, Monika Rinck

Jakob Nolte, Monika Rinck, Ingo Schulze, Sibylle Lewitscharoff

Raabe dramatisiert mit allen Mitteln. Er zieht das Wetter und die Landschaft heran. Beide nimmt er in die Pflicht, einem großen Gemälde zu dienen. Bald kontert er das Furiose und rauscht ab in die kleinteilige Gemütlichkeit, indem er alles aufzählt, was in einer Apotheke an Tiegeln und Tassen herumsteht.

„Schwarzwürzig“ nannte Sibylle Lewitscharoff die 1873 entstandene Novelle „Zum wilden Mann“, die jeder gern als eine Geschichte vom Wilden Mann (als einer beweglichen und zugleich statistischen Figur) sich zur Verfügung stellt. Die Rede ist von einem Haudegen, der seine Gestalt in kolonialen Abenteuern erhalten hat. Raabe beschäftigt sich mit einem Typus, den es vor den Ausbeutungsfeldzügen im Globalen Süden nicht gab. Das ist ein Schlächter und Schinder, der mit einer Schwadron über Aufständische hinwegreitet.

So ungefähr skizzierte Ingo Schulze die Verkörperung des Wilden Mannes in der Person des Colonel Dom Agostin Agonista. Zugleich heißt ein Schauplatz des handlungsarmen Geschehens - eine im Thüringer Harz nahe dem Kyffhäuser stationierte Apotheke - „Zum wilden Mann“. Die Gegend selbst nimmt das Thema auf. Markante Punkte tragen martialische Namen. Heraus ragt der „Blutstuhl“, dem in Chroniken die besondere Bedeutung einer germanischen Versammlungsstätte aka Thingplatz zukommt.  

Aus der Ankündigung

Lesen ist eine Schnittstellenkunst, die zweierlei erst erzeugt, den Text und seine Leser*innen. Nur, wenn letztere sich lesend selbst in die Waagschale werfen, als ganze Personen mit allen Vorurteilen, Sehnsüchten und Wünschen, realisiert sich für sie ein literarischer Text in seiner Wahrhaftigkeit und seine Lektüre ergibt mehr als ein Geschmacksurteil. Zum zweiten Mal bietet Thomas Hettche, Honorarprofessor an der TU Berlin, sein Seminar »Emphatische Lektüren« an, das auf eine solche Lesepraxis zielt, die in unserem medialen Zeitalter zunehmend verloren zu gehen droht.  

Kurz gesagt, Raabe gibt sich viel Mühe mit Echo und Hall. Lewitscharoff bewies Leidenschaft im Aufspüren der Verdopplungen von Motiven. Noch mal. Das Wetter ist so, dass man keinen Hund auf die Straße lassen möchte, das Gelände ist zerklüftet und entlegen. Nun kommt in die Behaglichkeit einer guten Stube (der möblierte Dachstuhl der Apotheke) zu Honoratioren (Fürsten des provinziellen Alltags) einer aus der großen Welt, die alle anderen nur vom Hörensagen kennen.

Wieder war es Lewitscharoff, die darauf hinwies. Der Kolonialismus hatte im 19. Jahrhundert auch im letzten Krähwinkel einen Widerhall. Die untüchtig Zurückgebliebenen kannten sich auf ihre Weise damit aus. Sie hatten schon Kolonialwaren konsumiert so wie sie die Erzählungen von den Wilden in Afrika, Australien und Amerika konsumierten. Agonista kehrt als ausrangierter Söldner im Dienst des brasilianischen Kaisers zurück in die alte Heimat.  

Lewitscharoff erklärte, es sei kein Zufall, dass Raabe Brasilien gewählt habe. Denn da sei unter einem im Grunde europäischen Herrscher die Sklaverei zuletzt abgeschafft worden. Agonista hatte also so lange wie möglich was davon. So wie er einen viel größeren „Platz an der Sonne“ kennenzulernen den Mut besaß, als ihn Bismarck für das Deutsche Reich requirieren konnte.

Das wird nebenbei verhandelt. Der deutsche Michel kommt nicht hinter seinem Ofen hervor, während der Engländer im Wettstreit mit dem Franzosen sich die spanische und portugiesische Welt unter den Nagel reißt.

Deshalb gehe ich das an dieser Stelle durch. Der Kolonialismus liefert der Geschichte die Dynamik.

Noch mal. Das Dorf, in dem Agonista als junger Mann sich für die Auswanderung rüstete, besiedelt eine Harzkuppe – den Blutstuhl. „Ein starkes Wetter würzt“ (Lewitscharoff) die Atmosphäre. Der unchristliche Ursprung des Ensembles kollidiert und koinzidiert mit der Weltläufigkeit des Heidenkillers Agonista.

Der Mann kam der Zivilisation abhanden, indem er sie vertrat.

Er wurde zum Wilden, indem er Wilde tötete.

Als Niemand kann man in Amerika ankommen und sich mit Mord und Raub da ein Vermögen verschaffen. So ausgestattet kehrt man zurück und stellt seine Vergleiche an und setzt sich Vergleichen aus.

Solange der Kolonialismus auf eine bestimmte Weise virulent ist, das heißt, die deutschen Interessen vom Weltgeist nicht ausreichend berücksichtigt werden, ist so ein Agonista als Repräsentant der eigenmächtigen Tatkraft stets auch ein Dorn im Auge des braven Bürgers.

Vier Biedermänner und ein Empowerter

Der Immobile begegnet dem Leser vierfach als Apotheker Kristeller, Kreisarzt Hanff, Pastor Schönlank und Förster Ulebeule. Kristeller gelang auch ein Aufstieg von eigenen Gnaden. Seinen Platz im Leben verdankt er einem autodidaktisch botanisierenden Menschen, den er in einem August vor dreißig Jahren da traf, wo der Blutstuhl am wüstesten und sein Massiv bizarrer noch als überall sonst zerklüftet ist.

Das darf man wohl eine Wildnis nennen. Darin traf Kristeller einer Wilden. Er nannte ihn nach dem Monat der Begegnung. Herr August überließ ihm vor Abreise nach Übersee neuntausendfünfhundert Taler. Den Batzen legte Kristeller in der Apotheke „Zum Wilden Mann“ an.  

In der Runde kursierte die Idee vom „falschen Geld; einem Geld, auf dem kein Segen liegt“.  

Wie man sich auch dreht, man entdeckt Hinweise auf die Wildnis in den Köpfen und Herzen der Gemäßigten.  

Agonista „fühlt den Frost in den Knochen“. Er präsentiert sich als Herr August. Folglich steht Kristeller mächtig in seiner Schuld. Der Heimkehrer gibt seine Lebensgeschichte zum Besten.

„Es lernt sich alles auf der Welt.“

Agonista entstammt einer Scharfrichterdynastie.

„Mein Großvater hat das Amt als finsterer Enthusiast bekleidet.“

Der Enkel „entwickelte sich zu einem Handwerker des Kolonialismus“.

Sein „Blutberuf“, so Schulze, lässt ihn nicht kalt. Lewitscharoff nannte Agonista „einen edlen Menschen in einem scharfen Gehäuse“. Sie hatte das alles so parat, „die Kleinhäuslerei“ scheckiger scheeläugiger Provinzauguren, die sich was erzählen lassen, jeder für sich den Hintersinn in einer anderen Gemeinheit vermutend.

Hettche bemerkte: „Der Erzähler schützt den Leser, lässt die Figuren aber in offene Messer laufen.“

Zu den vielen Bezügen, mit denen die Novelle ihre Vielschichtigkeit gewinnt, gehört der Name des Schiffes, das den Auswanderer als jungen Mann nach Amerika trug. Es hieß wie der Entdecker jener Insel, die heute Robinson Crusoe Insel heißt - Juan Fernández. Ob Agonista damals schon ein/der Teufel war oder erst im weiteren Verlauf satanisch promoviert wurde, steht auf einem anderen Blatt.

Die teuflische Dimension deutet sich in einer Schicksalswendung an, die Kristeller zu erleiden hat. Die ihm von Herrn August überlassenen Taler sollten nach dem ersten Verwendungszweck Kristeller eine Hochzeit gestatten. Die Braut starb umgehend. Wie ist das zu verstehen? 

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