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08.07.2019, Jamal Tuschick

Gregor Hens erzählt in „Missouri“ von einem Mann, der gegen Regeln verstößt und Gefahr läuft, seine Orientierung zu verlieren.

Die Überwindung der Schwerkraft

Als Zögling eines Internats am Niederrhein lernt er „lateinische Grammatik und Judo“ und sonst nichts. In einem Austauschprogramm landet er im Nordwesten der Vereinigten Staaten bei einem Baggerfahrer, der einer Baptistengemeinde vorsteht und einen Ausdruck seines christlichen Eifers in den Schaft einer Büchse graviert hat.

Gregor Hens, „Missouri“, Roman, Aufbau Verlag, 284 Seiten, 22,-

Nach seiner Rückkehr an den Niederrhein trägt der Erzähler „eine neue Welt in sich“.

Der Erzähler entbindet beim zweiten Amerikaaufenthalt den ersten

Sieben Jahre später trägt Karl die neue Welt in einer Welt im Umbruch aus. Er unterrichtet Deutsch in St. Louis nach strengen Vorgaben, frequentiert einen Waschsalon, sieht Horrorfilme, reagiert skeptisch auf die Wiedervereinigung und verliebt sich in Stella.

Karl erschien die Mauer als Bollwerk gegen deutsche Hybris nötig. Er sagt ihr „einen kühlenden Effekt“ nach. Doch dann entdeckt die Lehrkraft eine Leerstelle.

Die Brandungsgeräusche von Neunundachtzig lassen den Erzähler eine Leerstelle entdecken. Das andere Deutschland liegt ihm ferner als Amerika. Er plädiert sich selbst gegenüber für eine ethnologische Annäherung. Er sieht sich in Weimar die Gewohnheiten der Eingeborenen studieren und manchen Stein gewordenen Widerhall deutscher Klassik mustern.

Das ist großartig. Der Westdeutsche als Halbblut der Geschichte geht in dem amerikanischen Betrieb reibungslos auf, während ihn die vom Wohlstand abgesprengten Landsleute zu verwinkelten Betrachtungen anregen.

Eine ostdeutsche Kollegin verschwindet, den Stasi-Verdacht hinter sich herziehend. Karl ist die eigene Oberflächlichkeit egal. Der Ostblock bleibt „eine Fantasie“ vom Spion, wie er aus der Kälte kommt, sich - einer Dystopie den Rücken kehrend - aus dem Mantel schält und mit einem Whisky am Kamin den Westen begrüßt. In dieser Ignoranz-Fasson so wie als Heimaturlauber stattet Karl gemeinsam mit Freunden der sich gerade übergebenden DDR einen Besuch ab.

Man muss aufpassen, dass man die Ereignisse rund um „die friedliche Revolution“ nicht auf der Kehrichtschaufel der eigenen Geschichtsvergessenheit zur Tonne der eigenen Einfalt trägt.

Das große Verscherbeln hat schon begonnen, aber die DDR gibt es noch in ihrer Agonie. So wie Bürger*innen, die in einem starken Trennungsschmerz mit ihrem Land verbunden sind. Karl, der vom Oklahoma Land Run bis Disneyland amerikanische Geschichte referiert und Minigemeinden im Nordwesten so wie geografisch markante Punkte überall in den Vereinigten Staaten mit lebhafter Wahrnehmung verbindet, ist blind & taub im Verhältnis zu Leuten, die ahnungslos ihre lebensgeschichtlichen Brüche herbeidemonstriert haben. Karl tritt die Flucht zurück nach Amerika an. Voller Sehnsucht nach Stella landet er auf dem St. Louis Lambert International Airport.

Stella ist Studentin, Beziehungen zwischen Lehrkräften und Studierenden sind nicht nur pro forma untersagt, sondern strafbewehrt verboten.

„Ich hatte (Stella) mein ganzes Leben lang gesucht.“

Vielleicht sollte man das in einer Besprechung verschweigen, doch ist mir so, als müsste es gesagt werden:

Stella schwebt yogistisch. Stichwort Levitation.

Die Überwindung der Schwerkraft gelingt ihr nicht voluntativ. Sie nimmt Karl mit zu ihren Leuten. Im Gegenlicht einer ländlichen Prägung der Geliebten mit „frischer Krume, Präriegras und … amischen Schreinern“ erkennt der Erzähler:

„Das Deutschland meiner Jugend war dunkel … und ohne Zauber.“

In Italien kennt man die Cuisine Povera als hervorragende Küche voller Monte e Mare-Kontraste. Im ruralen Ohio stößt Karl auf einen Stil - American Primitive. Stellas Eltern verkörpern ihn. Sie haben „das Landleben (und eine hyperbewusste Daseinsweise) gewählt“. In ihrer Umgebung vollzieht sich auch eine „kulinarische Revolution“. Das sind Pionierleistungen an der Front des „interessanteste(n) und gesündeste(n) Essen(s).“

Der Vater war mal in Petra Kelly verliebt, er kommt aus der Antikriegsbewegung. Er zieht Karl in seinen Bann, so wie auch Stellas Mutter Janet ungemein interventionistisch auftritt. Janets lesbische Zwillingsschwester lädt Karl zu komplizierten Hätte-Wenn-Erwägungen ein. Die einfache Liebesgeschichte fängt an, ein bisschen zu ausgesucht und kunsthandwerklich gedrechselt von sich reden zu machen. Der Autor gibt vielen Einfällen Raum. Er zieht Stimmungen heran zur Verstärkung. Sein Erzähler gerät in den Sog einer Art Erweckungsbewegung. Vielleicht ist das schon zu viel.

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