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02.07.2018, Jamal Tuschick

Nachrichten aus der Vergangenheit – Das Ende der Gastarbeiterliteratur als einem Sonderfall der Sozialarbeit – Versuch einer Bestandsaufnahme in kleinen Schritten.

Orhan Pamuk in Berlin

„Auf den schmutzigen Straßen, auf den verdreckten Plätzen … werden Millionen von Elenden mit ihren eigenen Erzählungen, die ihre Nimbusse des Unglücks umkränzen, trauervoll und somnambul herumwandern.“

Anfang der 1990er Jahre stromern und irrlichtern zahlreiche Autoren durch die Gemeinden, die das Getto der Gastarbeiterliteratur und einschlägiger Zuordnungen verlassen haben. Wo gehören sie hin? Ein gutes Beispiel für ethnische Komplexität liefert Hasan Dewran, Jahrgang 1958. Er gehört zu einer Gruppe, die in Siedlungsgebieten der kurdischen Minderheit eine Minderheit bildet. Erst in Deutschland lernte er Zazaki, die Sprache seines Volkes.

„Die sogenannten Ghettos“, sagt Zafer Senocak, „sind doch nichts anderes als zweite und dritte Ligen, in denen die Verlierer der Konsumgesellschaften landen, unabhängig von ihrer ethnischen Zugehörigkeit.“

Renan Demirkan behauptet, erst mit ihrem literarischen Debüt in „die Gruppe der Ausländer“ gerutscht zu sein. Ihr zweiten Buch, „Die Frau mit Bart“, Kiepenheuer & Witsch 1994, bleibt ohne Hinweis auf die türkische Herkunft. Der Sound der westdeutschen Siebziger klingt darin an: das alte Lied von der Selbstverwirklichung und den Heilkuren mit strahlenden Steinen.  

„Man muss anfangen, neue Maßstäbe zu setzen“, verlangt Selim Özdoğan, Jahrgang 1971. Der Geburtskölner ist Passtürke, mit der Konsequenz, seinen Wehrdienst in der Türkei nicht verweigern zu können. Zugleich sagt er: „Ich schreibe auf Deutsch, wie kann ich da behaupten, türkischer Autor zu sein.“

So ungerade sind die Zustandsbeschreibungen, zieht man die Folie summarischer Betrachtungen ab. Özdoğan ist türkischer Staatsbürger und deutscher Schriftsteller in einer Person. Seinen Standpunkt machte er zum Spitzentitel: „Die beste Rache ist ein gutes Leben“. 

Ich will das nicht verschweigen. Für viele ethnisch Differente verrauchen die Überschüsse an Möglichkeiten. Manche verrauchen ihre Überschüsse selbst. Ihre Chancenlosigkeit in der Mehrheitsgesellschaft kommt als Drohung an. Aus ihren Reihen rekrutieren sich die üblichen Verdächtigen.

„Na und“, sagt Feridun Zaimoglu. „Ohne diese Kanaksubidentitäten wären wir doch aufgeschmissen.“

Deutsche Schriftsteller mit herkömmlichen Biografien sind oft gezwungen, ihre Sprachempfindlichkeit literarischen Allgemeinplätzen auszuliefern. Sie haben kein Thema, das die Gesellschaft erreicht. Das mag den befriedeten Verhältnissen geschuldet sein, die ihre Hintergründe abgeben.

Ihre Umgebung ist ruhig. Das kann man von migrantischen Milieus nicht behaupten. Ich treffe Emine Sevgi Özdamar und Orhan Pamuk am Rosenthaler Platz in Berlin. Für Emine Sevgi Özdamar ist Deutschland eine Bühne ihres Theaterehrgeizes. Sie dehnt das Sujet der Entwurzelung als dem rentabelsten Sujet aller Einwanderungsgeschichten zu einem universellen Daseinsmerkmal in fortgeschrittenen Industriegesellschaften. Pamuk ist halbwegs Exilant und nicht weit davon entfernt, in der Türkei ein verfemter Schriftsteller zu sein.

„Auf den schmutzigen Straßen, auf den verdreckten Plätzen … werden Millionen von Elenden mit ihren eigenen Erzählungen, die ihre Nimbusse des Unglücks umkränzen, trauervoll und somnambul herumwandern.“

„Kara Kitap“ - Ich lasse mein Exemplar signieren. Pamuks „Schwarzes Buch“ spielt auf verschneiten Straßen und in verwinkelten Buden. Anwalt Galip sucht seine Frau Rüya. Eine einfache Namensmetaphorik eröffnet dem Vorgang einen doppelten Boden und erzeugt die Illusion eines magischen Raums.

Der Suchende heißt nach einem Verfasser mythischer Dichtung. Die konkrete Übersetzung seines Namens entspricht dem deutschen „Sieger“, während die Gesuchte „Vision“ oder „Traum“ heißt. Galip wird nur ihre Leiche finden, einen zerbrochenen Traum. Bis dahin ist es ein weiter Weg.

Der Roman setzt sich aus zahllosen ineinandergreifenden Geschichten zusammen, in denen zwei bis zum Schluss Abwesende Hauptrollen spielen: „Traumfrau“ Rüya und der legendäre Kolumnist Celal, der das Ende des Buchs auch nicht überlebt. Anwalt Galip tappt durch Kriminebel, er passiert eine verhangene, phantasmagorische Kulisse, bevölkert von konturarmen, vor Kälte starren, ständig rauchenden Passanten, die sich in Kinos und Kaffeestuben aufwärmen.

Nur die Scheinwerfer amerikanischer Gangsterschlitten kegeln Licht ins Dunkel der Pamukschen Geistermetropole. Galip trifft einen obskuren Händler namens Alaadin, der illegale kommunistische Periodika und handfeste Pornografie bereit hält. Eine wandernde Moschee kommt vorbei, Pamuk schöpft unbefangen aus der europäischen Moderne: als böten Joyce, Proust und Kafka zur Verwertung freigegebene Gebrauchsmuster.

Es sind weniger die Methoden, die überraschen, als vielmehr der Anwendungsfall. Bei Pamuk nimmt der Transformationsprozess der Moderne in einem alten Prospekt eine neue, sofort überzeugende Wendung. Das „Schwarze Buch“ evoziert die Atmosphäre eines verödeten Istanbuler Sackbahnhofs, in den nach einer hundert Jahre währenden Reise ein Transkontinental-Literatur- und Kinoexpress einfährt. Aus der Lokomotive ragen vom Fahrtwind skelettierte Rümpfe.

Die mumifizierten Leichen in der Ersten Klasse lassen sich anhand vergilbter Besetzungslisten des film noir identifizieren. Die Inspektion der Ladung gibt dem Erstaunen Anlässe.

Wird fortgesetzt.

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